WC Was der Kreml mit Russlands Schulklos zu schaffen hat

Fotomontage Mann vor Fahne
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So schnell kann aus einem harmlosen PR-Gag eine "Staatskrise" werden. Eigentlich wollte ein Putzmittelhersteller nur Werbung für seine Produkte machen, als er einen Fotobewerb zur Wahl der schmuddeligsten Schultoilette in Russland startete. Doch nun läuft die Sache aus dem Ruder.

Toilette in Russland
Waschbecken einer Toilettenanlage in Moskau. Teil des aktuellen Foto-Wettbewerbs war die Anlage nicht. Bildrechte: dpa

Im März hatte die Russland-Tochter eines britischen Chemiekonzerns einen Foto-Wettbewerb ausgeschrieben. Gesucht war die schmutzigste Schultoilette Russlands. Bewerber sollten Fotos ihrer WCs auf einer eigens eingerichteten Webseite zur Abstimmung hochladen. Den Gewinnern, so verspricht der Hersteller, wird das Klosett saniert.

Stehklos und zerschlagene Kacheln

Doch ist die Werbekampagne übers Ziel hinausgeschossen, denn die Aktion hat eine heftige Diskussion nicht nur über den Zustand der Schultoiletten sondern auch über den Zustand des Bildungswesens in Gang gebracht. 

Grund dafür sind die über 130 veröffentlichten Fotos, die schonungslos den abgewirtschafteten Zustand in russischen Schultoiletten demonstrieren: Bei einigen fehlen die Türen, es gibt zahlreiche Stehklos oder aber die Toilette besteht aus einer im Boden versenkten Schüssel, die offenbar noch aus der Sowjetzeit stammt. Verrostete Heizkörper, zerschlagene Kacheln scheinen vor allem in der Provinz zum Alltag in den Waschräumen zu gehören. Nicht nur die Schüler, sondern auch viele Eltern hatten sich am Foto-Wettbewerb des Reiningungsmittel-Herstellers beteiligt. Die Bilder kann man sich unter folgendem Link ansehen:

Der Kreml äußert sich

Das internationale Unternehmen habe mit seiner Kampagne ein wahres "Portal zur Hölle aufgemacht", kommentierte das russischsprachige Onlineportal Meduza. Der populäre russische Blogger Rustem Adagamow schrieb in seinem Twitter-Profil, dass die Werbekampagne unfreiwillig "zu einer politischen Aktion" geworden sei.

Schlussendlich musste sogar der Kreml in der Sache Stellung beziehen. Ein wenig ironisch fragte die Moskauer Zeitung "Kommersant" bei Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow in einer Telefonkonferenz nach, ob diese Aktion nicht als Provokation des Westens gewertet werden könne. Peskow antwortete, dass die Frage der Schultoiletten nicht in den Zuständigkeitsbereich des Kremls falle und Staatschef Wladimir Putin an dem Wettbewerb nichts auszusetzen habe. 

Stadtverwaltungen für Sanierungen zuständig

Das Geld für Schulrenovierungen müsste eigentlich von den jeweiligen Stadtverwaltungen kommen, doch klagen die häufig über Geldnot. Viele Schulen behelfen sich deshalb damit, Gelder für laufende Reparaturen – ob für Klassenzimmer oder Toilettenräume – von den Eltern einzufordern.

Oder aber die Schulen beteiligen sich an Aktionen, die von Firmen gesponsert werden. "Unsere Mittel reichen nicht aus, um die nötigen Reparaturarbeiten zu bezahlen", beklagte sich die Direktorin der Siegerschule Nr.1 aus der Provinzstadt Gus-Chrustalny in der russischen Presse. "Wir können uns Erneuerungen im europäischen Stil nicht leisten, deswegen haben wir uns beteiligt". 

Verwaltung in Wolgograd will selbst sanieren

Doch nicht alle Behörden freuen sich dieser Tage über so viel Aufmerksamkeit, die die Fotoaktion ausgelöst hat. Die Stadtverwaltung von Wolgograd, die für eine der Sieger-Schulen des Wettbewerbs verantwortlich ist, reagierte verschnupft. In einer offiziellen Mitteilung der Stadt heißt es, man werde die Schultoiletten aus eigenen Mitteln reparieren. Mit anderen Worten: Die vom Reinigungsmittelhersteller versprochene Sanierung benötigt man nicht. In der besagten Schule ist man skeptisch, was das Versprechen der Stadtverwaltungs angeht: Eine Schulmitarbeiterin erklärte dem Nachrichtenportal MBKh-Media, dass man schon seit Jahren bei der Verwaltung um Gelder für eine Renovierung bettle.

 

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 07. Mai 2018 | 19:30 Uhr

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