Die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Serbien

Die serbische Staatsspitze will die vor sieben Jahren abgeschaffte Wehrpflicht wieder einführen. Rund 65 Prozent der Serben sind laut Meinungsumfragen dafür. Es stellt sich die Frage, warum man das Modell eines professionellen Heers aufgeben möchte? Und woher droht eigentlich die Gefahr für Serbien?

Gern zieht der Serbe zum Heer

"Rado ide Srbin u vojnike" ("Gern zieht der Serbe zum Heer"), sagt ein altes serbisches Sprichwort. Es mag zwar so nicht ganz stimmen, aber die zur Mythologie stilisierte Geschichte bekräftigt das. In Geschichtsbüchern liest man über den tapferen, zähen serbischen Bauern, der zum Heer zieht um gegen übermächtige Eroberer zu kämpfen - von der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo) 1389, über den Ersten und Zweiten serbischen Aufstand im 19. Jahrhundert, die Balkankriege, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg im 20. Jahrhundert, bis zum Krieg gegen die Nato 1999. In Serbien herrscht seit nicht einmal zwei Jahrzehnten Frieden.

Serbischer Soldat mit Waffe auf Schultern beim Marsch.
"Gern zieht der Serbe zum Heer": Ein Soldat der serbischen Armee während einer Übung in Russland. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Eine rumreiche Geschichte

Die serbische Geschichte war über die Jahrhunderte eine ruhmreiche, heldenhafte Geschichte. Bis zur serbischen Soldateska im jugoslawischen Krieg in den 1990er Jahren, die das positive Image Serbiens und der serbischen Armee ruinierte. Darüber möchte man in Serbien am liebsten Gras wachsen lassen. Kein Wunder, die Kriegshetzer von damals sind die Machthaber von heute: der allmächtige Staatspräsident Aleksandar Vučić, Verteidigungsminister Aleksandar Vulin und Außenminister Ivica Dačić, um nur einige zu nennen.

Diese von Kriegsverbrechen, aber auch von massenhafter Kriegsverweigerung der Serben, geprägten Schlachtzüge, führten nach der demokratischen Wende im Jahr 2000 zum Umdenken in der Militärdoktrin: Man schaffte 2011 die Wehrpflicht ab, führte eine Berufsarmee ein, in der nach  Medienberichten 36.000 Menschen arbeiten, davon 10.600 professionelle Soldaten. Nun will man wieder die Wehrpflicht einführen, und laut Meinungsumfragen unterstützen das rund 65 Prozent der Bürger Serbiens.

Fallschirmspringer mit Flagge.
2011 wurde in Serbien die Wehrpflicht abgeschafft, nun soll sie wieder eingeführt werden. Eine Mehrheit der Serben folgt der Idee "mit wehenden Fahnen". Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Schwierige soziale Lage

Obwohl Serbien die Mitgliedschaft in der Europäischen Union als seine höchste Priorität angibt, schüren regierende Politiker und regimenahe Medien (und das sind die meisten) ein Gefühl der allgemeinen Bedrohung der Serben, die sowohl von den Nachbarstaaten, als auch vom Westen ausgeht. "Eine starke serbische Armee ist die beste Garantie für den Frieden", pflegt Verteidigungsminister Vulin zu sagen. Nur, dass diese Armee anscheinend immer schwächer und kleiner wird, obwohl man fleißig russische Kampfjets, Panzer und Abwehrsysteme einkauft oder von Wladimir Putin geschenkt bekommt.

Nach Angaben der Armeegewerkschaft verlassen täglich fünf Angestellte und Soldaten die serbische Armee. Das Wochenmagazin "Vreme" schreibt über die schwierige soziale Lage der Berufssoldaten, erzählt die Geschichte eines Berufsoffiziers im besten Arbeitsalter, der seinen Dienst kündigte um als Lkw-Fahrer zu arbeiten, weil sich das mehr auszahlt.

Obwohl die meisten Angaben über das Heer als "Militärgeheimnis" eingestuft werden, behauptet das Magazin "Nedeljnik", dass ein Berufssoldat in Serbien umgerechnet rund 330 Euro im Monat verdient, Unteroffiziere knapp 450 Euro und Offiziere zwischen 500 und 720 Euro. Tagesgelder in der nicht ganz ungefährlichen Zone an der Grenze zum Kosovo betragen zum Beispiel nicht einmal 1,50 Euro. Der materielle Anreiz bleibt da vollkommen aus.

Aleksandar Vucic und Aleksandar Vulin
Pemierminister Aleksandar Vučić (r.) und Verteidigungsminister Aleksandar Vulin (l.) als Beobachter bei einem Militärmanöver. Bildrechte: IMAGO

Besser ein Denkmal für den "Unbekannten Deserteur"

Zur Wiedereinführung der Wehrpflicht peilen Staatspräsident  Vučić als oberster Befehlshaber und Verteidigungsminister Vulin das Jahr 2020 oder 2021 an, je nachdem, ob der Wehrdienst drei oder sechs Monate dauern soll. Befürworter meinen, die Einführung der Wehrpflicht sei die einzige Möglichkeit um das "Ausbluten" der Armee aufzuhalten und über eine ausreichende Anzahl ausgebildeter Soldaten zu verfügen. Da gehe es nicht nur um einen möglichen Krieg, sondern beispielsweise um den Einsatz bei Naturkatastrophen.

Der ehemalige Generalstabschef Zdravko Ponoš kritisiert das Vorhaben. Aus seiner Sicht wäre es billiger die Einkommen der Berufssoldaten zu erhöhen. Statt mit dem Heer zu experimentieren, sollte man die bestehende Struktur verbessern.

Ich halte nichts von einer Wehrpflicht in Serbien, das, ausgenommen Bosnien und Mazedonien, von Nato-Mitgliedern umringt ist. Ich diente 1984 und 1985 vierzehn Monate im damals mächtigen Heer der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. Zivildienst gab es nicht. Es waren vierzehn verlorene Monate meines Lebens. In den 1990er Jahren beobachtete ich, wie Rekruten in den Krieg geschickt wurden, um entweder Opfer oder Mörder zu werden. Die von Belgrad aus befehligte Armee konnte oder wollte den Bürgerkrieg nicht verhindern, tolerierte Raubzüge und Kriegsverbrechen, die serbische paramilitärische Einheiten verübten, oder beging selbst welche. Rund 140.000 Menschen wurden umgebracht, Millionen vertrieben. Es gab nichts Ruhmreiches an diesem Krieg. Im Gedenken an diese Zeit sollte man eigentlich ein Denkmal für den "Unbekannten Deserteur" errichten.

Zwei Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee 1985
Unser Autor Andrej Ivanji (r.) 1985 als Soldat der Jugoslawischen Volksarmee. Bildrechte: Andrej Ivanji

 


Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 06.04.2017 | 19:30 Uhr

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