20 Jahre NATO-Angriff auf Jugoslawien Erinnerungen aus dem Bunker: "Das Leben ist schön"

In einem Bunker erlebten die Ärztin Vesna Škuletić und ihre Tochter Anja die NATO-Angriffe. Um der fünfjährigen die Angst zu nehmen, machte die Mutter ein Spiel daraus. Gemeinsam erinnern sie sich an den Bombenhagel.

Junge dunkelhaarige Frau mit Kleinkind auf dem Arm vor einer gelben Backsteinwand.
Anja Šušnjar mit ihrer Tochter Dunja. Als damals Fünfjährige erlebte die junge Frau vor 20 Jahren die Luftangriffe der NATO mit ihrer Mutter in einem Bunker in Belgrad. Heute kann sie die Gefühlslage ihrer eigenen Mutter nur erahnen. Bildrechte: Andrej Ivanji

Am 24. März 1999 freut sich Vesna Škuletić auf die Geburtstagsfeier einer Freundin. Karaoke-Singen ist geplant und die Ärztin und alleinerziehende Mutter singt gerne. Ihre fünfjährige Tochter Anja will sie mitnehmen. Am Abend erfährt sie, dass die Feier abgesagt wurde und fragt: "Warum?"

Auf die Antwort, dass im Laufe des Abends Luftangriffe der NATO auf Jugoslawien, das heutige Serbien, erwartet werden, erwidert Vesna: "Na und!? Soll deshalb das Leben stehen bleiben?" Der Tag ist warm und sonnig, erinnert sie sich heute. Er scheint ihr zu schön, zu Hause zu bleiben. Doch sehr bald bleibt das Leben in Serbien wirklich stehen - für 78 Tage.

"Operation Allied Forces"  Zwischen dem 24. März und dem 10. Juni 1999 führen NATO-Flugzeuge rund 2.500 Luftschläge gegen Ziele in der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien aus und werfen dabei mehr als 50.000 Bomben und Raketen ab. So lange, bis Serbiens Machthaber Slobodan Milošević einlenkt und die serbischen Streitkräfte aus dem Kosovo zurückzieht. Die Zahl der Opfer des Luftkrieges werden auf 1.200 bis 2.500 geschätzt, darunter 79 Kinder.

 Die "Operation Allied Forces" ist der erste Kampfeinsatz der Bundeswehr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 14 deutsche Tornados werden für die Luftaufklärung eingesetzt und bekämpfen serbische Flugabwehrstellungen. Insgesamt nehmen 19 NATO-Mitgliedsstaaten an der Operation teil - und das ohne UN-Mandat. Der Einsatz ist daher bis heute völkerrechtlich höchst umstritten.

Versteckspiel bei Fliegeralarm

Blonde Frau in Jeansjacke vor einer blauen Wand.
"Ich erzählte meiner Tochter, die Sirenen seien das Startsignal für ein Versteckspiel. - Mutter Vesna Škuletić Bildrechte: Andrej Ivanji

"Wir lebten im Takt des Aufheulens des Fliegeralarms", erinnert sich Vesna an den Bombenhagel jenes Frühjahrs. In den ersten Wochen geht sie während der Angriffe mit ihrer Tochter Anja, so wie viele Nachbarn, in den nahen Luftschutzbunker. Später gibt sie selbst das auf. Denn der Fliegeralarm dauerte manchmal die ganze Nacht an. Vesna hält es für vernünftiger, mit ihrem Kind zu Hause im Bett zu bleiben. Denn wie sie beobachtet, treffen die NATO-Bomben meist recht sicher ihre Ziele. meist militärische und infrastrukturelle Einrichtungen.

In diesen Tagen erinnert sich Vesna an den Spielfilm "Das Leben ist schön" von Roberto Benigni, den sie zwei Jahre zuvor im Kino gesehen hat. Darin kommen der lebensfrohe Kellner Guido und sein kleiner Sohn Giosué während des Zweiten Weltkriegs in ein Konzentrationslager, weil sie jüdische Vorfahren haben. Vater Guido gaukelt seinem Sohn in der Folge vor, das Konzentrationslager sei nur ein Spiel.

Blick auf einen Kellereingang in einem gelben Wohnhaus. Im Hintergrund einer Treppe.
In diesem unscheinbaren Keller liegt der Bunker. Heute befindet sich darin ein Fitness-Studio. Bildrechte: Andrej Ivanji

Und genau das versucht auch Vesna der kleinen Anja vorzugaukeln: Die Nato-Luftangriffe sind nur ein Spiel. "Ich erzählte meiner Tochter, die Sirenen seien das Startsignal für ein Versteckspiel. So liefen wir nicht wegen den Bomben in den Luftschutzbunker, sondern damit uns Außerirdische oder irgendwelche Monster nicht erwischen", erinnert sich Vesna.

Später verstecken sie sich unter der Bettdecke und die Mutter dreht laute Musik auf, damit Anja nichts mitbekommt vom tiefen Brummen der Bomber, dem Zischen der Marschflugkörper, die ihr Ziel suchen und den dumpfen Explosionen, die darauf folgen. Damit Anja nichts mitbekommt vom Knattern der serbischen Flak, den gleisenden Lichtspuren der Flugabwehrraketen am Himmel und den orange-rötlichen Flammenpilzen der Bombeneinschläge.

Fliegerspähen an der Brücke

Als Ärztin in einem Militärkrankenhaus musste Vesna auch während der Luftangriffe jeden Tag zur Arbeit fahren -  und zwar über eine der Brücken, die das Zentrum mit der Neustadt Belgrads verbinden. Nachdem NATO-Flugzeuge die Brücken in der nahegelegenen Universitätsstadt Novi Sad zerstört hatten, wurde Vesna mulmig zumute. "Das war das richtig unangenehm. Wir dachten, die Belgrader Brücken kommen als nächste dran", erinnert sie sich.

So stoppte die junge Mutter täglich vor der Brücke und spähte in den Himmel. Wenn er leer erschien, drückte sie das Gaspedal durch und raste wie der Teufel über die Brücke. Und das zweimal täglich.

Kindergeburtstag im Luftschutzbunker

Ihre Tochter Anja ist heute 25 und erinnert sich nur noch vage an die fast drei Monate dauernden Luftangriffe. "Ich erinnere mich an das Angstgefühl, wenn die Sirenen aufheulten. Das bedeutete nämlich, dass wir uns verstecken mussten", erzählt sie. Wenn sie daran denke, überkomme sie heute noch ein Gruselschauer. An ihren fünften Geburtstag, den sie in einem Luftschutzbunker feiern musste, erinnert sich die junge Frau nicht mehr.

Während ihrer Erzählung schaut Anja ihre Mutter Vesna an und sagt: "Danke Mama, dass du versucht hast, für mich aus dem Krieg ein Spiel zu machen." Währenddessen nimmt sie ihre eigene Tochter, die zweijährige Dunja, auf den Arm und fügt hinzu: "Ich kann mir die Angst einer Mutter um ihr Kind im Krieg gar nicht vorstellen."

Anja, Vesna und Dunja vor ihrem Wohnblock in Sarajevo 2 min
Anja, Vesna und Dunja (vlnr.) vor ihrem Wohnblock in Sarajevo Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erinnerungen als Kollateralschaden

Am 9. Juni 1999 wird in der mazedonischen Stadt Kumanovo ein Abkommen unterzeichnet, das die "Operation Allied Force" beendet. Die serbischen Streitkräfte ziehen sich aus Kosovo zurück. Kurz darauf marschieren dort internationale Friedenstruppen ein, die serbische Provinz wird unter die Obhut der Vereinten Nationen gestellt. Knapp neun Jahre später, am 17. Februar 2008, erklärt sich Kosovo offiziell für unabhängig. Jugoslawiens Rechtsnachfolger Serbien erkennt die Unabhängigkeit bis heute nicht an.

Die politischen und militärischen Machthaber Jugoslawiens kommen meist ungeschoren davon, die Auswirkungen auf das Land sind jedoch enorm. Ein Großteil der jugoslawischen Infrastruktur und Wirtschaft sind zerbombt. Der Schaden wird auf mehr als 30 Milliarden Euro geschätzt.

Viel wurde wieder aufgebaut. Doch bis heute bleibt Vesna Škuletić der Begriff "Kollateralschaden" im Kopf. Diesen zynischen Euphemismus benutzte die NATO-Führung immer dann, wenn ihre Bomben damals aus Versehen doch eine Flüchtlingskolonne, einen Personenzug, eine neurologische Klinik, eine Botschaft oder einen Bauernmarkt getroffen und Menschen getötet hatten. Denn auch Vesna Škuletić und ihre Tochter Anja fühlen sich bis heute wie ein "Kollateralschaden" dieses Krieges.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 22.03.2019 | 17:45 Uhr

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