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Kapitän Luka Modrić beim ersten Spiel der diesjährigen Fußball-WM gegen Marokko. 2018 führte er die kroatische Nationalmannschaft zum Titel Vize-Weltmeister. Bildrechte: IMAGO / Sports Press Photo

Fußball-WM in KatarKroatien: Pause im Parlament für Fußball-WM

von Ulrike Schult, Osteuropa-Redaktion

Stand: 29. November 2022, 05:07 Uhr

In Kroatien redet kaum jemand über die Menschenrechtslage in Katar. Das Land ist im Fußball-Fieber. So sehr, dass sogar das Parlament Pause macht, um ihre Nationalelf spielen zu sehen. Auch Schulen setzten schon den Unterricht aus, was für reichlich Wirbel sorgte.

Fußball statt Haushaltsdebatte? Im kroatischen Parlament fiel die Antwort darauf am 23. November deutlich aus. Man legte eine Sitzungspause ein, um das erste Spiel der Nationalelf in Katar schauen zu können. Auch der Bildungsminister erklärte kurz zuvor, man solle sich in den Schulen absprechen, ob man UWM-nterricht abhalten oder das erste Spiel verfolgen wolle. Die Diskussion über den Sinn und Unsinn von solchem Fußball-Patriotismus hatte begonnen.

"Vatreni" – die "Feurigen" werden Mannschaftskapitän Luka Modrić und sein Team in Kroatien auch gern genannt. Noch sind sie Vizeweltmeister. Wohl alle in Kroatien erinnern sich, mit welchem Freudentaumel die Nationalelf 2018 bei ihrer Rückkehr von der WM emfpangen wurde, auch von Kroatinnen und Kroaten, die sich sonst wenig aus Fußball oder Nationalstolz machen.

Beim ersten Spiel der WM 2022 gegen Marokko erfüllten sich die hohen Erwartungen an das kroatische Team allerdings nicht. Es endete 0:0 in einem Stadion, in dem deutlich weniger kroatische Fans als bei früheren Weltmeisterschaften auf den Rängen saßen. Dafür, so kroatische Medien, hätte eine kroatische Fangruppe mit ihrem Wüsten-Look in Katar schon Tage zuvor "gewonnen": Beduinenkleider, Tücher auf dem Kopf, Sonnenbrillen. Selbst das rotweiße Karomuster des kroatischen Wappens fehlte nicht auf den knöchellangen weißen Gewändern der Fans. Auch eine wohl 200 Meter lange und 100 Kilogramm schwere kroatische Flagge war auf den Straßen Dohas dieser Tage schon zu sehen. Um sie zu entrollen sind offenbar genügend kroatische Fans angereist.

Nationalismus im Fußball ganz normal?

Die Fussball-Begeisterung der Kroaten habe weniger mit dem Sport selbst zu tun, sagte der Chefredakteur des Onlineportals Telesport, Aleksandar Holiga, gegenüber der Deutschen Welle. Vielmehr gehe es einerseits um Unterhaltung und Geselligkeit, "andererseits aber auch um Patriotismus – und wenn man so will, um Nationalismus."

Bei der WM 2018 in Russland sangen Mitglieder der kroatischen Fußball-Nationalmannschaft nach einem gewonnenen Match in der Kabine ein Lied, das der faschistischen Ustaša-Bewegung Kroatiens aus dem Zweiten Weltkrieg huldigt. Ein Video davon verbreitete sich online und sorgte für internationale Kritik.

Als das kroatische Team 2018 als Vizemeister von der Fußball-WM zurückkehrte, versank Zagreb in einem Freudentaumel. Bildrechte: IMAGO / Pixsell

Auch die Nähe, die die Mannschaft bei der Siegesfeier in Zagreb zum rechtsradikalen Sänger besagten Liedes, Marko Perković Thompson, demonstrierte, rief im Ausland und zum Teil auch in Kroatien Befremden hervor. Während man im Land für einen Monat mit der Nationalelf mitgefiebert habe, sei beinahe so etwas wie "nationale Einheit" entstanden, so ein Kommentar der Tageszeitung Jutarnji list. Die sei allerdings mit dem Auftritt des Sängers schlagartig wieder dahin gewesen.

Boykott der WM in Katar kein Thema

Kaum diskutiert, schon gar nicht kontrovers, wurde laut Aleksandar Holiga vom Portal Telesport, ob man die diesjährige WM in der Golfmonarchie boykottieren solle. Kritik an den Arbeitsbedingungen ausländischer Bauarbeiter in Katar, der Menschenrechtslage im Land und Kritik an der Vergabepraxis der FIFA tauche eher als Randnotiz auf. Dennoch registriert man in Kroatiens Presselandschaft sehr genau, wie zweischneidig Deutschlands Verhältnis zum WM-Gastgeber ist: Auf der einen Seite Kritik, auf der anderen die größer werdende Abhängigkeit von Erdgas aus Katar.

Den lauwarmen WM-Auftakt der "Feurigen" konnten die kroatischen Schülerinnen und Schüler letztendlich in manchen Schulen gemeinsam anschauen. Sowohl die Parlamentsdebatte als auch den Schulunterricht zu unterbrechen, nannten Vertreter einiger Fraktionen einen patriotischen Akt oder auch puren Pragmatismus, müsse man doch befürchten, dass ohnehin viele für das Spiel der Nationalelf ihre sonstigen Verpflichtungen vernachlässigen würden. Für die Parlamentsfraktion Grün-linker Block hingegen hätte die Haushaltsdebatte Vorrang gehabt. Eine Abgeordnete des Blocks sagte, Politik habe eine Vorbildfunktion, und den Schulunterricht zu unterbrechen sei kein Weg "Heimatliebe zu zeigen", sondern eher ein Ausdruck falsch gesetzter Prioritäten. Für das zweite Spiel der kroatischen Nationalmannschaft gab es auch eine Pause, diesmal von der Diskussion – es fand am Sonntag statt. Die Kroaten besiegten die Kanadier mit 4 zu 1.

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Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | 23. November 2022 | 13:44 Uhr