Saisonauftakt an der Schwarzmeerküste Bulgariens "Ballermann": Flüchtlinge aus der Ukraine müssen Touristen Platz machen

Vessela Vladkova
Bildrechte: Vessela Vladkova

In Bulgarien haben Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine vor Beginn der Urlaubszeit die Hotels am Schwarzen Meer verlassen müssen – zum einen, weil die touristische Hauptsaison vor der Tür steht, zum anderen aber auch, weil im ärmsten Land der EU viele auf die staatlichen Zuschüsse für die Ukrainer neidisch waren.

Badeleben am Goldstrand an der Schwarzmeerküste
Rummel an Bulgariens Goldstrand: Der Tourismus trägt zwölf Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Auch deshalb müssen Flüchtlinge aus der Ukraine die Hotels an der Schwarzmeerküste verlassen, in denen sie unmittelbar nach dem russischen Angriff auf ihr Land untergebracht wurden. Bildrechte: IMAGO / EST&OST

Als am 24. Februar die russische Armee in der Ukraine einmarschierte, standen die Hotels an der bulgarischen Schwarzmeerküste leer. Was lag also näher, als die zu Tausenden mit Bussen und Privatautos ankommenden Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine dort unterzubringen? Rund 60.000 waren es insgesamt. Doch der Krieg dauert länger, als alle anfangs gedacht hatten. Mit Beginn der Hochsaison an Bulgariens Schwarzmeerküste müssen die ukrainischen Flüchtlinge gehen.

Gruppe junger Ukraine-Flüchtlinge tanzt auf einer Hotelanlage in Bulgarien.
Mit einer Tanzdarbietung im Ferienort Sweti Wlas zeigen diese Flüchtlinge aus der Ukraine ihre Dankbarkeit. Doch inzwischen sind sie an der Schwarzmeerküste nicht mehr willkommen. Bildrechte: IMAGO / Cover-Images

Eine von ihnen ist Julia Nawankewitsch mit ihren zwei Kindern. Mit vollgepackten Koffern steigen sie in einen Bus ein, der sie in das 300 Kilometer entfernte Skigebiet Pamporowo im Rhodopen-Gebirge bringen soll. Die Ungewissheit steht ihnen ins Gesicht geschrieben: Wie sieht die neue Unterkunft aus? Gibt es dort einen Kindergarten und eine Schule? Wie sieht es mit der medizinischen Versorgung aus? Dennoch sagt Julia im bulgarischen Fernsehen in gebrochenem Bulgarisch: "Wir sind dankbar für jede Hilfe."

Ukraine-Flüchtlinge müssen Touristen weichen

Rund 2.500 ukrainische Flüchtlinge waren wie Julia im riesigen Melia Sunny Beach Hotel am Sonnenstrand, der anderen bekannten Ferienhochburg an der bulgarischen Küste neben dem Goldstrand, untergekommen. Knapp 170 von ihnen bleiben – sie würden als Saisonarbeiter eingesetzt, sagt der Hotelmanager Christo Karailiew. Er erwartet Gäste aus Großbritannien, Deutschland und Polen.

Auch die 19-jährige Alina Matjuha verlässt das Vier-Sterne-Hotel. Sie bleibt jedoch im benachbarten Küstenstädtchen Nessebar. "Ich habe dort letzten Sommer als Zimmermädchen gearbeitet und mein Chef hat mir wieder einen Job angeboten", erzählt Alina, die aus Charkiw fliehen musste.

Wie viele Flüchtlinge aus der Ukraine sind in Bulgarien?

Derzeit halten sich in Bulgarien nach Angaben der Behörden etwa 80.000 Menschen aus der Ukraine auf. Es werden aber von Tag zu Tag weniger, denn Bulgarien ist vor allem Transitland für sie. Die Kriegsflüchtlinge reisen meist nach Mitteleuropa weiter oder kehren in ihre Heimat zurück. Seit Kriegsbeginn kamen annähernd 300.000 ukrainische Flüchtlinge in Bulgarien an.

Flüchtlingskinder in einem PKW
Für die meisten Ukraine-Flüchtlinge, die in Bulgarien ankommen, ist das Land nur eine Transitstation – wie für diese Mädchen, die mit ihren Eltern nach Griechenland weiterreisten. Bildrechte: IMAGO / NurPhoto

Ausgenommen von der Umsiedlungsaktion sind auch Flüchtlinge, die privat bei Freunden, Verwandten oder freiwilligen Helfern untergebracht sind – wie dem Journalisten Wladimir Jontschew. In seiner Wohnung in Sofia haben drei Mütter mit ihren fünf Kindern eine Bleibe gefunden. Der 53-Jährige fuhr vier Mal mit Hilfsgütern in die Ukraine und nahm die Frauen und die Kinder auf dem Rückweg mit.

Stimmungsumschwung und Neid-Debatte

Wladimir Jontschew, bulgarischer Journalist, auf einer Demo für Solidarität mit ukrainischen Flüchtlingen
Der Journalist Wladimir Jontschew hat acht Flüchtlinge aus der Ukraine bei sich zu Hause aufgenommen. Bildrechte: offnews.bg

Ein weiterer Grund für die Umsiedlungsaktion könnte neben der beginnenden Sommersaison auch ein Stimmungsumschwung nach der anfänglichen großen Hilfsbereitschaft sein, denn die staatlichen Zuschüsse für die Unterbringung der Flüchtlinge spalten die Gesellschaft. Hotelbesitzer bekamen rund 20 Euro pro Kopf und Tag. Wladimir Jontschew, der ein Nachrichtenportal im Internet betreibt, schrieb in einem Leitartikel, mit diesen Subventionen habe der Staat nicht nur den geflüchteten Ukrainern, sondern auch der angeschlagenen bulgarischen Tourismusbranche helfen wollen, die in den zwei Pandemiejahren sehr gelitten hat.

Die Erklärung klingt plausibel, wenn man bedenkt, dass der Tourismus in normalen Zeiten rund zwölf Prozent des bulgarischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Doch im ärmsten Land der EU sorgen solche Beträge für politischen Zündstoff. "Der Zuschuss für den Aufenthalt eines Flüchtlings beträgt 600 Euro pro Monat. Der Mindestlohn in Bulgarien liegt bei 360 Euro, und die durchschnittliche Rente bei 300 Euro", rechnet Jontschew vor.

Vizepremierministerin ohne Fingerspitzengefühl

Ukraine-Flüchtlinge in Bulgarien
Aufnahme von Flüchtlingen im März – zu Beginn des Ukraine-Krieges war die Hilfsbereitschaft der Bulgaren noch groß. Bildrechte: IMAGO / NurPhoto

Inzwischen wurden die Zuschüsse für Hoteliers wieder gestrichen. Doch während sich manche Bulgaren darüber freuen, sind andere über die Umsiedlungsaktion empört. Dafür sorgt unter anderem eine Videobotschaft der Vizeregierungschefin Kalina Konstantinowa, die inmitten der Diskussion, wie es mit der Unterbringung der Kriegsflüchtlinge weitergehen soll, reinplatzte. Ohne jegliches Einfühlungsvermögen verkündete sie das Ende des Unterbringungsprogramms an der Schwarzmeerküste: "Bulgarien kann es sich nicht mehr leisten, ukrainische Staatsbürger in Hotels am Strand zu unterhalten."

Die meisten bulgarischen Medien, NGOs und die Opposition haben Konstantinowa für diese Worte scharf kritisiert. Abgeordnete der Opposition wollten in einer aktuellen Fragestunde wissen, wo denn die 95 Millionen Euro EU-Hilfen geblieben sind, die Bulgarien für die Aufnahme der Flüchtlinge bekommen hatte.

Kriegsflüchtlinge sollen arbeiten gehen

Als Reaktion auf die Kritik startete die Regierung in Sofia ein neues Integrationsprogramm. Mit insgesamt mehr als 23 Millionen Euro aus EU-Töpfen sollen Geflüchtete ab Juni bei der Arbeitssuche unterstützt werden. Zudem stehen ihnen Mittel für Mietkosten und Verpflegung zur Verfügung. Arbeitgeber, die ukrainische Kriegsflüchtlinge einstellen, sollen einen Teil der Löhne und Gehälter in Höhe des gesetzlichen Mindestlohns von 355 Euro monatlich ersetzt bekommen.

Bislang sind sie nur mäßig in den bulgarischen Arbeitsmarkt integriert. Nur etwas mehr als 4.000 Ukrainer haben in Bulgarien Arbeit gefunden – etwa zehn Prozent der ukrainischen Flüchtlinge im arbeitsfähigen Alter, wie die zuständige Vizeregierungschefin Kalina Konstantinowa im Parlament in Sofia sagte.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 11. Juni 2022 | 06:30 Uhr

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