Russland Rentenreform kratzt an Putins Beliebtheit

Just zur Eröffnung der Fußball-WM in Russland Mitte Juni hat die russische Regierung bekanntgegeben, dass das Renteneintrittsalter deutlich steigen soll. Die Pläne sorgen bei Russlands Bald-Rentnern für Unmut.

Am liebsten würde Elena Kutzko einfach nur schimpfen. "Wie aus heiterem Himmel kam die Entscheidung, ohne dass es vorher eine Diskussion gab", sagt sie. Dabei hatte sich die 53-Jährige schon einen Plan zurechtgelegt. Als Garderobenfrau einer städtischen Theaterbühne in Sankt Petersburg verdient sie umgerechnet zwischen 200 und 300 Euro im Monat. In eineinhalb Jahren wären monatlich weitere rund 120 Euro hinzugekommen. Denn dann hätte sie ihre, wie sie selbst sagt, langersehnte Rente erreicht, könnte aber trotzdem weiterarbeiten. "Auch wenn mein Job schlecht bezahlt wird, ich mache ihn gern, bin mitten im Kulturbetrieb und jeden Tag von Schauspielern oder Musikern umgeben", schwärmt die Petersburgerin.

Renteneintrittsalter soll um mehrere Jahre steigen

mobiler Dienst der russischen Rentenkasse
Die staatliche russische Rentenkasse kommt mit einem mobilen Büro in entlegene Orte auf dem Land. Bildrechte: IMAGO

Doch nun muss Kutzko möglicherweise ein wenig länger warten, bis es soweit ist. Denn just zur Eröffnung der Weltmeisterschaft hat die Regierung eine Rentenreform präsentiert, die eine schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters von derzeit 55 Jahren bei Frauen und 60 bei Männern auf 63 bzw. 65 Jahre vorsieht. Unter Experten galt ein solcher Schritt schon lange als wahrscheinlich, schließlich fehlt es dem Staat an Geld. Fast 45 Milliarden Euro muss der Staat jährlich in die Rentenkasse pumpen. Mittel, die an anderen Ecken gebraucht werden, etwa um andere von Putins Wahlversprechen in Angriff zu nehmen. So hatte der Präsident versprochen, mehr Geld in Straßen- und Wohnungsbau sowie für Medizin und Bildung auszugeben. Das Rentenalter stand damals nicht auf der Agenda.

Rente ist eher ein Zweiteinkommen

Und das ist auch kein Wunder, denn nach jüngsten Umfragen unterstützt nur jeder zehnte Russe die geplante Reform. Im Durchschnitt bezieht ein russischer Rentner derzeit umgerechnet knapp über 200 Euro im Monat. Geld, das gerade so für das Allernötigste reicht. Das Arbeitsministerium schätzt, dass deshalb etwa 12 bis 14 Millionen Rentner nebenher noch einer Arbeit nachgehen oder ihre alte Stelle behalten, wenn sie das Rentenalter erreichen. Die meisten kalkulieren wie die Petersburger Garderobiere Kutzko die ersten Rentenjahre also eher als zusätzliches Einkommen zu ihrem alten Job.

Putins Umfragewerte beginnen zu purzeln

Wladimir Putin
Präsident Putin soll nichts mit der geplanten Rentenreform zu tun haben, heißt es. Bildrechte: IMAGO

Dass die Russen nun bis zu acht Jahre länger arbeiten sollen, sorgte sogar dafür, dass die Umfragewerte von Kremlchef Wladimir Putin zu purzeln begannen. So ist die Zahl jener, die heute für Putin stimmen würden, innerhalb einer Woche von 62 auf 54 Prozent gefallen. Dass es solche Probleme geben könnte, hatte Russlands Präsident wohl geahnt. Nicht umsonst hatte sein Sprecher verkündet, die Ausgestaltung der Rentenreform sei Sache der Regierung und der Präsident habe nichts damit zu tun.

Nawalny ruft für Sonntag zu Demonstrationen auf

Mittlerweile haben Gewerkschaften und Opposition Proteste angekündigt. So hat der Oppositionelle Alexej Nawalny für den 1. Juli Kundgebungen in sieben Städten angemeldet, in denen nicht Fußball gespielt wird und somit auch demonstriert werden darf. Elena Kutzko glaubt trotzdem nicht, dass die Bürger in Russland Einfluss auf die Politik bekommen. "Wäre das anders, hätte man eine schonendere Variante gewählt", sagt sie verärgert. Allerdings ließen erst kürzlich Regierungsbeamte durchsickern, dass die Reform doch noch geändert werden könnte. So soll sie erst im September endgültig vom Parlament bestätigt werden.

Die Rente allein reicht nicht aus

Für die Petersburgerin Kutzko ist der aktuelle Reformvorschlag völlig überhastet und ohne Rücksprache mit den Betroffenen in die Welt gesetzt worden. Es sei ja ohnehin kaum möglich, von der Rente allein zu leben. "Zum Glück habe ich meinen Mann, auf den ich mich finanziell verlassen kann", erklärt die 53-Jährige.

Elenas Ehemann, Alexander Kutzko, betreibt eine kleine Firma. Diese produziert in China Möbelbeschläge und verkauft sie an Endkunden in Russland. Ein Polster für später hat er sich damit noch nicht verdienen können. Allein auf die Rente will er sich aber auch nicht verlassen. Weil Männer aktuell ohnehin fünf Jahre später als Frauen in Rente gehen, bekommt er womöglich schon die volle Härte der Reform zu spüren. Anders als seine Frau ärgert er sich nicht darüber. "Mir war schon in den 1990er-Jahren klar, dass das mit der Rente so nicht funktionieren wird, weil zu wenig Kinder geboren werden", sagt Kutzko. Deswegen werde er so lange arbeiten, wie es eben geht und zeigt sich kämpferisch:

Jeder muss für sich kämpfen. Meine Eltern haben den Krieg und wir die Krise der 90er-Jahre überstanden, dagegen ist diese Reform ein Witz.

Alexander Kutzko

Weniger Geburten und steigende Lebenserwartung

Dass die geringen Geburtenraten für die Rentenmisere verantwortlich sind, ist nur ein Teil der Wahrheit. Hinzu kommt die gestiegene durchschnittliche Lebenserwartung. Diese hat seit 2005 um mehr als sieben Jahre zugenommen und liegt heute bei den im Jahr 2016 geborenen Russen durchschnittlich bei rund 72 Jahren; bei den Frauen sind es rund 77 Jahre, bei den Männern 67 Jahre. In Großstädten wie Moskau und Sankt Petersburg sind es sogar noch ein paar Jahre mehr. Russinnen haben derzeit bei einem Renteneintritt mit 55 also im Schnitt noch etwas mehr als 20 Jahre als Rentnerinnen vor sich. Zum Vergleich: Deutsche erhalten derzeit im Schnitt ebenfalls 20 Jahre lang Rente.

Ein weiteres Problem sind die so genannten "grauen Gehälter". Ein Phänomen, bei dem die Arbeitgeber die echte Höhe der Gehälter vertuschen und einen Teil davon bar auszahlen, um an Beiträgen zu Rentenkasse zu sparen - derzeit sind es 22 Prozent des Bruttolohns. Laut einer Umfrage der russischen Personalvermittlung "Headhunter" beziehen nur 57 Prozent der Russen ein Einkommen, das korrekt und vollständig versteuert wird.

Unsichere Zukunft für ältere Russen

Doch auch wenn der Staat seine Finanzprobleme mit der Reform lösen sollte, sehen viele Russen härteren Zeiten entgegen. Insbesondere jene, die kurz vor der Rente keinen sicheren Job haben oder arbeitslos sind. Wie etwa der 57-jährige Petersburger Juri Zwjagin, der bis vor kurzem noch Fortbildungsseminare gegeben hat. Doch wegen einer Gesetzesänderung darf er das nicht mehr, weil ihm nun ein notwendig gewordenes Pädagogen-Diplom fehlt. Wie die meisten Russen ist auch er Eigentümer seiner Wohnung und lebt derzeit noch von Erspartem aus besseren Zeiten. "In meinem Alter ist es wirklich schwer, einen Job zu finden", klagt Zwjagin. "Dass ich jetzt noch drei Jahre länger auf die Rente warten muss, ist ein ernsthafter Schlag für mich." Deswegen will Zwjagin auch bei allen Demonstrationen gegen die geplante Rentenreform mitmachen.

(zuerst veröffentlicht am 29.06.2018)

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV: TV | 25.08.2017 | 17:45 Uhr

Mehr aus Osteuropa

Ein Panzer und mehrere Soldaten 1 min
Belarus und Russland kommen zu gemeinsamen Militärmanöver zusammen Bildrechte: AFP/VoyenTV

Mehr aus der Welt