Hilfe aus Brüssel "Nutella-Affäre": Zweitklassige Lebensmittel für Osteuropa?

Im Streit um minderwertige Lebensmittel in Osteuropa will nun die EU aufklären. Knapp zwei Millionen Euro stellt sie bereit, um Produkte wissenschaftlich untersuchen zu lassen.

Voller Einkaufswagen zwischen Supermarktregalen
Erhalten die Verbraucher in Osteuropa minderwertige Lebensmittel von westeuropäischen Konzernen? Bildrechte: colourbox

Nutella, das nicht so cremig ist; weniger Fisch in den Fischstäbchen oder Palmöl statt Butter in den Butterkeksen: ​Seit Monaten werfen die Visegrad-Länder internationalen Lebensmittelkonzernen vor, in Osteuropa zweitklassige Produkte zu verkaufen. Die Lebensmittelhersteller bestreiten die Vorwürfe und verweisen auf verschiedene, regionale Geschmäcker in den jeweiligen Ländern und argumentieren, unterschiedliche Einkommensniveaus in den Ländern zu berücksichtigten. Nun kommt Hilfe aus Brüssel - ein Erfolg für die vier osteuropäischen Länder.

EU-weit vergleichbare Tests geplant

So stellt die EU insgesamt 1,8 Millionen Euro zur Verfügung, um Lebensmittel in allen 28 EU-Ländern nach wissenschaftlichen Standards zu untersuchen. Zuständig dafür ist das "Joint Research Center" (JRC) im belgischen Geel, eine gemeinsame Forschungsstelle von EU-Parlament und Kommission.

West-Schund in Osteuropas Supermärkten?

Die Regierungschefs der vier Visegrad-Länder kritisieren, westliche Konzerne würden in ihren Staaten minderwertige Produkte verkaufen.

Regierungschefs der Visegrad-Staaten: Viktor Orban, Beata Szydlo, Bohuslav Sobotka und Robert Fico
Bei einem Treffen Anfang März 2017 kritisierten die vier Regierungschefs der Visegrad-Gruppe - Viktor Orban (Ungarn), Beata Szydlo (Polen), Bohuslav Sobotka (Tschechische Republik) und Robert Fico (Slowakei) -, dass international bekannte Lebensmittelmarken in ihren Ländern schlechtere Qualität hätten als in Westeuropa. Die EU-Kommission forderten sie schon damals bereits auf, strengere Auflagen für die international agierenden Konzerne zu erlassen. Bildrechte: IMAGO
Regierungschefs der Visegrad-Staaten: Viktor Orban, Beata Szydlo, Bohuslav Sobotka und Robert Fico
Bei einem Treffen Anfang März 2017 kritisierten die vier Regierungschefs der Visegrad-Gruppe - Viktor Orban (Ungarn), Beata Szydlo (Polen), Bohuslav Sobotka (Tschechische Republik) und Robert Fico (Slowakei) -, dass international bekannte Lebensmittelmarken in ihren Ländern schlechtere Qualität hätten als in Westeuropa. Die EU-Kommission forderten sie schon damals bereits auf, strengere Auflagen für die international agierenden Konzerne zu erlassen. Bildrechte: IMAGO
Frühstücksfleisch der dänischen Firma Tulip
Beim "Frühstücksfleisch" der dänischen Firma Tulip fanden die Prager Prüfer 2015 heraus, dass es beim deutschen Produkt auf Schweinefleisch basiere, das tschechische aber hauptsächlich auf Separatorenfleisch - zumeist maschinell von den Knochen gelöstes Restfleisch, das bei vielen Verbrauchern als minderwertig gilt. Tulip kontert hingegen, die Dosenfleischprodukte würden weltweit mit unterschiedlichen Rezepten vertrieben und berücksichtigten den regionalen Geschmack und die jeweilige Preislage. Bildrechte: Tulip Food Company, Tulipvej
Werbung für Jacobs Krönung
Beim löslichen Jakob-Kaffee konnten die Prager Forscher ein Drittel mehr Koffein nachweisen als beim deutschen. Manchem Kaffeetrinker wäre wohl die tschechische Variante lieber. Bildrechte: IMAGO
Tschechische Zeitungen
Für die Medien in den Visegrad-Ländern ist das Thema ein gefundenes Fressen. Die slowakische linksliberale Zeitung "Pravda" schrieb im März 2017, man könne nur schwer glauben, "dass den Menschen hinter dem früheren Eisernen Vorhang Lebensmittel besser schmecken, die mehr Ersatzstoffe oder Süßungsmittel enthalten". Es gehe den Firmen nicht um Geschmack, sondern um Geld. Bildrechte: IMAGO
EU-Flaggen vor dem Sitz der EU-Kommission in Brüssel
Das die EU-Kommission hier etwas ändert, so wie die Visegrad-Regierungschefs fordern, ist schwer vorstellbar. Die EU-Gesetzgebung regelt, dass der Konsument nicht in die Irre geführt werden darf und über die Inhaltsstoffe aufgeklärt werden muss - auf der Verpackung. Was die EU-Kommission aber nicht regeln wird, ist, dass alles in der Union einheitlich schmecken muss. Bildrechte: Colourbox.de
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EU-Forschungsstelle soll Kriterien festlegen

Bevor es jedoch in die konkrete Testphase gehe, sei die Forschungsstelle JRC bis April damit beauftragt, Kriterien für eine Vergleichbarkeit der Produkte zu finden, so ein Sprecher der EU-Kommission. Wie das Online-Portal "Euractiv.pl" schreibt, könnten darunter die Zusammensetzung, das Gewicht, Volumen, die Beschreibung und der Preis fallen.

Bei den Untersuchungen haben die einzelnen Länder auch die Möglichkeit, konkrete Produkte zu benennen, die getestet werden sollen. Ergebnisse erwartet die EU-Kommission noch in diesem Jahr.

Forderung: Gleiche Verpackung, gleicher Inhalt

Allerdings sind Vorwürfe der Visegrad-Länder nicht neu. Im Sommer 2017 hatte sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker mit dem slowakischen Regierungschef Robert Fico beraten und unterschiedliche Standards bei Lebensmitteln als inakzeptabel bezeichnet. Bei dem Treffen vertrat Fico nicht nur sein Land, sondern auch seine Visegrad-Partner Ungarn, Tschechien und Polen.

Gleiche Verpackung muss auch gleichen Inhalt haben.

Robert Fico Regierungschef Slowakei

Immer wieder hatten in den vergangenen Jahren Lebensmittelkontrollämter und Universitäten in den vier osteuropäischen Ländern Studien vorgelegt, die eine minderwertige Qualität belegen sollten – wenngleich dies nicht bei allen getesteten Produkten nachgewiesen werden konnte. Zudem gab es gerade von den Herstellern Kritik an den nationalen Tests: Die Länder hätten keine wissenschaftliche Methodik und die Prüfkriterien seien unklar. Diesem Vorwurf soll nun mit den EU-weiten Tests entgegengewirkt werden.

Hühnchen statt Schweinefleisch

Der slowakische Regierungschef Fico nannte beim Treffen mit EU-Kommissionschef Juncker als Beispiel minderwertige Schokolade. Auch würde ein Produkt, das in Westeuropa Schweinefleisch enthalte, in Osteuropa mit minderwertigem Hühnchen ersetzt werden.

Auch Róża Thun, die für Polen im Europäischen Parlament sitzt und die Produktuntersuchung auf EU-Ebene mit durchgesetzt hat, sieht großen Verbesserungsbedarf bei den Lebensmittelherstellern: "Man hört zum Beispiel, dass bestimmte Kekse für den französischen Markt Butter enthalten und dieselben Kekse für Polen Palmöl, obwohl es die gleiche Marke ist." Sie ergänzt: "In einer Teppichfabrik in Belgien habe ich erfahren, dass die Teppiche für Osteuropa nicht so eng gewebt werden. Der polnische Verbraucher ahnt das nicht und kauft sie, weil er dem Prestige der Marke vertraut."

Bahlsen stellt Produktion um

Viele der westlichen Konzerne streiten doppelte Herstellungsstandards ab. Anders reagierte der Kekskonzern Bahlsen. Er kündigte im Juli 2017 an, seine Butterkekse für Osteuropa künftig ausschließlich mit Butter zu backen und nicht mehr mit Palmöl. Die Produktion für den osteuropäischen Markt bei Bahlsen Polska sei darauf umgestellt worden.

Was bislang geregelt ist Die EU-Gesetzgebung regelt, dass der Konsument nicht in die Irre geführt werden darf und auf der Verpackung über die Inhaltsstoffe aufgeklärt wird. Im Zuge der Debatte um zweitklassige Produkte hatte die EU im September 2017 einen Leitfaden herausgebracht, nach dem sich die EU-Staaten richten können, wenn sie unfaire Praxis vermuten. So verstoße es gegen EU-Standards, wenn die Produktzusammensetzung signifikant von einem Produkt in derselben Verpackung abweiche, heißt es darin.

(me)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im: Radio | 09.03.2017 | 19:10 Uhr

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