Zeitumstellung Russland dreht das Zeit-Karussell

Sommerzeit oder Winterzeit? Russland hat innerhalb von zehn Jahren zweimal ganz grundsätzlich an den Uhren gedreht. Dennoch geht der Streit um die Zeitumstellung munter weiter.

Kinder und Erwachsene auf einem Kettenkarussell.
Immer Sommer- oder ständig Winterzeit? In Russland dreht sich das Zeitkarussell ... Bildrechte: imago/Rupert Oberhäuser

Früher aufstehen oder länger schlafen? In der EU will man demnächst entscheiden, ob man dauerhaft die Sommer- oder die Winterzeit haben will. Russland hat eine solche "Zeitreform" in den vergangenen zehn Jahren gleich zwei Mal unternommen. Und zwar in beide Richtungen. Doch ein Ende der Diskussion ist im größten Flächenstaat der Welt, in dem seit vier Jahren Winterzeit herrscht, dennoch nicht abzusehen. Erst im Februar hatte ein Abgeordneter der Partei Einiges Russland die Rückkehr zur Sommerzeit angeregt. Bislang fand er jedoch keine Unterstützung bei seinen Parteifreunden.

Dmitri Medwedew
Wer hat denn an der Uhr gedreht? Russlands Premier Medwedew sorgte für die dauerhafte Einführung der Sommerzeit in Russland. Bildrechte: imago/UPI Photo

Die Zeitumstellung wird abgeschafft

Seit 2008 ist das Thema Zeitumstellung in Russland immer wieder Gegenstand politischer Entscheidungen auf höchster Ebene. Angeschoben hatte es Russlands Ex-Präsident Dmitrij Medwedjew. Als Kreml-Chef versuchte er mit aller Macht, eine Modernisierung des Landes auf die Agenda zu bringen und seinen Reformwillen mit Taten zu untermauern. Der damals 42-jährige Politiker sprach gerne von den Vorteilen der Freiheit gegenüber der Unfreiheit, ließ mit der Wissenschaftsstadt Skolkowo Russlands Pendant zum Silicon Valley gründen und versprach eine Reform der Sicherheitskräfte, in derem Zuge die sowjetische Miliz von der Polizei abgelöst wurde. Auch die halbjährliche Zeitumstellung betrachtete Medwedjew als ein Überbleibsel der alten Zeit. Schon während seiner Ansprache zur Lage der Nation brachte der damalige Präsident eine mögliche Abschaffung der Zeitumstellung ins Gespräch. 2011 entschied der Kreml nach Konsultationen mit Unternehmern und Experten schließlich, dauerhaft die Sommerzeit einzuführen.

"Von den armen Kühen ganz zu schweigen."

"Die Zeitumstellung nervt alle, wir verschlafen oder stehen deswegen zu früh auf, von den armen Kühen ganz zu schweigen, die plötzlich nicht wissen, warum sie eine Stunde früher gemolken werden", erklärte Medwedjew damals. Ein Vorteil sei, dass es abends länger hell bleibe. "Ein Vorschlag, der für unser Land insgesamt nützlich ist", sagte Medwedjew der "Rossijskaja Gazeta". Zudem hätten zumindest ihn die Menschen mehrfach darum gebeten.

Ein Plus von 200 Lichtstunden

Tatsächlich haben Forscher der Lomonossow-Universität Moskau (MGU) berechnet, dass eine permanente Sommerzeit den Russen bis zu 200 Lichtstunden während der üblichen Wachzeiten beschert. Ein wichtiges Argument in einem Land wie Russland, dessen Großstädte und Ballungsräume wie Moskau, Sankt Petersburg oder Jekaterinburg nördlicher liegen als die größten Ballungszentren Europas, und wo es in den Wintermonaten deshalb deutlich weniger Lichtstunden gibt. Gleichzeitig hatten die Wissenschaftler der Russischen Akademie der Wissenschaften mögliche Stromeinsparungen als irrelevant bezeichnet. "Zwar machen die Menschen später das Licht an, was zu einer kleinen Ersparnis führt, dennoch muss die Industrie mit Strom versorgt werden, auch wenn die Menschen schlafen", sagt Arkadij Tischkow, Leiter des Geografie-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN). 

Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann

Doch die Einführung der dauerhaften Sommerzeit fruchtete nicht so, wie es sich die Reformer im Kreml gewünscht hatten. Viele Russen zeigten sich unzufrieden, weil es nun vor allem im Winter sehr spät hell wurde. Zwar sprechen sich laut einer Umfrage des russischen Meinungsforschungsinstituts FOM 80 Prozent der Russen gegen eine Rückkehr zur Zeitumstellung aus, doch dass nun ausgerechnet ewige Sommerzeit herrschen musste, spaltete die Nation. Einer Untersuchung des russischen Markt- und Meinungsforschungsunternehmens Vziom zufolge befürworteten lediglich 19 Prozent der Russen die Sommerzeit, allen voran jüngere Menschen und die Bewohner von Großstädten. Ein Drittel der Befragten sprachen sich klar für eine ständige Winterzeit aus. Aus durchaus nachvollziehbaren Gründen. Den vor allem im nördlichen Teil Russlands mussten die Bewohner im Winter bis in den Vormittag hinein auf die ersten Lichtstrahlen warten.

Der Fluss Bureya im Winter
Besser immer Winterzeit! In den nördlichen Landesteilen Russlands ging die Sonne bei dauerhafter Sommerzeit im Winter verdammt spät auf. Bildrechte: imago/Westend61

Putin bringt die Winterzeit zurück

Kein Wunder, dass schon wenige Monate nach der von Medwedjew 2011 eingeführten Dauer-Sommerzeit erste Forderungen nach einer Rücknahme der Reform laut wurden. Es dauerte jedoch noch weitere drei Jahre, bis Wladimir Putin, wieder in den Kreml zurückgekehrt, die Sommerzeit kassierte. Statt einer Rückkehr zur Zeitumstellung führte Putin nun eine dauerhafte Winterzeit in Russland ein, weshalb etwa die Moskauer Zeit während der Sommerzeit der mitteleuropäischen Zeit nur um eine Stunde, statt wie sonst um zwei Stunden, voraus ist.

Die Diskussion um die "richtige" Zeit hält an

Doch auch Putins neue Reform konnte die Diskussion in Russland nicht beenden. Schon zwei Jahre später wechselten sechs Regionen die Zeitzone (!) und stellten ihre Uhren wieder eine Stunde vor, nur um die Auswirkungen der Zeitreform rückgängig zu machen. Denn die waren für viele gravierend. Vor allem während der Sommer hätten manche Städte nun unter "absurd frühen" Sonnenaufgängen zu leiden gehabt, meint RAN-Wissenschaftler Tischkow. So werde es im Juni etwa in Kazan, rund 800 Kilometer östlich von Moskau, schon um halb vier morgens hell. In Moskau selbst werde es kurz nach vier hell, während in Berlin, New York oder London zur gleichen Jahreszeit die Sonne erst kurz nach fünf Uhr morgens aufgeht. "Wir dürfen nicht vergessen, dass wir ein nördliches Land sind und das Sonnenlicht eine der wichtigsten Ressourcen für unsere Gesundheit sind", erklärt Tischkow, der sich offen für die Wiedereinführung der Sommerzeit engagiert. Dass die Zeitfrage demnächst wieder auf der Agenda landet, gilt dennoch als unwahrscheinlich. Eine dritte Reform innerhalb eines Jahrzehnts wäre den Menschen in Russland nur schwer zu vermitteln.

Turmuhr des Spasski-Turms am Roten Platz in Moskau
In Erwartung neuer Direktiven: Ob die Uhr des Spaski-Turms bald wieder umgestellt wird? Bildrechte: imago/UPI Photo

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 26.10.2018 | 17:45 Uhr

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