Erntehelfer aus Osteuropa Was deutscher Spargel mit Rumäniens Armut zu tun hat

Zehntausende Erntehelfer aus Rumänien jobben jedes Jahr ab dem Frühjahr auf deutschen Feldern, weil sie damit deutlich mehr Geld verdienen als in ihrer Heimat. Während sie die Ernte in Deutschland einbringen, fehlen sie jedoch der Landwirtschaft in Rumänien.

Eine 1.500 Kilometer lange Anreise wird der rumänische Erntehelfer Anton Echert bis zum thüringischen Spargelhof Kutzleben haben. Er ist Vorarbeiter für gut 90 rumänische Saisonkräfte, die den Spargel vom Feld holen und für den Verkauf vorbereiten sollen. Im zweiten Pandemie-Jahr in Folge weiß Echert längst, was sein Team an Hygiene- und Abstandsregeln erwartet. "Wir hatten auf dem Hof im vorigen Jahr keinen einzigen Corona-Fall, das stimmt mich zuversichtlich“, sagt er. Ein Krankheitsfall würde seine Pläne und die der anderen Erntehelfer völlig durchkreuzen: Sie kommen nach Thüringen, um möglichst viel zu arbeiten und möglichst viel Ersparnisse nach Hause zu bringen.

Trotz Arbeit armutsgefährdet

Gut ein Drittel aller 940.000 Beschäftigten in der deutschen Landwirtschaft sind Saisonkräfte wie Anton Echert: Sie bestellen von Frühjahr bis Herbst die Felder mit, sie bringen bei Wind und Wetter die Ernte ein, sie werden für die Handarbeit bei arbeitsintensiven Kulturen wie Spargel, Erdbeeren oder Gurken gebraucht. Für die Erntejobs bewerben sich schon lange keine einheimischen Arbeitnehmer mehr, sondern Osteuropäer, darunter viele Rumänen: Sie sind prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse von zuhause gewohnt, sie erleben häufig, dass es für viel Arbeit nur wenig Geld gibt. Jeder sechste Erwerbstätige in Rumänien gilt trotz Job als armutsgefährdet, in keinem anderen Land der EU liegt dieser Anteil so hoch.

Erntehelfer arbeiten auf einem Feld
Erntehelfer auf einem Feld in Baden-Württemberg Bildrechte: dpa

Seit über 15 Jahren zum Spargelhof

Vorarbeiter Echert verdingt sich deshalb lieber in Thüringen als in Rumänien. Der jährliche Arbeitseinsatz auf dem Spargelhof ist für ihn "wie nach Hause zu kommen". Im Spind einer früheren NVA-Kaserne, in der die Erntehelfer untergebracht sind, warten Gummistiefel und Arbeitskleidung, die Echert gleich vor Ort lässt, "weil ich seit über 15 Jahren immer wiederkomme". Früher besserte er mit der Spargelsaison sein Gehalt als Beamter der rumänischen Staatsbahn auf. Inzwischen ist er Rentner, doch das Arbeiten hat er trotzdem nicht aufgegeben. Seine Monatsrente von 500 Euro könne durchaus einen Zuschuss vertragen, scherzt der 61-Jährige am Telefon.

Landwirte reagieren mit Arbeitsverdichtung

Echerts Stundenlohn auf dem Spargelhof ist mit den Jahren kontinuierlich gestiegen: von 3,30 auf 9,50 Euro die Stunde. In zwei Monaten Ernte in Deutschland kann er heuer die Hälfte seiner rumänischen Jahresrente verdienen. So spürbar die Lohnerhöhung ist, so deutlich hat auch das Arbeitspensum zugenommen. Spargelbauer Jan Niclas Imholze heuert in diesem Jahr nur noch zwei Drittel der Saisonbelegschaft an, verglichen mit dem Jahr 2019. "Nicht, dass es weniger Arbeit gibt, sie verteilt sich nur auf weniger Schultern", sagt der Landwirt.

Im vorigen Jahr war der Spargelhof inmitten der ersten Coronavirus-Welle in eine finanzielle Schieflage geraten, Absatzwege wie die Gastronomie waren weggebrochen, Imholze meldete Insolvenz an. Für die neue Saison hat er Investoren gefunden, auch seine Saisonkräfte aus Rumänien kommen wieder. "Die Niedriglöhne in Osteuropa lassen den Leuten keine andere Wahl, als fernab der Heimat in Westeuropa zu jobben. Sie werden hier überall gesucht", sagt der Spargelbauer über seine Helfer.

Über 1.000 Saisonkräfte verloren

Während Imholze bereits ernten lässt, treiben im südrumänischen Isalnita in beheizten Gewächshäusern gerade Jungpflanzen aus: Landwirt Florin Purcea lässt Gurken anbauen, die Markenfirmen in Deutschland und der Schweiz unter ihrem Label als Konserven vertreiben. Vor über einem Jahrzehnt konnte Purcea in der Saison gut 11.000 Tonnen liefern, jetzt ist es nur noch ein Viertel der Ware, erzählt er am Telefon. Er hat die Anbaufläche stark reduziert, obwohl sein Absatz florierte: "Ich habe in 15 Jahren über 1.000 Saisonarbeiter verloren, daran musste ich mich anpassen." Der 50-jährige Unternehmer hofft, dass ihm in dieser Saison noch die verbliebenen 200 Arbeiter die Stange halten, ab Mai beginnt die Ernte.

Etwa ein Viertel vom deutschen Mindestlohn

Die gesamte rumänische Agrarbranche klagt über einen massiven Verlust ihres Personals, das inzwischen die Feldarbeit in Westeuropa erledigt. "Wenn ich deutsche Löhne zahlen würde, könnte ich meine Firma gleich schließen", sagt Purcea. Seine Saisonarbeiter verdienen mit gut 2,50 Euro pro Stunde etwa ein Viertel von dem, was sie in Deutschland verdienen können. Um überhaupt noch Arbeitskräfte zu finden, sucht Purcea inzwischen im Umkreis von 50 Kilometern und mehr. Die tägliche zweistündige Busfahrt ist gratis, entlohnt wird sie nicht. "Mal kommen die Erntehelfer, mal versetzen sie mich. Sie haben einfach keinen Elan", klagt der Landwirt, "erst gestern haben wieder vier gekündigt, um zur Ernte nach Deutschland zu fahren."

Landwirt Florin Purcea im rumänischen Isalnita im Gewächshaus vor seinen Gurkenpflanzen.
Landwirt Florin Purcea baut im rumänischen Isalnita Gurken an, die er nach Deutschland exportiert. Bildrechte: Florin Purcea

Ohne Auswanderer wäre Rumänien ärmer

Gut 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung Rumäniens jobbt inzwischen in Westeuropa. Die einen sind gänzlich ausgewandert, die anderen pendeln jahreszeitlich in den Westen, um die Familien daheim mit Bargeld zu versorgen. Laut Weltbank schickte 2019 die rumänische Diaspora insgesamt 6,7 Milliarden Euro nach Hause. "Ohne diesen Geldtransfer und ohne den Weggang dieser Menschen wäre die Armut in Rumänien sehr viel größer", meint Elena Stancu. Die Journalistin porträtiert in ihrem Blog teleleu.ro rumänische Landsleute, die ins Ausland gegangen sind. Im vorigen Jahr waren es Erntehelfer auf einem Bauernhof in Nürnberg. Allerorten werden sie in der Landwirtschaft oft nicht nach Stunden, sondern nach einem Akkordlohn und damit der Menge der eingeholten Ernte bezahlt, der oft unter dem Mindestlohn liegt.

IG BAU kritisiert Arbeitspensum

Seit Jahren kritisiert die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt den hohen Arbeitsdruck in der Branche, ebenso, dass die Landwirte keine Sozialabgaben abführen müssen, weil die Saisonarbeit in Deutschland als Nebenverdienst gilt. Die osteuropäischen Arbeitskräfte erwerben damit keine Rentenansprüche, viele von ihnen sind nicht krankenversichert. Im vorigen Jahr habe man zudem zahlreiche Verstöße gegen die Hygieneauflagen gezählt, mindestens 300 landwirtschaftliche Saisonkräfte seien zwischen April und Juli am Coronavirus erkrankt, heißt es in einem Papier der Gewerkschaftsinitiative "Faire Landarbeit".

Rumänische Journalistin porträtiert Wanderarbeiter

Die rumänische Journalistin Stancu fragte viele Landwirte an, bis sie einen fand, der sie zur Recherche auf den Hof ließ. "Die anderen hatten womöglich etwas zu verbergen", sagt sie. Stancu war überrascht vom hohen Arbeitstempo ihrer Landsleute auf dem Feld, im Gewächshaus oder am Sortierband. "Sie halten sich für Arbeitstiere", erzählt die Journalistin. Einige hätten sogar die Pausen durchgearbeitet und erklärt, dass sie zum Geld verdienen und nicht zum Relaxen nach Deutschland gekommen seien. Stancu stieß zugleich auf viel Misstrauen und Skepsis bei den Wanderarbeitern, die aus bitterarmen Verhältnissen kommen, oft keinen Schulabschluss haben, sich von früh an als Handlanger durchs Leben schlagen. Warum interessierte sich eine Journalistin für sie, wo sie doch zuhause als die ungebildeten Außenseiter gelten, die man entweder verspottet oder am besten gar nicht beachtet?

Zwei Frauen stehen auf einem Lift in einem Gewächshaus in Nürnberg.
Journalistin Elena Stancu (rechts) auf Recherche 2020 in einem Gemüsebaubetrieb in Nürnberg, der mit rumänischen Saisonkräften arbeitet. Bildrechte: Cosmin Bumbuț

Feindselig gegenüber ihren Landsleuten

Als Deutschland im vorigen Jahr wegen der Corona-Pandemie die Einreise für die rumänischen Saisonkräfte nur per Flugzeug erlaubte, wurden sie zuhause als "Sklaven Europas" verhöhnt, ohne die die deutsche Landwirtschaft am Boden läge.

Warum es diese Feindseligkeit gegen die eigenen Landsleute gebe, könne sie nur schwer erklären, sagt Stancu. Jeder im Land sei mit dem Phänomen der Auswanderung vertraut, da eigene Verwandte, Freunde oder Nachbarn gegangen seien. "Doch viele fühlen sich irgendwie verraten und sagen: 'Ihr seid weg und habt uns hier in Rumänien mit den Problemen allein gelassen',“ erzählt Stancu. Erntehelfer Anton Echert will über solche Vorwürfe gar nicht lange nachdenken: "Als EU-Bürger habe ich in Europa die Freiheit, dort zu arbeiten, wo ich gut verdiene." Am Sonnabend will er mit seinem Team in Thüringen eintreffen, nach 30 Stunden Busfahrt. Tags darauf geht es an die Arbeit. Der Spargel kennt keinen Sonntag.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 07. April 2021 | 19:00 Uhr

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