Worüber lacht der Osten? Humor in Russland: Im Prinzip witzig

Politische Witze aus der Sowjetunion waren in den 1980er Jahren der Renner. Selbst die CIA interessierte sich dafür. Wie es heute um den Humor in Russland steht, beschreibt Ostblogger Maxim Kireev.

Russische Comedians: Laut Lachende Frauen
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Kennen Sie noch den berühmten Sender Eriwan? "Im Prinzip schon", könnte man sagen. Denn so funktionierten die wohl bekanntesten russisch-sowjetischen Witze im Ausland. Hörer fragen, die fiktionale Redaktion antwortet. Etwa so: Stimmt es, dass der Kapitalismus vor dem Abgrund steht? "Im Prinzip ja", antwortet Radio Eriwan. "Aber wir sind immer einen Schritt voraus."

Politische Witze aus der Sowjetunion und später auch aus Russland waren insbesondere in den Achtzigern ein Renner. Kein Wunder, schließlich sagen die Russen:

Je schlechter die Lage ist, desto mehr Humor braucht es.

So gesehen waren die Umbruchzeit der Perestroika und später auch der Zerfall der Sowjetunion und die Neuordnung Russlands eine Blütezeit. Selbst die CIA sammelte politische Witze aus dem ehemaligen Reich des Bösen. Vor einigen Jahren wurden einige Dokumente des US-Geheimdienstes öffentlich gemacht, die das belegen. Einer geht zum Beispiel so:

Kommt ein Mann ins Geschäft. Haben Sie 'keinen Fisch', fragt er. 'Nein, kein Fisch gibt‘s die Straße gegenüber. Bei uns gibt’s nur kein Fleisch'.

Schwarz und bissig

Mangelwirtschaft und politische Unfreiheit haben russischen Humor über Jahre geprägt, bis er schwarz, bissig und selbstironisch wurde, wie in kaum einem anderen Land der Welt. Die Perestroika und auch die weitgehende Presse- und Medienfreiheit in den 1990er-Jahren haben dieser Art von Comedy schließlich auch eine große öffentliche Bühne gegeben. Einst lauwarme Unterhaltungssendungen wurden zu bissigen Satiresendungen.

Heute scheint sich die Situation wieder umzukehren. Denn in der Öffentlichkeit, insbesondere im Fernsehen, ist politischer Humor eher selten. Und wenn, dann geht es meistens um Außenpolitik. Kürzlich sorgte etwa ein Sketch für Aufsehen, bei dem sich Wladimir Putin, Angela Merkel und Kim Jong-un treffen. Nach kurzer Zeit stellt sich jedoch heraus, dass beide russische Geheimagenten sind und es in ihren Rollen einfach nicht mehr aushalten.

Politisch inkorrekt

Dabei dürfen die Witze durchaus politisch inkorrekt sein. Witze über schwule Popstars, geizige Juden, langsame Balten oder dumme Tschuktschen sind salonfähig und kaum wegzudenken. Mehr noch: wer sich darüber aufregt, gilt selbst in gebildeten Kreisen als Spaßbremse und kleinkariert.

Weil das Fernsehen kaum noch öffentlichen Raum bietet, während die sowjetische Witzekultur eher noch von der älteren Generation gepflegt wird, wandern Satire und Humor vor allem ins Internet. Es gibt nicht nur Portale, die ähnlich dem Postillion Nachrichten veräppeln, sondern auch Memes und lustige Bilder zu den aktuellsten Anlässen produzieren, quasi als Meme-Nachrichtenagentur, etwa zur kürzlich angekündigten Kandidatur des Fernsehstars Xenia Sobtschak zur Präsidentschaftswahl 2018.

Selbstironisch

Trotz der weitgehenden Begrenzung des öffentlichen Raums für Humor und Satire, halten sich die Russen übrigens für sehr witzig und selbstironisch. Humor ist in gewisser Weise sogar ein Grund für nationalen Stolz. Für besonders unwitzig hält man in Russland ausgerechnet die Deutschen mit ihrer Pünktlichkeit und dem Perfektionismus. Wo alles glatt läuft, worüber soll man da bitte lachen? Nicht umsonst wunderte sich einst das größte russische Reisemagazin "Wokrug Sveta" über die deutsche Eigenart, bei Karneval Pointen mit einem Orchester zu unterstreichen. "Offenbar würden die Deutschen sonst wohl nicht wissen, an welcher Stelle die Leute zu lachen haben."

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im: Radio | 11.09.2017 | 17:52 Uhr

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