Erzwungene Flugzeuglandung Belarus: Wer ist der entführte Blogger Roman Protassewitsch?

Belarus hatte am Sonntag eine Ryanair-Maschine auf dem Weg von Athen nach Vilnius unter dem Vorwand einer Bombendrohung zur Zwischenlandung in Minsk gezwungen. Unter den Passagieren war auch der im litauischen Exil lebende Journalist Roman Protassewitsch. Er und seine russische Begleiterin wurden in Minsk festgenommen. Sein Schicksal bleibt unklar, der Aktivist sitzt weiter in Haft. Protassewitsch hatte in Athen eine Konferenz besucht. Seine Reisepläne sollen nur einem kleinen Kreis Vertrauter bekannt gewesen sein. Wer ist der Blogger, dessen Entführung Diplomaten aus aller Welt aufschreckt und zu weiteren Sanktionen führt?

Ein junger Mann wird von zwei Polizisten verhaftet
Roman Protassewitsch ist Aktivist und Blogger - seit Sonntag sitzt er in belarussischer Haft. Bildrechte: dpa

Wer ist Roman Protassewitsch?

Der 26-jährige Roman Protassewitsch studierte Journalismus in Belarus, wurde jedoch von der Uni gegen seinen Willen exmatrikuliert. Er blieb noch einige Zeit in seiner Heimat und arbeitete dort bei unabhängigen belarussischen Medien, darunter Radio Liberty und Euroradio.

Ende 2019 musste der Journalist jedoch nach Polen fliehen, wo er Anfang 2020 politisches Asyl beantragte. Ähnlich wie in der litauischen Hauptstadt Vilnius gibt es auch in Warschau eine große belarussische Exilgemeinde. Dort arbeitete Protassewitsch bis September vergangenen Jahres als Chefredakteur des populärsten Telegram-Kanals Belarus namens Nexta, bevor er Chefredakteur und Moderator des in Belarus beliebten Telegram-Kanals "Belamova" wurde. Dessen Gründer, Ihar Losik, befindet sich wiederum seit Juni 2020 in belarussischer Haft.

Protassewitsch avancierte mit seiner Arbeit aus dem Exil zu einem der bekanntesten Kritiker und Blogger des Landes und Lukaschenkos.  

Warum wird Roman Protassewitsch von Lukaschenko und seinem Regime als Gefahr wahrgenommen?

Roman Protassewitsch ist regierungskritischer Blogger und Journalist. Er wird zusammen mit Stiapan Putsila (Gründer von "Nexta"), Swetlana Tichanowskaja, Pavel Latushka sowie anderen politischen Aktivisten vom belarussischen Geheimdienst KGB auf einer "Terroristen"-Liste geführt.

Seitdem die Straßenproteste von Lukaschenko durch Massenverhaftungen klein gehalten werden, findet der Protest vor allem digital statt. Eine der wichtigsten Informationsplattformen der belarussischen Oppositionsbewegung ist der verschlüsselte Nachrichtendienst "Telegram". Der Kanal "Nexta" hat zurzeit etwa eine Million Abonnenten und gilt als eine der wichtigsten Informationsquellen für die Opposition über die Proteste in Belarus, die nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl im August 2020 begonnen hatten.

Für Lukaschenko stellen die verschlüsselten Telegram-Kanäle zurzeit eine große Gefahr dar. Roman Protassewitsch moderierte den populärsten Telegram-Kanal. Der konnte auch weiter berichten, als das Internet von Lukaschenko tagelang lahmgelegt wurde. So verbreiteten der Blogger und seine Mitstreiter Videos der Polizei- und Staatsgewalt und wurden damit zu "Staatsfeinden" erklärt.

Protassewitsch hatte sich in Griechenland zu einem Kurzurlaub mit seiner Freundin aufgehalten. Ihr Flug zurück nach Vilnius soll nur einem sehr engen Kreis bekannt gewesen sein.

Was hat es mit der Verhaftung seiner Freundin auf sich?

Protassewitschs Freundin Sofia Sapega ist russische Staatsbürgerin. Auch sie wurde festgenommen. Nach Informationen der belarussischen Opposition weigerte sich der russische Konsul in Belarus, Sofia Sapega im Gefängnis zu besuchen. Putins Pressesprecher sagte, sie würden sich nicht mit dem Schicksal der russischen Bürger an Bord des Ryanair Fluges beschäftigen. Später jedoch wurde diese Aussage revidiert: Die russische Botschaft berichtete, dass man im engen Kontakt mit der Familie stehe.

An Bord sollen weitere russische Bürger gewesen sein. Um wen es sich handelt, ist dabei nicht klar. Gerüchten zufolge könnte es sich um Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes (FSB) gehandelt haben. Auch Militärexperten vermuten, dass die ganze Operation nur in Zusammenarbeit mit dem FSB realisiert werden konnte. Die russische Regierung verwahrt sich jedoch gegen Mutmaßungen, sie sei in die von Belarus erzwungene Landung einer Passagiermaschine in Minsk und die Festnahme eines regierungskritischen Journalisten verwickelt. Alle Behauptungen, Russland habe etwas damit zu tun, seien es nicht wert, kommentiert zu werden, sagte der Sprecher des Präsidialamtes, Dmitri Peskow, am Dienstag in Moskau.

Quelle: MDR, Reuters

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. Mai 2021 | 13:00 Uhr

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