Große Hilfsbereitschaft Ukraine: Warum nicht jede Hilfe hilft

Viele Menschen in Deutschland wollen Geflüchteten und den Menschen in der Ukraine helfen. Doch nicht alles, was dafür gemacht wird, hilft wirklich. Manchmal kann es durch private Initiativen auch zu Problemen kommen. Das Rote Kreuz unterstützt seit Jahren in der Ukraine. Ein Sprecher erklärt, welche Hilfe nun am sinnvollsten ist und was derzeit überhaupt möglich ist.

Wartende Flüchtlingskinder
Kinder warten an der ukrainischen Grenze zu Polen: Allein in Polen sollen inzwischen 1,3 Millionen Flüchtlinge angekommen sein. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Die Hilfsbereitschaft vieler Menschen für die Menschen in und aus der Ukraine ist enorm. Es werden Kisten mit Pullovern, Decken oder Nahrungsmitteln in Deutschland gepackt und versucht, diese zu den Menschen zu bringen. Doch die Caritas und die Diakonie rufen inzwischen dazu auf, etwa Bekleidung nicht mehr zu spenden. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) erklärt gegenüber MDR exakt, dass Geldspenden am sinnvollsten wären und welche Hilfe derzeit in der Ukraine überhaupt möglich ist.

"Für das Rote Kreuz ist Geldspende die beste Variante", erklärt Christian Hörl, der beim DRK das Team für Planung und Risikomanagement leitet, im Interview. "Wir rufen auch nicht zu Sachspenden auf und nehmen auch keine Sachspenden für die Hilfe in der Ukraine an." Angesichts zahlreicher anderer Aufrufe zu Sachspenden, verwundert diese Aussage. Der Grund sei ganz einfach: Damit könnte am besten geholfen werden. Geld sei flexibel für Hilfsgüter einsetzbar und für Maßnahmen, die die Menschen im Moment auch wirklich benötigten.

Derzeit wird von vielen kleinen und großen Initiativen versucht, den Menschen in der Ukraine zu helfen - und auch denen, die nach dem Einmarsch durch Russland bereits aus dem Land geflohen sind. "Es ist eine unglaubliche Motivation der Bevölkerung, eine Solidarität, ein Mitgefühl mit den betroffenen Menschen", sagt Christian Hörl. Ein solch beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft - ausgelöst durch einen Kriegsfall - hätte es so in den vergangenen Jahren nicht gegeben.

Menschen auf der Flucht haben fast alles verloren

Christian Hörl, Teamleiter für Planung & Risikomanagement beim Deutschen Roten Kreuz.
Christian Hörl leitet beim DRK das Team für Planung und Risikomanagement. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch dieses Engagement bereite dem DRK auch Sorgen: "Man muss natürlich aufpassen, dass man wirklich bedarfsgerecht hilft. Bedarfsgerechte Hilfe heißt, dass man wirklich weiß und sieht: Was brauchen diese Menschen?", sagt Teamleiter Christian Hörl. Hilfe bedeute nicht nur, den Menschen irgendetwas Essenzielles zukommen zu lassen, sondern "ihnen auch ihre Würde zurückzugeben". Die Menschen, die sich auf der Flucht befinden, hätten alles verloren. Das heißt, sie benötigten neben Essen und Trinken auch eine sichere Unterkunft und damit Feldbetten, Matratzen und Decken.

Wenn es möglich ist, sollten die Menschen selbst entscheiden können, was ihnen am besten hilft, so der Krisenmanager des DRK. Deswegen setze das Rote Kreuz auch auf Bargeldhilfen. Wenn etwa in einer Stadt im Kriegsgebiet noch ein Markt vorhanden sei, könnten die Menschen sich selbst versorgen. "Viele Familien brauchen Medikamente, und nur sie wissen, was sie benötigen", so Christian Hörl. Ähnlich sei es bei anderen Dingen des täglichen Lebens.

DRK-Sprecher: Unkoordinierte Anlieferung von Hilfsgütern kann für Chaos sorgen

Viele gefüllte Taschen, Beutel und Kartons
In vielen Paketen - etwa von privaten Initiativen - seien auch viele Dinge enthalten, die die Menschen vor Ort gar nicht gebrauchen könnten, sagt Christian Hörl. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

"In nicht standardisierten Hilfsgütern oder eben jetzt auch, was private Initiativen anbelangt", so Christian Hörl, seien "in den Paketen auch viele Dinge enthalten, die die Menschen gar nicht gebrauchen können". Jede Initiative, die Menschenleben retten oder Versorgungsgüter in die Ukraine bringen wolle, sei sicher positiv gemeint, aber die unkoordinierte und unkontrollierte Ankunft von Hilfsgütern etwa an der polnisch-ukrainische Grenze sorge dort für Chaos. Das binde viele personelle Kapazitäten, die Sachen neu zu sortieren, zusammenzupacken und in die Ukraine zu bringen. "Das kann ganz schnell auch zu einer Blockade von Versorgungslinien führen."

Es gibt auch Menschen, die gerade mit ihren privaten Autos ins Kriegsgebiet fahren. Für sie gebe es keine Sicherheitsgarantien, erklärt Christian Hörl. "Es ist auf jeden Fall ein großes Risiko und auf eigene Gefahr." Es sei nicht zu empfehlen und auch das Auswärtige Amt rät davon ab. "Also wir können eigentlich nur raten, mit den großen Organisationen an der Stelle zusammenzuarbeiten, die ja wiederum immer auch lokale Partner haben." So verfügt das ukrainische Rote Kreuz beispielsweise über 6.000 freiwillige Helfer im Land und auch die Caritas sei dort vertreten.

Sichere humanitäre Hilfe in Ukraine nur schwer möglich

Derzeit sei es auch für das Rote Kreuz sehr schwierig, in der Ukraine unterwegs zu sein und im Land sichere humanitäre Hilfe anzubieten - insbesondere in den stark umkämpften Gebieten. Dort könne nur punktuelle Hilfe geleistet werden und so wie es die Kampfhandlungen zulassen, so Christian Hörl. "Wir verteilen Wasser, wir verteilen Lebensmittel, wir verteilen auch mal lebensnotwendige Medikamente."

Das gehe aber immer nur mit Ad-hoc-Aktionen. Denn auch "viele unserer Helfer sind betroffen", sagt Christian Hörl. Denn diese gehören zur ukrainischen Bevölkerung und die Filialen des Roten Kreuzes im Land liegen ebenfalls in Kampfzonen. Das DRK wende einen "erprobten" Koordinierungsmechanismus an. Das bedeute neben Hilfslieferung auch, Erste Hilfe zu leisten und andere darin auszubilden - in den U-Bahn-Schächten oder auch Luftschutzbunkern - und sich an der Evakuierung von Menschen zu beteiligen.

Evakuierungen nur bei eingehaltenen Waffenstillstands-Vereinbarungen

Doch Letzteres sei in den vergangenen Tag sehr schwierig gewesen. Die Helfer sind darauf angewiesen, "dass die beiden Konfliktparteien ab jetzt unbedingt Waffenstillstands-Vereinbarungen abschließen, die auch eingehalten werden", sagt Christian Hörl. Dann könnten auch gezielt Evakuierungsmaßnahmen und Hilfsgütertransporte durchgeführt werden. Solch humanitäre Korridore seien auch im Völkerrecht festgeschrieben. "Doch wir können die Menschen nicht erreichen, wenn man uns nicht lässt." Außerdem sehe das Rote Kreuz auch immer eine Gefahr die von humanitären Korridoren mit ausgehe. Sie bestehe darin, "dass die kriegsführenden Parteien dann das Gefühl haben, sich auf die humanitären Korridore beschränken zu können, was den Schutz der Zivilbevölkerung anbelangt."

Zudem versuche das Rote Kreuz auch den Aufbau einer längerfristigen Versorgung der Betroffenen in der Ukraine. "Wir müssen ja leider zum jetzigen Zeitpunkt davon ausgehen, dass uns insbesondere die Folgen des bewaffneten Konfliktes noch sehr lange beschäftigen werden", sagt der Teamleiter des Risikomanagements, Christian Hörl. Dass viele Hunderttausende oder Millionen Menschen in der Ukraine auch nach dem Ende des Krieges humanitäre Hilfe benötigen könnten. Dafür müsse eine Logistik mit den richtigen Grundlagen aufgebaut werden.

Derzeit werde durch das Internationale Rote Kreuz im Süden des Landes über die rumänische Grenze eine Versorgung aufgebaut. "Wir bauen gerade in mehreren Ländern, um die Ukraine herum Logistikstützpunkte auf", sagt Christian Hörl. Das geschehe etwa auch in Polen und Ungarn. "Es wird viel gemacht, damit wir, wenn wir dann wirklich die Möglichkeiten bekommen, sicher die Menschen zu erreichen, auch alle Hilfsgüter an die Betroffenen bringen können."

Quelle: MDR exakt

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 09. März 2022 | 20:15 Uhr

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