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KosovoJungen bevorzugt – Frau sein im Kosovo

16. Juni 2024, 05:00 Uhr

Marta ist weit über die Grenzen ihres eigenen Dorfes bekannt. Die unverheiratete Lehrerin, Direktorin und Eigentümerin eines eigenen Hauses, der das Schicksal ihrer ganzen Region am Herzen liegt. Trotz des Widerstands ihrer Mutter und traditioneller Vorstellungen davon, wie ein Frauenleben auszusehen hat, entschied sich Marta für ein Studium und ein unabhängiges Leben. Auch wenn sie im Dorf oft als "komisch" angesehen wird.

Marta Prekpalaj läuft zwischen den Tischen der Schüler hin und her, dann wieder zurück zur Tafel. An die hat sie einen Baum gezeichnet und einige chemische Formeln dazu notiert, denn Marta unterrichtet an einer Dorfschule, heute steht Photosynthese auf dem Plan.

Marta hat sich auch über ihren Beruf als Lehrerin hinaus immer für Mädchen und Frauen engagiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als sie selbst noch zur Schule ging, war ihre Lehrerin ihr Vorbild, erinnert sich die 56-jährige Marta: "Sie hat mir nicht nur Lesen und Schreiben beigebracht, sondern auch den Mut, neue Wege zu gehen. Sie hat ständig mit uns über die Rechte von Mädchen und Jungen gesprochen." Das habe Marta sehr inspiriert.

Bildung für Mädchen im Kosovo

Marta stammt aus dem bergigen Südwesten des Kosovo, einer armen Region. Dass Mädchen zur Schule gingen, war noch in den 1970er Jahren nicht die Regel. Aber ihr Vater habe sie immer unterstützt, erinnert sie sich: "Er wollte immer, dass ich Ärztin werde oder das mache, was ich möchte. Das hätte er früher nämlich auch gerne gemacht, aber seine Familie war zu arm."

Marta ist nach ihrem Studium in die kosovarische Provinz zurückgekehrt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Marta schloss später nicht nur die Schule ab, sondern ging auch auf die Universität und wurde Lehrerin. Schon früh entschloss sie sich, andere Frauen zu unterstützen. Sie besuchte systematisch die Familien in ihrer Gegend und versuchte Eltern davon zu überzeugen, ihre Töchter in die Schule zu schicken. Ihr Ziel: Frauen im traditionsbewussten Kosovo ein freieres und selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen.

Statt Job und Gehalt meist Haushalt und Kinder

Seit Martas eigener Schulzeit vor über 40 Jahren hat sich beim Bildungsstand der weiblichen Bevölkerung viel getan, trotz des Krieges 1998/99. Heute sind laut Daten der kosovarischen Statistikbehörde fast 70 Prozent der Uniabsolventen im Kosovo weiblich. Im scharfen Gegensatz dazu steht der niedrige Anteil der Frauen im erwerbsfähigen Alter, die einen Job haben: Gerade einmal ein Fünftel dieser Frauen verdient eigenes Geld.

Marta im Biologieunterricht Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf dem Land sind es sogar noch weniger. Lehrerin Marta sagt, in ihrer Gegend sei es bis heute so, dass die Männer arbeiten und die Frauen sich um Kinder und Haushalt kümmern würden und bei den meisten Familien gelte, "wenn man eine Tochter bekommt, ist das Wichtigste, sie zu verheiraten". Die 56-jährige Marta ist unverheiratet.

Theorie und Praxis der Gleichstellung

Rein rechtlich sind Frauen im Kosovo den Männern gleichgestellt, ob nun verheiratet oder nicht. Doch traditionelle Vorstellungen von Geschlechterrollen seien weit verbreitet, schreibt die Ökonomin Dita Dobranja in einem Bericht zur Beschäftigungssituation von Frauen im Kosovo. Die meiste der unbezahlten Arbeit im Haushalt und in der Familie würden sie erledigen. In der Praxis hätten Frauen so deutlich weniger Möglichkeiten zu arbeiten und seien stärker armutsgefährdet als Männer. Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen können Familien im Kosovo kaum in professionelle Hände abgeben, da solche Dienste – wenn außerhalb der Hauptstadt Pristina überhaupt vorhanden – kaum erschwinglich sind.

Martas Freundin Habibe (links) hat keinen Führerschein und ist auf andere angewiesen, wenn sie irgendwo hinfahren will. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Marta ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. Dagegen wurde ihr beruflicher Erfolg spätestens 1995 für alle sichtbar, als sie die Leitung einer Schule übernahm. Damals war sie in ihrer Region die einzige Frau in dieser Position, erinnert sie sich: "Das war nicht immer einfach und viele Männer wollten meinen Erfolg nicht akzeptieren. Ich konnte sie aber von meiner Arbeit überzeugen." Irgendwann hätten sie ihr dann vertraut.

Traditionelle Rollenbilder im Kosovo

Martas Vater, ein Mann, der ihr immer Rückhalt gegeben hat, ist bereits vor Jahren verstorben. Ihre Mutter hingegen kann sich bis heute nicht damit abfinden, dass Marta studiert hat, nicht verheiratet ist und sogar ein eigenes Haus gebaut hat.

Im Kosovo weit verbreitet: Ansichten wie die von Martas Mutter über Frauen als Ehefrauen und Mütter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie mache sich sogar Sorgen, dass ihre Tochter nach ihrem Tod auf sich allein gestellt sein wird, befürchtet, Marta habe ihr Leben nicht im Griff. Noch heute bekräftigt sie, sie sei dagegen gewesen, dass Marta zur Schule ging. "Ich wollte, dass sie wie ich und wie andere Frauen hier heiratet und im Haushalt arbeitet. Mir hat das immer Spaß gemacht."

Tochter Marta hat mittlerweile akzeptiert, dass sie die Haltung ihrer Mutter nicht ändern kann. Trotzdem verletze es sie, dass sie ihr das eigenständige Leben immer noch nicht zutraut.

Zugespitzte Debatten und langsamer Wandel

Dass es sowohl Männer als auch Frauen sind, die gerade von jüngeren Frauen erwarten, sich an traditionellen Rollenbildern zu orientieren, zeigen Befragungen im Kosovo. Die Aktivistin und Journalistin Shqipe Gjocaj bezeichnet es als traditionelle Frauenfeindlichkeit, wenn gleichzeitig unverheiratete Frauen herabgewürdigt werden. In der aktuellen Debatte, ob im Kosovo künstliche Befruchtung auch für ledige Frauen erlaubt sein sollte, zeige sich das überdeutlich. Befragungen zeigen aber auch, dass sich die kosovarische Gesellschaft wandelt und traditionelle Rollenvorstellungen abnehmen.

Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin hat Marta ein Buch über die Frauen ihrer Region geschrieben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das entspricht auch Martas Erfahrung. Mittlerweile hätten viele Frauen, die sie kenne, Wohnungen gekauft und lebten alleine. Auch hätten jetzt viele einen Führerschein, während sie früher in ihrer ländlichen Gegend die einzige Frau am Steuer gewesen sei.

Alles in allem bereut Marta den Weg, den sie gegangen ist, nicht – bis auf eine Einschränkung, fügt sie nachdenklich hinzu: "Vielleicht wäre ich früher glücklicher gewesen, wenn ich mir schon eher ein eigenes Haus gebaut oder ein Auto gekauft hätte; wenn ich früher auf mich geschaut hätte."

Mehr über die Marta Prekpalaj und die Momente, die ihr Leben verändert haben, erfahren Sie in ihrem Portät aus der Reihe "Transformer" in der ARD/MDR-Mediathek.

Ein Angebot von

MDR (usc)

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | 29. Juni 2024 | 18:00 Uhr