Ukraine-Russland-Krieg Belarus: Kaum Proteste gegen den Krieg im Nachbarland

Belarus dient Russland als Aufmarschgebiet im Ukraine-Krieg. Doch wie steht die Bevölkerung dazu? Offenen Protest wagen nur wenige, in den Krieg ziehen wollen die Belarussen aber auch nicht. Die Stimmung ist gedrückt.

Innenstadt von Minsk, Hauptstadt von Belarus
Innenstadt von Minsk Bildrechte: Krystap Ruchkin/MDR

"Krieg in der Ukraine", mit diesen lakonisch vorgetragenen Worten antwortet ein kaum 15-jähriges Mädchen ihrer gleichaltrigen Freundin auf die Frage, warum sie heute hier schon wieder vor verschlossenen Türen stehen. Gemeint ist das Geschäft von H&M in der luxuriösen Einkaufspassage "Galleria" im Zentrum von Minsk. Teenager treffen sich gerne hier, um durch die ausnahmslos westlichen Geschäfte zu schlendern. Doch nun hat der schwedische Einzelhändler seine Filialen aufgrund der "tragischen Entwicklungen in der Ukraine" nicht nur in Russland, sondern auch hier, beim westlichen Nachbarn geschlossen. Heute können die Mädchen noch zwei Türen weiter, zum nach wie vor geöffneten Apple-Store, gehen – wie lange noch, bleibt offen. Auch Apple hat sich in Russland bereits aus dem Handy- und Computerverkauf zurückgezogen. Ähnliches droht Belarus. In der "Galleria" dürfte in den nächsten Tagen und Wochen wohl die ein oder andere Ladenfläche frei werden.

Erste Sanktionen auch in Belarus spürbar

Die ersten Bugwellen westlicher Sanktionen, die sich vermutlich bald auch gegen belarussische Banken richten werden, sind eine Etage darüber zu besichtigen. Eine kleine Schlange von Ausländern hat sich vor der Technobank und deren Wechselstube gebildet. In den vergangenen Tagen war auf Expat-Foren diverser Social-Media-Kanäle immer wieder von Problemen zu lesen, mit ausländischen Kreditkarten Geld abzuheben oder mit ihnen zu bezahlen. Seit Montag ist der Kurs des belarussischen Rubels zum Euro um zehn bis 15 Prozent gefallen. Wer an Euro oder Dollar kommen will, muss sogar 30 Prozent mehr Rubel als noch vor einer Woche berappen.

Geschlossene H&M-Filiale im Minsker Einkaufszentrum Galleria.
Geschlossene H&M-Filiale im Minsker Einkaufszentrum Galleria Bildrechte: Krystap Ruchkin/MDR

Gedrückte Stimmung in der Metro von Minsk

Außerhalb des Gewimmels der "Galleria" hat sich Minsk mittlerweile noch mehr in das verwandelt, was manche hier spöttisch gerne das "größte Dorf der Welt" nennen. Über Nacht ist Schnee gefallen, er verschluckt die Geräusche der Großstadt. Und doch liegt überall die Anspannung in der Luft. In der Metro von Minsk, in der auch sonst schon kaum ein Wort fällt, kann man seit ein paar Tagen selbst zur Rush Hour eine Stecknadel fallen hören. Selbst die 50- und 60-Jährigen, die hier sonst wirklich noch Bücher lesen oder einfach abgekämpft müde vor sich hinstarren, scheinen die Augen nicht mehr von den Bildschirmen ihrer Smartphones zu nehmen. Zu relevant sind jetzt die Weltnachrichten auch für das eigene Leben. Es lässt sich nur erahnen, durch welche Kanäle sie zu dem Menschen hier vordringen.

Auch auf den Straßen wird sich, kommt man den vorauslaufenden Passanten zu nahe, oftmals schreckhaft umgedreht. Bis zum Sommer 2020 war Minsk einer der sichersten Städte Europas. Doch seitdem hat sich einiges verändert. Die Erlebnisse um die Proteste vor anderthalb Jahren scheinen vielen noch in den Knochen zu stecken. Unvorstellbare Polizeigewalt und Verfolgung haben eine Art Paranoia befeuert – und nun dieser Krieg an der eigenen Grenze. Präsident Lukaschenko wird zwar nicht müde zu beteuern, dass Belarus in diesen Konflikt (noch) nicht aktiv eingegriffen hat. Doch gerade in der Hauptstadt glauben ihm die meisten kaum noch ein Wort. Während man Putins Unwahrheiten in Belarus vielleicht noch als taktisches Kalkül betrachtet, gilt Lukaschenkos Lügnerei als pathologisch.

Alexander Lukaschenko bei einem Manöver
Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko bei einem Manöver Bildrechte: imago images/Xinhua

Nur wenig Proteste gegen den Ukraine-Krieg

Und trotzdem heißt die Devise hier nach wie vor: abwarten. Als sich an der zentral gelegenen Metro-Station Njamiga am Sonntag nach der Abstimmung zu einer neuen Verfassung eine kleine Menschenmasse zusammengefunden hatte, um das Hupkonzert der Autos mit Antikriegslosungen zu unterstützen, reichte eine aus der Ferne wahrgenommene kleine Einheit der Polizei-Spezialeinheit OMON, um alle panisch flüchten zu lassen.

Am Minsker Hauptbahnhof hatten die Teilnehmer einer in den sozialen Medien zusammengerufenen Protestkundgebung hingegen weniger Glück. Die Demo wurde zwar nicht aufgelöst, die Teilnehmer im Anschluss jedoch in den umliegenden Seitenstraßen festgenommen. Eine von ihnen war die 59-jährige Tanja (Name aus Sicherheitsgründen von der Redaktion geändert). Ihr Ehemann wurde zu zehn Tagen Haft verurteilt, sie selbst entging dieser Strafe nur, weil sie auf einen von ihr betreuten Pflegefall innerhalb der Familie verweisen konnte. Sie muss stattdessen eine Geldstrafe von umgerechnet 1.000 Euro zahlen. Dennoch kam sie für 48 Stunden ins berüchtigte Minsker Okrestina-Gefängnis und erlebte dort eine merkwürdige Stimmung auch unter den Gefängnisangestellten und Sicherheitskräften. "Ich bin Zeuge mehrerer privater Unterhaltungen dort geworden", erzählt Tanja. "Und es war erstaunlich, wieviel Angst oder zumindest bange Unsicherheit dabei zu spüren war." Mehrmals habe sie dabei die Weigerung gehört, in einen eventuellen Krieg zu ziehen. "Dass dort einer der Meinung war, es handle sich hierbei wirklich nur um eine, wie es die Putin-Administration nennt, 'militärische Spezialoperation' und nicht um einen richtigen Krieg, habe ich ehrlich gesagt nicht erlebt."

Belarussische Armeeführung will nicht direkt eingreifen

Ein großes Aufbäumen gegen die stille Kollaboration ihres Landes mit den russischen Invasoren in der Ukraine gilt zumindest in den nächsten Tagen und Wochen als unwahrscheinlich. Dies könnte sich höchstens dann ändern, wenn sich Belarus nicht nur als Aufmarschgebiet für russische Truppen zur Verfügung stellt, sondern auch eigene Soldaten in die Ukraine schickt. Doch ein direktes Eingreifen der belarussischen Truppen in die Kriegshandlungen ist bei der Armeeführung Lukaschenkos nicht besonders populär und deshalb unwahrscheinlich, heißt es.

Ein Land, das ein Viertel seiner Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg und einen Großteil davon im Partisanenkrieg gegen die deutschen Okkupanten verloren hat, scheint den Preis eines Krieges zu kennen. Möglicherweise leistet Präsident Lukaschenko deshalb so viel Unterstützung für die russische Invasion, weil er Angst hat, selbst zur Zielscheibe imperialer Raserei von Putin zu werden. Sollten aber demnächst im südöstlichen Belarus, an der Grenze zur Ukraine, in Krankenhäusern von Städten wie Gomel, Masyr oder Retschyza schwerverletzte Belarussen auf den Operationstischen liegen, könnte sich die Stimmung im Land ganz schnell drehen.

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