Bosnien - Ein Land im Spiel der Großmächte

von Andrej Ivanji

Sarajevo- heute eine friedliche Stadt
Die Politik in Sarajevo wird stark von Russland, der Türkei und dem Westen beeinflusst. Bildrechte: OPEN house media

"Ich fühle mich in Sarajevo wie ein Ferkel in Teheran", erklärte vor Jahren Milorad Dodik, Präsident der Republika Srpska (RS), einer serbischen Entität innerhalb des Staates Bosnien und Herzegowina. Der etwas windschiefe Vergleich soll sagen: Als orthodoxer Serbe und Christ fühle er sich unwohl und bedroht in der größtenteils von Muslimen bewohnten bosnischen Hauptstadt.

Dodik ist bekannt für seine provokativen Sprüche: Er droht mit der Abspaltung der Republika Srpska von Bosnien, blockiert in gesamtbosnischen Institutionen die Anerkennung des Kosovo, oder den NATO-Beitritt des Landes. Doch wie alle Bürger Bosniens, weiß auch er: Ohne eine Absprache mit den Weltmächten ändert sich in Bosnien nichts.

Ist Bosnien unregierbar?

Den ethnisch tief gespaltenen Staat bezeichnen Analytiker oft als "funktionsunfähig", die Konflikte aus den 1990er Jahren, als jeder gegen jeden kämpfte, als "eingefroren", nicht als überwunden. Im bosnischen Krieg wurden rund 100.000 Menschen getötet, beendet wurde er 1995 mit dem Friedensabkommen von Dayton.

Das Abkommen teilt das Land auf in die Republika Srpska und die muslimisch-kroatische Föderation. Die beiden Landesteile haben eine breite Autonomie, die "konstitutiven Völker" Vetorecht in gesamtbosnischen Institutionen. Deshalb wirkt das Land oft als unregierbar. Heute noch werfen viele Muslime dem Westen vor, dem "Gemetzel" während des Krieges jahrelang tatenlos zugeschaut zu haben.

Ein Land, drei Spieler

Wie kaum woanders, kreuzen sich im kleinen Bosnien die Interessen der Großmächte. Bosnische Serben machen keinen Hehl daraus, dass sie Russland als ihre Schutzmacht empfinden, bei jeder Krisensituation rennt der RS-Präsident Dodik nach Belgrad und weiter zu Wladimir Putin nach Moskau.

Über das Mutterland Kroatien fühlen sich bosnische Kroaten als Mitglieder der Europäischen Union und der NATO, fast alle haben neben der bosnischen auch eine kroatische Staatsbürgerschaft. Wenn sie ihre Rechte in Bosnien als eingeschränkt empfinden, spricht das die Präsidentin Kroatiens Kolinda Graber-Kitarović in Brüssel und Washington an.

Im Gegensatz zu Serben und Kroaten haben die größtenteils muslimischen Bosniaken keinen "Ersatzstaat" in der Nachbarschaft und empfinden deshalb die islamische Türkei als ihre Schutzmacht.

Landkarte des Westbalkan. verschieden gefärbte Länder zeigen den Stand der jeweiligen EU-Beitrittsverhandlungen.
Die Karte zeigt den Stand der Beitrittsverhandlungen mit der EU Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erdogans Kundgebung in Sarajevo

Recep Tayyip Erdoğan ist offensichtlich sehr daran gelegen, dass sich die Türkei über ihren Einfluss auf die Muslime in Bosnien als eine Regionalmacht etabliert. Ähnlich wie Russland, das in Serbien und der Republika Srpska ein Standbein auf dem Balkan hat.

Nachdem ihm Wahlkundgebungen für die Präsidentschaftswahlen am 24. Juni in Deutschland, Österreich und den Niederlanden untersagt wurden, organisierte er am 20. Mai eine Kundgebung in Sarajevo und ließ sich dort auch von aus Deutschland angereisten türkischen Gastarbeitern bejubeln. Empfangen hat ihn lediglich das bosniakische Mitgied des bosnischen Präsidiums, Bakir Izetbegović, der auch an der Kundgebung teilnahm, während das serbische und das kroatische Mitglied die Manifestation kritisierten.

Heftiger in der Kritik waren bosnische Kroaten, die sich als Teil des Westens wahrnehmen, während sich die Kritik der bosnischen Serben diesmal in Grenzen hielt, denn: Serbien pflegt "hervorragende" bilaterale und wirtschaftliche Beziehungen mit der Türkei (Erdogan war neulich mit einer großen Wirtschaftsdelegation zu Besuch in Serbien, der Handelsaustausch zwischen den zwei Staaten beträgt rund eine Milliarde Euro), und derzeit blühen wieder die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara.

Geostrategisches Spielfeld

An der Anzahl der orthodoxen und katholischen Kirchen und Moscheen in Bosnien erkennt man sofort wo die Einflusssphäre Russlands, der Türkei oder des Westens liegt. Fragt man die Bürger Bosniens, wie es um die Zukunft ihres Landes steht, antworten die meisten: Unser Schicksaal wird in Washington, Brüssel, Moskau und Ankara entschieden.

Nachdem sich die USA größtenteils vom Balkan zurückgezogen haben, sollten Länder mit ungelösten Konflikten und/oder einem Mangel an demokratischen Kompetenzen wie Bosnien, Serbien, das Kosovo oder Mazedonien (keiner von diesen Staaten ist Mitglied der NATO), im Focus der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik liegen. Nur: Je länger man von einer "europäischen Perspektive" dieser Staatenlediglich spricht, wird eine tatsächliche EU-Mitgliedschaft immer unwahrscheinlicher und der Einfluss Russlands, China oder der Türkei wird größer. Daran hat auch der EU-Westbalkan-Gipfel am 17. Mai in Sofia nichts geändert, im Gegenteil.

Im kleinen Bosnien mit seinen drei konstitutiven Völkern und tiefen ethnischen Gräben sieht man am besten, wie die Soft Power der Weltmächte ausgespielt wird. Je schlechter die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland beziehungsweise der Türkei werden, desto mehr spielen sich Ankara und Moskau auf dem Westbalkan auf – und sei es nur aus dem Grund, um Brüssel und Washington auf dem geostrategischen Schachbrett eins auszuwischen – schließlich schwächt eine permanente Krise auf dem Westbalkan die EU.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Aktuell | 17.05.2018 | 21:45 Uhr

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