Katholische Kirche Polen: Papst-Vertrauter soll Pädophile gedeckt haben

Der engste Vertraute des polnischen Papstes Johannes Paul II. soll systematisch Pädophilie in der katholischen Kirche gedeckt haben, behauptet ein neuer Dokumentarfilm. Die polnische Kirche gerät weiter unter Druck.

Statue von Papst Johannes Paul II. in Posen.
Der 2005 verstorbenen Papst Johannes Paul II. gilt in Polen als eine Art Nationalheiliger. Ein neuer Dokumentarfilm über Pädophilie in der Katholischen Kirche erhebt jedoch schwere Vorwürfe gegen seinen engsten Vertrauten - und den Papst selbst. Bildrechte: imago/Enters

Pädophilie-Opfer, Anwälte, Priester und Journalisten lässt der private polnische Sender TVN24 in seinem Dokumentarfilm "Don Stanislao. Das andere Gesicht von Kardinal Dziwisz" zu Wort kommen – und diese kommen zu einem vernichtenden Urteil. "Dziwisz ist das größte schwarze Schaf in der Katholischen Kirche. Er ist der Schlimmste", sagt etwa ein französischer Journalist, der seit Jahren zu Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche recherchiert.

Beschuldigte gedeckt und versetzt

Bei dem Beschuldigten handelt es sich um einen der einflussreichsten polnischen Geistlichen, den 81-jährigen Kardinal Stanisław Dziwisz. Seit mehr als 50 Jahren bekleidet dieser einige der wichtigsten Ämter in der polnischen Katholischen Kirche. In diesen Funktionen soll er mehrere Fälle von Pädophilie aktiv gedeckt haben, so der Film.

So sei ein Priester, der einen Jungen hunderte Male missbraucht hatte von Dziwisz nur versetzt worden, behauptet das damalige Opfer. Hauptzeuge des Films ist der Priester Tadeusz Isakowicz-Zaleski. Dieser erklärt, dem Kardinal mehrere Fälle von Pädophilie in der Kirche gemeldet zu haben, die einfach ignoriert wurden. Andere seien lediglich vor "Kirchengerichten" verhandelt und die Beschuldigten ebenfalls nur versetzt worden.

Internationale Pädophilie-Fälle gedeckt

Doch die Vorwürfe gehen weit über Polen hinaus. So soll Kardinal Stanisław Dziwisz, der von 1998 bis 2005 im Vatikan arbeitete, zwei der prominentesten Fälle von Pädophilie in der Katholischen Kirche gedeckt haben. So sei er im Jahre 2002 persönlich über den Fall Marcial Maciel Degollado informiert gewesen. Dem mexikanischen Priester und Gründer der Organisation "Legion Christi" wurde von neun Männern sexueller Missbrauch und Vergewaltigung vorgeworfen. Dziwisz habe niemals interveniert.

Ähnliches wurde dem US-amerikanischen Geistlichen Theodore McCarrick vorgeworfen. Der ehemalige Bischof von New York City wurde im Februar 2019 von Papst Franziskus aus dem Priesteramt ausgeschlossen, weil er mehrerer Fälle der Pädophilie für schuldig befunden wurde. Opfer McCarricks berichten im Film, Dziwisz bereits Jahrzehnte zuvor über dessen Taten informiert zu haben.

Was wusste Papst Johannes Paul II?

Derselbe Zeuge versichert, ebenfalls Papst Johannes Paul II informiert zu haben. Dieser galt als engster Freund und Ziehvater von Dziwisz. Der Kardinal arbeitete seit 1966 als Sekretär des späteren Papstes, der damals Erzbischof der einflussreichsten polnischen Diözese Krakau war. Auch nachdem Johannes Paul II 1978 Papst wurde, galt Stanisław Dziwisz als dessen rechte Hand. Von 1998 bis zum Tod des Papstes 2005 arbeitete er als sein persönlicher Berater direkt im Vatikan. In diese Zeit fallen auch die Anschuldigungen um den Mexikaner Degollado.

Die Vorwürfe haben gewaltige Sprengkraft. Johannes Paul II gilt in Polen als eine Art Nationalheiliger. Er war der erste nicht-italienische Papst nach über 400 Jahren und unterstützte die Solidarność -Bewegung, die maßgeblichen Anteil am Fall des Eisernen Vorhangs und der Unabhängigkeit Polens hatte.

Katholische Kirche unter Druck

Das erzkatholische Land wird seit Jahren von Pädophilie-Skandalen erschüttert. Seit 2019 hat der Filmemacher Tomasz Sekielski mit zwei Dokumentarfilmen zum Thema für Aufsehen gesorgt. Darin beschreibt auch er ein systematisches Verdecken von Pädophilie-Fällen durch die Katholische Kirche in Polen. Die beiden Videos wurden auf YouTube mehr als 30 Millionen Mal angeschaut und sorgten für landesweite Proteste. Der 2018 erschienene Dokumentarfilm "Klerus" lief sogar im Kino und avancierte zum meistgesehenen Kinofilm in Polen aller Zeiten.

Der beschuldigte Kardinal Stanisław Dziwisz äußerte sich bislang nicht zu den Vorwürfen. Als die Journalisten ihn im Film zu einem Kommentar drängen, bezeichnet er diese als "Verbrecher". Er habe der Kirche und Polen gedient und diene ihr immer noch und ist sich keiner Schuld bewusst. Als Reaktion auf die Austrahlung kam es am Mittwochabend vor dem Kurienhaus und dem Wohnhaus des Kardinals in Krakau zu Protesten.

(ahe)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Oktober 2020 | 01:13 Uhr

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