Russland Ramsan Kadyrow - der unterschätzte Despot Tschetscheniens?

In Moskau wird Ramsan Kadyrow wegen seiner Eskapaden von vielen belächelt. Doch Tschetscheniens Machthaber unterdrückt nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern droht auch Kritikern in der Nachbarrepublik Inguschetien. Und befeuert damit einen schwelenden Grenzkonflikt.

Vladimir Ustinov (L), der Gesandte des Präsidenten in den Südlichen Föderalen Bezirk Russlands, und Ramsan Kadyrow, der Chef der Tschetschenischen Republik, nehmen an einer Sitzung des russischen Staatsrates im Moskauer Kreml teil.
Ramsan Kadyrow bei einer Sitzung des russischen Staatsrates im Moskauer Kreml. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Mal brüllt der tschetschenische Regierungschef Ramsan Kadyrow während des Spiels der tschetschenischen Fußballmannschaft in der Premjer-Liga, der obersten russischen Liga, ins Mikro des Stadionsprechers: "Der Schiri ist ein käuflicher Ziegenbock". Dann fordert er einen jungen Tschetschenen, der in einem Moskauer Bus Passagiere anpöbelte, dazu auf, schnellstens in seine Heimat zurückzukehren, um ihn dann als Strafe zur Arbeit in den Stadtwerken zu verdonnern.

Grenzkonflikt mit Inguschetien

Im fernen Moskau wirkt Ramsan Kadyrow eher wie eine Witzfigur als ein gefährlicher Despot. Doch während ihn viele Russen belächeln, ist so manch einem Bewohner der tschetschenischen Teilrepublik und seit jüngstem auch denen in den Nachbarrepubliken längst das Lachen vergangen. Das föderale System der Teilrepubliken in Russland ist in etwa mit dem der Bundesländer in Deutschland vergleichbar. In der Teilrepublik Inguschetien protestierten Tausende mehrere Wochen gegen einen Landtausch mit Tschetschenien, den Kadyrow und sein Amtskollege Jewkurow aus Inguschetien im September vereinbart hatten. Damit sollte ein seit Jahren schwelender Streit um die administrative Grenze der Teilrepubliken beigelegt werden.

Eine Frau mit kleinen Flaggen vor einer Menschenmenge
Proteste gegen den Landtausch mit Tschetschenien in Magas. Bildrechte: dpa

Drohung an Kritiker

Die Proteste zählten zu den größten in der jüngeren Geschichte des Landes. Allein in Magas, der Hauptstadt Inguschetiens, ging nach offiziellen Angaben fast ein Fünftel der Bewohner auf die Straße. Sie befürchten, dass Tschetschenien mehr Land bekommt als umgekehrt. Denn aus den offiziellen Dokumenten geht nicht klar hervor, wie groß die getauschten Landstriche sind. Dem tschetschenischen Oberhaupt Kadyrow platzte daraufhin der Kragen. Mit den Worten "Um Allahs Willen, schaffen sie sich keine Probleme", wandte er sich während einer im Fernsehen übertragenen Regierungssitzung an die Demonstranten in der Nachbarrepublik. Von einigen Oppositionellen wurde das als Kriegsdrohung interpretiert.

Mit der Limousine zum Dorfältesten

Zudem bezeichnete Muchazhir Nalgiew, der Dorfälteste des inguschetischen Dorfes Surkhakhi, Kadyrow als Hirten. Nalgiew ist Vorsitzender des Stammesrats, einer nicht staatlichen Institution, die in der inguschetischen Gesellschaft eine große Rolle spielt. Die Beleidigung regte Kadyrow so sehr auf, dass er sich persönlich, samt Gefolge in einem Tross aus Luxuslimousinen, nach Surkhakhi aufmachte, um eine Entschuldigung einzufordern.

Grenzkonflikt spitzt sich zu

Man könnte den Konflikt als Provinzposse abtun, doch er zeigt auf, welche Gefahren Kadyrows Regierungsstil birgt. Eigentlich sollte der Landtausch den Grenzkonflikt entschärfen, wie Inguschetiens Regierungschef Junus-Bek Jewkurow der staatlichen Nachrichtenagentur TASS erklärte. Doch durch Kadyrows verbale Drohungen ist genau das Gegenteil eingetreten.

Bauarbeiter sollen Grenze verschieben

Bereits im August war der Konflikt um die Grenze hochgekocht. Im Auftrag Kadyrows hatten tschetschenische Bauarbeiter in Begleitung bewaffneter Männer in einem Grenzdorf auf inguschetischem Territorium versucht, den Grenzposten mehrere Kilometer ins Hinterland der Teilrepublik zu verschieben. Nach Gesprächen mit lokalen Behördenvertretern mussten sie wieder abziehen.

Totalitärer Führungsstil

Die Menschenrechtsorganisation Memorial spricht in Bezug auf Kadyrow von einem totalitären Regime. Kritik wird nicht geduldet. Immer wieder müssen sich Menschen zum Beispiel für Kritik an ihm oder seinen Mitarbeitern öffentlich entschuldigen, zum Beispiel im örtlichen TV-Sender.

Anna Politkowskaja, 2005
Die Journalistin Anna Politkowskaja wurde 2006 im Treppenhaus vor ihrer Wohnung in Moskau ermordet. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Laut Presseberichten werden Häftlinge in tschetschenischen Gefängnissen gefoltert. Immer wieder kommt es zudem auf Angriffe gegen Menschenrechtler, Journalisten und Homosexuelle. Ebenfalls führen die Spuren im Mordfall Boris Nemzow oder der Journalistin Anna Politkowskaja nach Tschetschenien. Die Journalistin und Menschenrechtlerin Natalija Estemirowa wurde 2009 in Grozny entführt und umgebracht.

Keine Entspannung in Sicht

Zumindest im Streit mit dem Dorfältesten Nalgiew dürfte der Konflikt vorerst beigelegt sein. Kadyrow und Nalgiew reichten sich nach einem klärenden Gespräch die Hand. An die Demonstranten in Magas hatte er jedoch nur wenig später eine unmissverständliche Botschaft: "Wenn ihr glaubt, dass das Gebiet euch gehört, könnt ihr ja versuchen, dort eine Demo zu veranstalten", sagte Kadyrow in Grozny. "Wenn ihr da lebend rauskommt, dann bin ich genau der, als den ihr mich beschimpft."

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: TV | 11.07.2017 | 21:45 Uhr

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