Riskanter Job Belarus: Mit dem Notfallkoffer zur Arbeit

Nasta Reznikav wa aus Belarus
Bildrechte: Iryna Arakhouskaya

Wer in Belarus morgens das Haus verlässt, weiß manchmal nicht, ob er die Nacht in seinem Bett oder im Gefängnis verbringen wird. So geht es auch der Reporterin Nasta Reznikava. Sie arbeitet bei Belsat, einem aus Polen finanzierten unabhängigen Fernsehsender für Menschen in Belarus. Reznikava ist immer darauf vorbereitet, festgenommen zu werden. Ihre Kolleginnen wurden kürzlich zu zwei Jahren Straflager verurteilt. Ein persönlicher Bericht über das Arbeiten in einem Unrechtsstaat.

Katerina Bachwalowa (r) und Daria Tschulzowa, Journalistinnen aus Belarus, stehen in einem Gerichtssaal innerhalb eines Käfigs
Katerina Bachwalowa alias Katia (r) und Daria Tschulzowa, Journalistinnen aus Belarus, stehen in einem Gerichtssaal innerhalb eines Käfigs. Bildrechte: dpa

Es ist 10 Uhr morgens. Ich ziehe wie immer zwei Leggings und zwei Paar Socken übereinander an. In den Rucksack werfe ich noch ein Paar extra warme Socken, zusätzliche Unterwäsche, einen Pullover und eine Zahnbürste. Ich kenne die Handynummer meines Rechtsanwalts auswendig, doch ich wiederhole die Zahlen zur Sicherheit noch einmal im Kopf. Dann lösche ich alle aktuellen Nachrichten meiner Protagonisten, mit denen ich über den Messaging-Dienst Telegram in den vergangenen Tagen kommuniziert habe. Erst nach diesen Ritualen bin ich bereit, die Wohnungstür zu öffnen und zu meinem nächsten Fernsehdreh zu fahren. So geht es nicht nur mir. Seit vielen Monaten sieht der Alltag der meisten unabhängigen Journalisten in Belarus aus.

Belarus Journalisten stehen der Polizei gegenüber 12 min
Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Belsat-Journalistin zu Straflager verurteilt

Am 18. Februar wurden zwei meiner Kolleginnen, Katia und Dascha, zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil sie die Proteste gegen Lukaschenko live ins Fernsehen übertrugen. Sie waren die einzigen Journalistinnen an diesem Tag. Und eigentlich wussten wir schon damals, dass für jeden Journalisten, der über die Proteste berichtet, die Möglichkeit besteht, abends nicht nach Hause zurückzukehren, sondern in den Armen der Polizei zu landen.

Damals, im Herbst 2020, wurden Journalisten zu zehn oder 15 Tage Haft wegen angeblicher "Teilnahme an einer Massenaktion" verurteilt. So war es bei dutzenden Fotografinnen, Korrespondenten und Kamerafrauen verschiedener unabhängiger Medien wie Belsat. Katia und Dascha waren sich dessen bewusst und sie haben sich trotzdem entschieden, an diesem Tag wieder über die Demonstrationen zu berichten.

"Gefängnispäckchen" und keine Zeit für Angst

Ich persönlich hatte bislang immer Glück; ich war nur ein paarmal im Juli, August und September jeweils für ein paar Stunden festgehalten und danach sofort wieder freigelassen worden. Trotzdem darf mein "Gefängnispäckchen" auf keinem Dreh fehlen: In der Tasche sind Tabletten gegen Kopf- und Halsschmerzen sowie Beruhigungstabletten. Wenn es besonders unsicher werden kann und mir mein Rucksack weggenommen werden könnte, dann ziehe ich noch zusätzlich Kleidung an. Ihar Iljasch, ebenfalls Journalist bei Belsat und Katias Ehemann, nimmt jedes Mal, wenn er das Haus verlässt, auch Fotos von Katia und ihm mit. Für den Fall, dass er eingesperrt wird und dann ein Erinnerungsstück in der Hand hat.

Gruppenfoto
Katia und ihr Mann in unbeschwerten Zeiten. Nun wurde sie zu zwei Jahren Haft verurteilt. Ihr Mann arbeitet weiter als Journalist. Bildrechte: Nasta Reznikava

Der Gerichtsprozess

Mit unseren "Gefängnispäckchen" und den Telefonnummern der Anwälte im Kopf, gingen wir zum Gerichtsprozess gegen Katia und Dascha. Die meisten meiner Journalistenkollegen durften nicht in den Gerichtssaal. Angeblich wegen Corona. Am Tag als die Staatsanwaltschaft ihre Beweise präsentierte, wurden keine unabhängigen Journalisten zugelassen. Überhaupt keine! Am Tag der Urteilsverkündigung konnte ich wie durch ein Wunder in den Saal.

Und dann wurde das Urteil verkündet: zwei Jahre Haft! Wir hatten so etwas erwartet und doch mussten viele von uns weinen. Meine Kolleginnen Katia und Dascha aber blieben stark, sie fragten den Richter: "Weswegen?" Und Dacha spottete sogar: "Warum nicht gleich 25 Jahre?"

Woher die beiden und ihren Familien die Kraft schöpfen, das alles durchzuhalten, weiß ich nicht. Katias Mann Ihar sagte nach dem Urteil: "Alle Journalisten müssen jetzt zweimal-, dreimal besser als früher arbeiten. Die Regierung hat Angst davor, sie haben Angst vor der Wahrheit". Das klingt alles schön und gut. Doch jedes Mal, wenn ich eine Geschichte umsetze, überlege ich dreimal, wo und wie ich es machen kann, um für die Polizei unbemerkt zu bleiben.

"Ich wundere mich nicht mehr über die Urteile"

Ich bin in einer Familie von Juristen groß geworden. Meine Familienmitglieder wundern sich immer noch über das Ausmaß der Ungerechtigkeit und die Absurdität der Urteile. Ich tue es aber schon nicht mehr. Als ich im August die ersten Gewaltopfer interviewte, wurde mir schnell klar: Unser Rechtsstaat funktioniert nicht mehr. Es gibt kein Gesetz, auf das wir uns verlassen können. Deswegen wächst die Angst in der Gesellschaft. Die Protagonisten bitten immer häufiger um Anonymität, immer häufiger lehnen sie es ab, mit uns Journalistinnen zu sprechen.

Manche sind sogar überzeugt: Wenn es keinen Presserummel gäbe, dann würden die Urteile nicht so hart ausfallen. Das Wichtigste, was sie dabei aber nicht begreifen: Urteile politischer Gerichtsprozesse müssen laut, schreiend in die Öffentlichkeit getragen werden. Und wir Journalisten sind doch diejenigen, die die Aufgabe haben, zu "schreien". Nicht immer lässt man uns ins Gerichtsgebäude. Man verbietet es, zu fotografieren und zu filmen. Offizielle Behörden kommunizieren jetzt überhaupt fast nur über staatliche Medien oder Pressemitteilungen bei Telegram. Wir arbeiten weiter, trotz aller Versuche der Regierung, uns einzuschüchtern. Haben wir Angst? Hab ich Angst? Klar, aber wenn man immer konzentriert und beschäftigt ist, bleibt keine Zeit mehr dafür.

In ihrem Schlusswort vor Gericht sagte Katia: "Ich bitte nicht um Freiheit, ich VERLANGE die Freiheit für mich und für meine Kollegen, für Darja Chulcova, für Katarina Barysevitsch und für hunderte politische Gefangene." Die Hände in den Schoß zu legen, ist keine Option. Zurzeit ist das ein unerschwinglicher Luxus.

Belsat TV Belsat TV ist der einzige unabhängige Fernsehsender in belarussischer Sprache. Er wurde 2007 von einer Gruppe belarussischer und polnischer Journalisten als Teil von TVP in Polen in Partnerschaft mit dem polnischen Außenministerium und mehreren europäischen Regierungen und Stiftungen gegründet.

(adg)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 06. März 2021 | 07:05 Uhr

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