Interview mit PiS-Politiker Jan Żaryn "Das Thema Reparationen ist in Polen sehr lebendig"

Umgerechnet rund 709 Milliarden Euro Reparationszahlungen fordert Polen von Deutschland - mehr als siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Warum Polen die Reparationen erst jetzt fordert und wie die Ablehnung der Forderung durch die deutsche Bundesregierung wahrgenommen wird, darüber hat unsere Ostbloggerin Monika Sieradzka mit dem Historiker und PiS-Politiker Jan Żaryn gesprochen.

Jan Żaryn
Der Historiker und PiS-Politiker Jan Żaryn. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Hat Polen aus Ihrer Sicht Anspruch auf Entschädigung für den Zweiten Weltkrieg?

Es steht nicht nur die Frage unserer Kriegsverluste durch das Dritte Reich im Raum, sondern auch durch den zweiten Besatzer, die Sowjetunion, und deshalb ist das Thema Reparationen in Polen sehr lebendig. Jede polnische Familie hat im Zweiten Weltkrieg dramatische Verluste erlitten, meist menschliche, weil entweder jemand in einem deutschen Konzentrationslager bzw. einem sowjetischen Gulag starb oder ermordet wurde. Jede polnische Familie erlitt zudem auch einen materiellen Schaden.

Die deutsche Regierung hält das Thema für abgeschlossen. Was sagen Sie dazu?

Wir sind Mitglieder der Europäischen Union, und das ist die Plattform, auf der wir jedes Thema diskutieren können. Da Polen die Frage der Wiedergutmachung auf die Tagesordnung gesetzt hat, hoffe ich, dass das früher oder später auch die deutsche Seite macht.

Warum kommt Polen mit seinen Reparationsforderungen erst jetzt?

Meiner Meinung nach hätte Polen unmittelbar nach der Unabhängigkeit, also nach 1989, konkrete Forderungen nach Wiedergutmachung stellen sollen. Leider geschah dies nicht, vor allem wegen des sanften Ausstiegs aus dem Warschauer Pakt und der damit verbundenen Freundschaftsrhetorik, die die deutsch-polnischen Streitigkeiten überdecken sollte. Diese Freundschaft war das Ergebnis der Wiedervereinigung Deutschlands, die indirekt dank der polnischen Solidarität, dank des polnischen Widerstands gegen die Teilung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg zustande kam. Diese Situation hätte damals in beide Richtungen genutzt werden können: entweder in die Richtung des "Kuschelkurses", was ja am Ende in der Tat die Oberhand gewann, oder man hätte die politische Lage zur Lösung der Probleme nutzen können, die vor der Wende, als wir keinen souveränen Staat hatten, nicht gelöst wurden. Heute haben wir natürlich eine schwächere Verhandlungsposition.

Laut Potsdamer Abkommen hätte Polen aus dem sowjetischen Reparationstopf entschädigt werden sollen. Warum richtet Polen keine Forderungen an Moskau?

Die Kommunisten, die Polen im Namen Moskaus regierten, hatten weder die Kraft noch die Möglichkeit, Moskau aufzufordern, diese Verpflichtungen zu erfüllen. Und zurzeit gibt es keinen Dialog zwischen unseren Ländern. Die polnisch-russischen Beziehungen sind aus verschiedenen Gründen angespannt und die Politik Putins gegenüber Polen ist, milde gesagt, nicht die beste. Doch wenn der Dialog erst einmal begonnen hat, wird es früher oder später notwendig sein, schwierige Themen unserer Vergangenheit aus Russland gegenüber anzusprechen.

Jan Żaryn Jan Żaryn ist ein polnischer Historiker und Professor für Humanwissenschaften. Er hat an der polnischen Akademie der Wissenschaften gearbeitet, seit 2015 sitzt er als PiS-Abgeordneter im Senat. Seit 2018 sitzt er zudem im Rat des Weltkriegsmuseums in Danzig.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: 04.05.2018 | 17:45 Uhr

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