Vor 80 Jahren Novi Sad: Die düstere Vergangenheit der serbischen Kulturhauptstadt

Fotomontage Mann vor Fahne
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Novi Sad ist eine von drei europäischen Kulturhauptstädten in diesem Jahr. Mehr als 4.000 Künstler sollen dort bis zum Jahresende ihre Werke vorstellen. Während in der Stadt an der Donau ausgelassen gefeiert wird, schaut der serbische Schriftsteller Ivan Ivanji in diesen Tagen mit ganz anderen Augen auf Novi Sad. Er lebte dort von 1941 bis 1944, bis er als Jude über Auschwitz ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt wurde. Am 21. Januar 1942 begann das "Massaker in Novi Sad".

Das Stadtzentrum von Novi Sad 2018 bei Nacht
Die nordserbische Stadt Novi Sad ist die Kulturhauptstadt Europas für das Jahr 2022. Bildrechte: picture alliance/dpa/Stiftung Novi Sad 2021 | Jelena Ivanovic

In Serbien spricht man von einer "Razzia", während der ungarische Einheiten unter General Ferenc Feketehalmy-Czeydnerin innerhalb von drei Tagen mindestens 1.246 Zivilisten – Serben, Juden und Roma – ermordeten. Die Leichen wurden anschließend in die Donau geworfen.

Es beginnt harmlos: Hurra! Keine Schule!

Ivan Ivanji als Kind
Ivan Ivanji als Kind Bildrechte: Ivan Ivanji

Ivan Ivanji erinnert sich, dass der Januar 1942 besonders kalt war. In Schals eingewickelt wollten er und zwei seiner Cousins am 20. Januar in die Schule gehen, doch auf einer Anschlagsäule vor dem Haustor prangte ein großes Plakat: "Polizeiliche Fahndungsaktion".

"Weiter hieß es, in der Stadt verbergen sich verdächtige Personen mit vielen Waffen, jedermann müsse zu Hause bleiben, die Fenster schließen, nicht hinausschauen. Weiteres interessierte uns nichts: Hurra! Keine Schule!", erinnert sich Ivanji.

Er wohnte zu dieser Zeit bei seinem Onkel, der eine Donauschwäbin geheiratet und sich den Schwiegereltern zu Liebe hatte taufen lassen. Novi Sad, die Hauptstadt der Region Batschka, war im April 1941 von Ungarn besetzt. Die östlich davon gelegene Region Banat, wo Ivan Ivanji in der Stadt Zrenjanin (damals Großbetschkerek) geboren wurde und zur Schule ging, war dagegen von der deutschen Wehrmacht, der SS und der Gestapo besetzt. Seine jüdische Herkunft wäre dort einem Todurteil gleichgekommen. Doch ein reformierter Pfarrer stellte Ivanji einen Taufschein aus, als sei er unmittelbar nach seiner Geburt von ihm getauft worden, und die Tante aus Novi Sad holte ihn zu sich.

Kulturhauptstadt Novi Sad und ihr düsteres Geheimnis

"Frech schrieb ich mich als Ungar ins Ungarische Gymnasium ein. Dem Direktor sagte ich, außer dem Taufschein hätte ich keine Dokumente. Er schrieb mich ein, als wäre ich im vergangenen Jahr schon in diese Schule gegangen. Mit diesen zwei gefälschten Papieren glaubte ich mich in Sicherheit. Die Juden, die im Banat geblieben waren, auch meine Eltern, wurden ermordet", erzählt Ivanji.

In der Wohnung des Onkels erschienen in diesen Tagen zweimal Polizeipatrouillen, ließen sich die Personalausweise zeigen, für Kinder genügten Schulausweise. Sie öffneten einige Schränke, besichtigten Bücher. Die Hausbewohner hätten keine Ahnung gehabt, was einige hundert Meter von ihnen entfernt geschah, berichtet Ivanji. Dabei war dort keine Fahndungsaktion im Gange, sondern "ein regelrechtes Massaker und ein wahrer Blutrausch". Keine einzige "verdächtige Person" wurde bei dieser Aktion verhaftet.

Novi Sad Massaker 1941
Erschießung von Serben und Juden während des Massakers von Novi Sad. Bildrechte: dpa

Massaker 1942: Erschossen und in die Donau geworfen

Nach Kommunisten und Partisanen wurde gar nicht gefahndet – vor ihnen hatten die ungarischen Gendarmen Angst, denn die hätten sich gewehrt und es wäre zu Feuergefechten gekommen. Die Ungarn seien nur auf Mord und Raub aus gewesen, so Ivanji.

Juden, Serben und Roma wurden aus ihren Wohnungen gezerrt und entweder direkt vor ihren Häusern erschossen oder zum berühmten, zwei Kilometer langen Sandstrand an der Donau getrieben und dort umgebracht. Man schlug Löcher in den vereisten Fluss, die Leichen wurden unter die Schollen geschoben.

Es ist nie geklärt worden, wie viele Opfer es gab. Man schätzt, dass es um die 4.500 waren. Namentlich konnten "nur" 1.246 Personen identifiziert werden. Viele Familien wurden komplett ausgerottet, so dass es von ihnen keine Spuren mehr gab.

Panorama von Novi Sad
Sonnenuntergänge an der Donau in Novi Sad wirken malerisch. Doch der Fluss verbirgt an dieser Stelle ein düsteres Geheimnis: Im Januar 1942 wurden die Leichen der Massakeropfer in der Donau "entsorgt". Bildrechte: IMAGO / Shotshop

Jüdische Mitschüler fehlen in der Schule

Am 24. Januar stoppte ein Befehl aus Budapest die "Fahndungsaktion", die unter dem ebenso verharmlosenden Namen "Razzia in Novi Sad" in die Geschichte eingegangen ist. "Es war am Tag meines 13. Geburtstages, theoretisch hätte ich ja Bar Mitzwa feiern können, da ich aufgrund der alten jüdischen Gesetze mündig geworden war", sagt Ivanji.

Wieder in der Schule, stellten Ivanjis Klassenkameraden fest, dass jüdische Mitschüler, die gelbe Armbinden hatten tragen müssen, nicht mehr erschienen. Allmählich erfuhr man, was geschehen war. Angst hatte Ivanji nicht. Zu jung war er, um die brutale Wirklichkeit zu durchschauen. Aus Protest gegen die Gräueltaten begannen alle ungarischen Gymnasiasten, Serbisch zu sprechen.

"Sehr junge Leute haben freilich kein langes Gedächtnis", erzählt Ivanji. "Im Sommer 1942 tollten und badeten wir wieder am Donaustrand, obwohl wir genau wussten, was einige Monate vorher dort geschehen war, aber der Wind und die Frühlingsregen hatten die Blutspuren beseitigt".

Nie wieder? Von wegen!

Das Leben in der besetzten Vojvodina ging weiter. Vom Schicksal seiner Eltern wusste Ivanji nichts. "Im April 1944 wurde ich verhaftet und nach Auschwitz gebracht", erzählt er. "Als 16-Jähriger kam ich nach Jugoslawien zurück, da wurde mir angeboten, Beobachter beim Prozess gegen die Haupverantwortlichen der Razzia zu sein und auch Zeuge bei ihrer Hinrichtung. Das habe ich abgelehnt".

Ivan Ivanji im Stab von Josip Broz Tito.
Nach dem Krieg war Ivan Ivanji (Bildmitte links) u.a. als Dolmetscher für den jugoslawischen Staatschef Josip Broz Titio (Bildmitte rechts) tätig. Von 1974 bis 1978 war er jugoslawischer Kulturattaché in Bonn. Bildrechte: Andrej Ivanji

Heute steht am Donauufer das vier Meter große Denkmal "Die Familie" des Bildhauers Jovan Soldatović, das an die Opfer des Massakers erinnern soll. Alljährlich werden Gottesdienste an dieser Stelle gefeiert, zuerst orthodoxe, dann katholische und als letzter spricht der Oberrabbiner.

"Ich nehme an diesen Veranstaltungen nicht teil, weil mir der Spruch 'Nie wieder!' im Hals stecken bleibt. Denn das Morden und Unschuldigsterben geht auf der ganzen Welt weiter, wenn auch auf andere Art und Weise", sagt Ivanji.

Doch er fügt hinzu: "Hoffentlich ist es nur mein Alter, das mich zu einem Zyniker werden ließ. Ich sollte glücklich sein, sowohl die Razzia, als auch Auschwitz und Buchenwald überlebt zu haben, um jetzt zum 80. Jahrestag der blutigen Orgie in Novi Sad meinen 93. Geburtstag begehen zu können".

Novi Sad: Europäische Kulturhauptstadt 2022

Novi Sad liegt an der Donau im Norden Serbiens und ist Europas Kulturhauptstadt 2022. Am 13. Januar wurde das Programm mit einer aufwendigen Multimediashow eröffnet. Dabei meldeten sich der deutsche Astronaut Matthias Maurer und zwei russische Kosmonauten mit Friedensgrüßen und Glückwünschen von der Internationalen Raumstation. Novi Sad hat sich für das Jahr als Kulturhauptstadt viel vorgenommen. Insgesamt sollen 1.500 Programme realisiert werden, an denen sich rund 4.000 Künstler beteiligen. Den Titel einer Europäischen Kulturhauptstadt tragen in diesem Jahr auch Esch in Luxemburg und Kaunas in Litauen.

Massaker von Novi Sad im Januar 1942

Das Massaker von Novi Sad war ein Kriegsverbrechen, das von Angehörigen der ungarischen Besatzungseinheiten in Serbien verübt wurde. Mindestens 1246 einheimische Zivilisten, Juden, Serben und Roma, wurden vom 21. bis 23. Januar 1942 ermordet. Die Leichen wurden anschließend in die Donau geworfen. Nach Protesten in Ungarn wurde der verantwortliche General Ferenc Feketehalmy-Czeydner zu 15 Jahren Haft verurteilt, flüchtete aber ins damalige Großdeutsche Reich, wo ihm politisches Asyl gewährt wurde. Nach dem Krieg wurde er an Jugoslawien ausgeliefert, zum Tode verurteilt und gehängt.

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Dieses Thema im Programm: MDR extra: Gegen das Vergessen | 11. April 2021 | 18:00 Uhr

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