Delta-Variante Dramatischer Corona-Anstieg in Russland: Kommt jetzt die Impfpflicht?

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Noch vor wenigen Wochen schien Covid-19 in Russland fast vergessen. Nun explodieren die Zahlen wieder, während die Behörden eine Impfpflicht für einzelne Branchen einführen.

EM-Fanmeile in Sankt Petersburg am 21.06.2021. Spiel: Russland-Dänemark
Die EM-Fanmeile in Sankt Petersburg war trotz drastisch steigender Inzidenzen gut besucht. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Mit dem Abpfiff bahnt sich eine riesige Menschenmenge enttäuschter Fans Anfang der Woche ihren Weg von der Fanmeile mit ihren großen Leinwänden Richtung Metrostation am Newski Prospekt. Hunderte Männer und Frauen quetschen sich wenige Minuten später in überfüllte Züge. An Masken oder Abstand denkt hier so gut wie niemand. In den  Bars in den angrenzenden Straßen fließt dagegen noch reichlich Bier. Gerade ist die noch bei der Heim-WM 2018 gefeierte russische Nationalmannschaft in der Vorrunde nach der Niederlage gegen Dänemark chancenlos ausgeschieden.

Doch die wirklich dramatischen Szenen spielen sich zur gleichen Zeit weitab der Fußgängerzonen und Touristenmagneten von Sankt Petersburg ab. Just am Montag tauchte ein Video aus dem Krankenhaus Nr. 15 am südlichen Stadtrand der Sechs-Millionen-Metropole auf. Auf überfüllten Gängen liegen Patienten teils auf Matratzen, die auf dem blanken Fliesenboden liegen. Andere Aufnahmen zeigen, wie sich Krankenwagen vor den Toren der Covid-Stationen stauen. Allein nach offiziellen Angaben sind die Covid-Stationen der Stadt zu weit über 90 Prozent ausgelastet. Erst vor wenigen Tagen klagte der Chef des privaten Rettungsdienstes Corris öffentlich darüber, dass wegen des hohen Andrangs Krankenwagen oft bis zu sechs Stunden vor der Zufahrt warten müssen, bevor sie Patienten an das Krankenhaus-Personal übergeben können.

Krankenwagen vor einer Sankt Petersburger Krankenhaus warten mit Covid-Patienten auf Einlass
Krankenwagen vor einem Sankt Petersburger Krankenhaus warten mit Covid-Patienten auf Einlass. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Dritte Welle rollt über Russland

Seit vergangener Woche rollt eine dritte Corona-Welle über Russland hinweg mit einer Wucht, die selbst Experten überrascht. Allein in Sankt Petersburg seien in der vergangenen Woche täglich 800 Menschen mit Covid-19-Diagnose ins Krankenhaus eingeliefert worden, erklärt der Bürgermeister Alexander Beglow. Pro Tag sterben in der Stadt derzeit mit 80 Menschen fast doppelt so viele wie noch Anfang des Monats. Nicht weniger ernst ist die Situation in Moskau, wo sich die Anzahl der Neuinfizierten in der letzten Woche verdreifacht hat. Insgesamt bewegt sich Russland im Eiltempo auf die Werte zu, die zuletzt auf dem Höhepunkt im Herbst gemessen worden waren.

Fußballspiel Russland - Dänemark 1 min
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Russland ist raus.

MDR aktuell 21:45 Uhr Mo 21.06.2021 23:05Uhr 00:46 min

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Russland: Delta-Variante überwiegt

Einer der Gründe dafür ist die schnelle Ausbreitung der Delta-Variante, der vormals "indischen" Variante des Virus, auf die in Russland zwischen 70 und 90 Prozent der neuen Infektionen entfallen. Diese aggressive Virus-Variante trifft auf eine weitgehend umgeimpfte Bevölkerung. Denn obwohl in Russland kein Mangel an Impfstoffen herrscht, haben bislang nur zehn Prozent der Bevölkerung den vollen Impfzyklus durchlaufen.

Dabei feierten nicht nur Moskaus staatlich gelenkte Medien, sondern auch weite Teile der russischen Öffentlichkeit das Land zuletzt als eine Insel der Glückseligen im europäischen Meer aus Lockdowns und Einschränkungen. Die letzten wirklich spürbaren Quarantäne-Maßnahmen mit geschlossenen Schulen, Geschäften und Home Office sind mittlerweile fast ein Jahr her. Auch die Einhaltung der noch immer geltenden Maskenpflicht wurde zuletzt kaum noch kontrolliert. "Viele Russen haben die Angst vor Corona verloren und hofften darauf, dass die Situation sich irgendwie von alleine löst", erklärt Denis Wolkow, Chef des unabhängigen Umfrageinstitus Levada. In einer der letzten Levada-Umfragen vom Mai gaben weniger als 50 Prozent an, dass sie vor einer Infektion Angst hätten. Entsprechend klein war zuletzt auch die Impfbereitschaft.

Impfpflicht bereits für bestimmte Branchen

Das soll sich nun eiligst ändern. Noch im Mai, als die Zahl der Impfwilligen zu stagnieren begann, hatte Präsident Wladimir Putin betont, dass die Impfungen ausschließlich freiwillig erfolgen. Auch die Vorsitzende des Föderationsrates Walentina Matwienko schloss eine Impfpflicht aus. Doch die jüngste Corona-Welle veranlasst auch die Offiziellen zu deutlich drastischeren Maßnahmen.

Doch vergangene Woche haben sich mehrere Chefärzte für eine Impfpflicht ausgesprochen. Seitdem haben gleich mehrere Regionen, allen voran die Hauptstadt Moskau und das Moskauer Umland, eine Impfpflicht für Beschäftigte in bestimmten Branchen eingeführt. Der Plan sieht vor, dass mindestens 60 Prozent der Beschäftigten im medizinischen Bereich, aber auch im Handel und in der Gastronomie oder im öffentlichen Dienst und der Verwaltung bis August mit Sputnik V oder den beiden anderen in Russland zugelassenen Impfstoffen Covivac und Epivac-Corona geimpft werden sollen. Arbeitgeber, die diese Vorgaben nicht schaffen, drohen nun empfindliche Geldstrafen von insgesamt bis zu 12.000 Euro. Bislang haben sich mindestens ein Dutzend Regionen diesen Regeln angeschlossen.

Corona-Beschränkungen teilweise eingeführt

Flankiert wurden diese Maßnahmen allerdings nur von halbherzigen Einschränkungen des öffentlichen Lebens. So wurden zumindest in Moskau die offiziellen EM-Fanmeilen wieder geschlossen, während einige Unternehmen nun im Home Office arbeiten. Auch Konzerte wurden erstmals seit dem vergangenen Winter abgesagt. In der EM-Stadt Sankt Petersburg hingegen wurden nur die Zuschauerzahlen auf den Fanmeilen auf 3000 begrenzt.

Impfstation in Sankt Petersburg
Es bilden sich keine langen Schlangen vor den russischen Impfzentren. Die Behörden hoffen auf Besserung. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Wie sich die jüngsten Maßnahmen auf die Impfbereitschaft auswirken werden, bleibt ungewiss. Eine offizielle landesweite Statistik gibt es nicht. Die Moskauer Stadtverwaltung erklärte, dass sich die Anzahl der Impfregistrierungen in den vergangenen Tagen vervierfacht habe.

Gleichzeitig dürfte jedoch die Impfskepsis vieler Russen nicht so einfach zu besiegen sein. Offenbar suchen einige einen Ausweg nun im Kauf gefälschter Impfzertifikate, die meist anonym im Internet über Webseiten oder Messengerdienste für umgerechnet 50 bis 200 Euro angeboten werden. Allein in Moskau wurden in den vergangenen Tagen mindestens 24 Strafverfahren wegen des Verkaufs gefälschter Impfzeugnisse eingeleitet. Die Medienaufsicht Roskomnadzor ließ ihrerseits mehr als 150 Webseiten mit entsprechenden Angeboten blockieren.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Juni 2021 | 07:15 Uhr

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