Bevölkerungspolitik: "Serben, vermehrt euch!"

Die serbische Regierung hat eine "Populationsstrategie" angekündigt. Die stößt auf heftige Kritik von Frauenorganisationen. Dem mächtigen serbischen Staatspräsident Aleksandar Vučić ist das reichlich egal.

Aleksandar Vucic
Serbiens Staatspräsident Aleksandar Vučić Bildrechte: IMAGO

Serben, vermehrt euch! Diese Anweisung kam von höchster Stelle – von Staatspräsident Aleksandar Vučić. Denn: die Serben sterben aus. Das erklärte zumindest Vučić neulich und belegte es mit dramatischen Zahlen: In 40 Jahren werde die Einwohnerzahl in Serbien um eineinhalb bis drei Millionen sinken. Serbien "verliere" so täglich 107 Menschen.

Deshalb sei der Staat bereit, Geld für neue Babys locker zu machen, erklärte Vučić: Einmalig rund 800 Euro für das erste Kind und rund 80 Euro monatlich zwei Jahre lang für das zweite Kind. Ab dem dritten Kind soll es 100 Euro monatlich für zehn Jahre geben und für das vierte Kind sogar 150 Euro monatlich, ebenfalls zehn Jahre lang.

Selbst Armee soll helfen

Unter den Serben ist allgemein bekannt, dass der "starke Mann Serbiens" für seine Ankündigungen Gehorsam und Willigkeit erwartet. Also meldete sich gleich Verteidigungsminister Aleksandar Vulin zu Wort:

In Einklang mit den Befehlen des Präsidenten der Republik und obersten Befehlshabers wird auch die serbische Armee im Kampf für die Erhöhung der Geburtenrate ihren Beitrag leisten. Die serbische Armee wird im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles tun, damit wir mehr Kinder bekommen, um Geburten zu stimulieren und jeder Familie zu helfen, die Kinder haben möchte.

Danach hagelte es süffisante Kommentare in den sozialen Netzwerken. Eine Frau fragte zum Beispiel: "Werden die Soldaten zu uns nach Hause kommen, oder sollen wir Frauen uns gleich in der naheliegenden Kaserne melden?" Dass der Verteidigungsminister eigentlich soziale Maßnahmen meinte, die die verarmten Angehörigen der Armee motivieren sollten, mehr Kinder in die Welt zu bringen, ging aufgrund der seiner unglücklichen Formulierung unter.

Frauen wurden nicht gefragt

Es sind nicht die angekündigten Maßnahmen, die in Serbien irritieren. Es sei die Art und Weise, wie Frauen zu "Gebärmaschinen" verwandelt werden sollen, sagt die serbische Journalistin und Feministin Jovana Gligorijević. Die "nationale Populationspolitik" werde dargestellt, als ob sie sich nach den Worten des Patriarchen der Serbischen-Orthodoxen Kirche richten würde, dass Serbinnen die "Pflicht" hätten, zu gebären. Anders formuliert: Hier ist die Kohle, lasst euch besamen.

"Skandalös, und gleichzeitig typisch ist, dass man Frauen, also feministische und Frauenorganisationen überhaupt nicht nach ihrer Meinung gefragt hat", sagt Gligorijević. Mehr noch: Vučić habe betont, dass es ihm egal sei, was Organisationen für Menschen- und Frauenrechte diesbezüglich zu sagen hätten.

Streit um Abtreibungsgesetz

Als besonders demütigend empfindet Gligorijević ein neues Abtreibungsgesetz, für das sich der Staatspräsident einsetzt. Als Vorbild nennt Vučić das mazedonische Abtreibungsgesetz, das in dem Nachbarland unter der damaligen ultrakonservativen Regierung 2013 verabschiedet wurde.

Dieses "mazedonische Modell" sieht vor, dass Frauen vor einer Abtreibung zwei Tage lang im Krankenhaus liegen müssen und gezwungen werden, sich beim Ultraschall die Herztöne des Fötus anzuhören. Vučić lobte die repressive Maßnahme, weil "zehn bis 15 Prozent der Frauen danach auf eine Abtreibung verzichten". "In Serbien ist das verfassungswidrig und es ist im Widerspruch mit den in der EU geltenden Frauenrechten", kritisiert die Frauenrechtlerin Gligorijević.

Nationalismus in Hintergrund

Wenn sich Vertreter der serbischen Regierung über die "Strategie zur Erhaltung der Serben" äußern, kann man stets einen nationalistischen Unterton raushören. Es ist nicht von Bürgern die Rede, sondern von den Serben.

Als Vučić vom mazedonischen Abtreibungsmodell sprach, sagte er, dass dieses einen beachtlichen Prozentsatz von mazedonischen Frauen von der Abtreibung abgehalten habe. Und das albanische Volk hätte sowieso niemals ein Problem mit negativen Geburtsraten gehabt. In seinem Denken scheint also stets die Nation im Vordergrund zu stehen.

Deutschland als Vorbild

Vučić ist ein großer Fan von Deutschland und hält gerne lange Vorträge über die protestantische Arbeitsethik. "Ach, wenn nur die Serben so diszipliniert wie die Deutschen wären", hört man ihn manchmal seufzen. Nicht buchstäblich, aber man kann es sich gut vorstellen.

Vielleicht will er sich in Sache Geburtenraten das "deutsche Modell" zum Vorbild nehmen, falls es so etwas überhaupt gibt, als Vorbild nehmen: Laut dem Spiegel herrscht gerade Babyboom in Deutschland, es werden die höchsten Geburtenziffern seit 1973 vermeldet.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 21.04.2017 | 17:45 Uhr

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