Krieg in der Ukraine Polen: Die Bürger helfen, der Staat nicht

Rund 1,9 Millionen Menschen sind seit dem Beginn von Putins Angriffskrieg aus der Ukraine nach Polen geflohen. Und die polnische Zivilgesellschaft zeigt sich ausgesprochen solidarisch: Sie bietet den Geflüchteten Kost und Unterkunft, spendet Kleidung und Geld, auch die Koordination der Hilfe wird von Ehrenamtlichen übernommen. Der Staat dagegen bleibt untätig und überlässt es den Bürgern, zu helfen. Wie lange kann das gut gehen?

Ukrainische Flüchtlinge am Bahnhof in Breslau
Ausnahmezustand am Bahnhof in Breslau Bildrechte: IMAGO/NurPhoto

Am Breslauer Bahnhof herrscht derzeit Ausnahmezustand. Zwischen die üblichen Reisenden mischen sich Helfer und Dolmetscher und hunderte von Flüchtlingen aus der Ukraine. Unter ihnen die Näherin Lena aus Kiew und ihr 11-jähriger Sohn Vlad. Sie erzählt, dass in der Ukraine keine Zugfahrkarten nach Polen mehr zu bekommen sind, und auch das Benzin knapp wird, da so viele Menschen vor dem Krieg fliehen. Sie selbst seien dann im Auto mit Bekannten mitgefahren.

Die polnischen Helfer haben ihre Tische in einem Durchgang hinter den Fahrkartenschaltern aufgeklappt. Dort werden kostenlose Fahrmöglichkeiten angeboten, Arbeit vermittelt, SIM-Karten für Handys ausgegeben. Daneben steht eine Tafel, auf der die Helfer aufgeschrieben haben, was an Spenden benötigt wird: Derzeit vor allem Babynahrung. Die Helferinnen und Helfer sind ständig in Bewegung, bringen Getränke und Hygieneprodukte, sorgen für Übersetzungen. Zwei Ukrainerinnen kommen zum Dolmetscher und fragen, wie sie Fahrkarten nach Tschechien kaufen können. Der Mann hat noch nicht zu Ende gesprochen, da kommt schon eine andere Frau dazu und fragt, wo man in der Stadt übernachten kann.

Freiwillige Helfer, private Koordination

In drei Schichten haben sich die Helfer organisiert, jede dauert 3 Stunden und ist mit 60 Personen besetzt – alles ehrenamtliche Arbeit. Michał Gałuszka, arbeitet normalerweise als Projekt Manager bei einem IT Unternehmen in Breslau. Jetzt ist er Sprecher der Freiwilligen und sagt, dass am Anfang alles sehr spontan lief: "Alles, was sie hier sehen, haben wir selbst gemacht. Nach zwei Wochen läuft es ganz gut, aber besser wäre, wenn uns der Staat ein professionelles Team schicken würde, das das alles koordiniert."

Geflüchtete Ukraine Polen Breslau Bahnhof
Flüchtlinge und Helfer am Bahnhof von Breslau. Bildrechte: IMAGO / NurPhoto

Doch danach sieht es nicht aus: Die Woiwodschaft hat zwar auch einen Stand am Breslauer Bahnhof, an dem Unterkünfte vermittelt werden, doch sie koordiniert die Hilfe nicht. Die 60 Ehrenamtlichen sind auf sich selbst gestellt. Essen gibt die Gemeinde aus, die ihre Zelte draußen vor dem Bahnhof aufgestellt hat und für die medizinische Hilfe sind wieder andere Helfer zuständig. "Dazu kommt, dass wir manchmal von einem Sonderzug mit hunderten von Flüchtlingen überrascht werden, über dessen Ankunft uns keiner informiert hat. Dann haben wir wirklich alle Hände voll zu tun", sagt Gałuszka. Er meint aber, dass im Vergleich zu anderen Städten, in Breslau die Zusammenarbeit mit dem Staat "noch gut" läuft.

Solidarität bis zum Burnout

Derzeit geht eine Welle der Solidarität durch Polen, wie sie das Land seit der Wende nicht erlebt hat. Letzten Umfragen zufolge befürwortet 86 Prozent der Polen humanitäre Hilfe an die Ukraine zu leisten, und 75 Prozent der Befragten wollen, dass Polen Flüchtlinge aufnimmt. Im Internet wimmelt es von Anzeigen von Polinnen und Polen, die gerne Lebensmittel, Kleider und Geld spenden. Viele bieten den ukrainischen Flüchtlingen Unterkunft auf Zeit bei sich zu Hause an.

Geflüchtete Ukraine Polen Breslau Bahnhof
Geflüchtete, Helfer und Reisende mischen sich am Bahnhof in Breslau. Bildrechte: IMAGO / NurPhoto

Doch mittlerweile ist der Enthusiasmus um die Flüchtlinge so groß geworden, dass Medien immer öfter davor warnen, dass sich die Helfer in einen Burnout arbeiten - und Ratschläge erteilen, wie man das vermeiden kann. Denn der Krieg in der Ukraine wird höchstwahrscheinlich weitergehen und "den Flüchtlingen Hilfe zu leisten ist kein Sprintlauf, sondern Marathon".

Wer hilft wem?

Auch die Menschenrechtsaktivistin und EU-Abgeordnete Janina Ochojska blickt mit gemischten Gefühlen auf die Solidarität ihrer Landsleute – weil sie weiß, wem sie verwehrt wird. Denn in Wirklichkeit sei Hilfe "nur für bestimmte Flüchtlinge" vorgesehen, kritisiert sie. "Es geht um diejenigen, die sich kulturell näher stehen, die eine ähnliche Sprache sprechen", so Ochojska. Noch vor kurzem habe die Regierung an der Grenze zu Belarus einen Zaun errichten lassen, um Flüchtlinge aus anderen Teilen der Welt zurückzuhalten.

Geflüchtete Ukraine Polen Breslau Bahnhof
Keine Unterkunft mehr bekommen: Ukrainische Geflüchtete schlafen im Bahnhof. Bildrechte: IMAGO / NurPhoto

In der aktuellen Krise sind die Helfer in Warschau bereits jetzt an der Grenze der Belastbarkeit angelangt. Denn in der Hauptstadt hilft der Staat überhaupt nicht, außer dass er ein Gebäude zur Verfügung gestellt hat, in dem die Flüchtlinge übernachten können. Als sich die lokale Koordinatorin der Helfer in den Medien über die mangelnde staatliche Unterstützung beschwerte, versuchte die Woiwodschaft, sie zu entlassen. "Das ist eigentlich schon ganz lustig, weil ich mich selbst als Koordinatorin ernannt habe, dafür kein Geld nehme - und mich daher keiner entlassen kann. Ich habe vor weiterzumachen", sagte sie der Zeitung Gazeta Wyborcza.

Die Großstädte sind überlastet

Vor allem Kommunalpolitiker fordern den Staat auf, mehr Hilfe für Flüchtlinge zu leisten. So wies der Bürgermeister von Warschau, Rafał Trzaskowski, darauf hin, dass innerhalb von zwei Wochen rund 320.000 ukrainische Flüchtlinge in der Hauptstadt angekommen sind, von denen rund zwei Drittel in der Stadt geblieben sind. Doch es fehlt an Unterkünften: Bereits jetzt kann die Stadt jedem dritten Flüchtling kein Obdach bieten. Ähnlich ist die Situation in anderen Städten, etwa in Krakau, wo tausende Flüchtlinge am Bahnhof auf dem Fußboden schlafen müssen.

Zwei Menschen formen ihre Hände zum Herz auf dem Bahnof in Breslau.
Weiterfahrt nach Westen. Bildrechte: IMAGO/NurPhoto

Der Breslauer Freiwilligensprecher Gałuszka sagt, dass Großstädte wie Warschau, Breslau, Krakau und Danzig eine besondere Anziehungskraft auf die Menschen aus der Ukraine haben. Zum einen, weil es dort schon eine ukrainische Diaspora gibt und zum anderen, weil viele glauben, dort leichter Arbeit zu finden. Tatsächlich lebten in der 630.000-Einwohner-Stadt Breslau bereits vor dem russischen Angriffskrieg bereits 80.000 ukrainische Staatsbürger, nach Angaben von Bürgermeister Jacek Sutryk sind in den letzten zwei Wochen noch einmal 100.000 ukrainische Flüchtlinge dazugekommen. So viele Unterkünfte könne man in so kurzer Zeit schlicht nicht bereitstellen. Deshalb sollen die Flüchtlinge in andere Teile der Region verteilt werden.

Weiter nach Westen

Die UN rechnet mit rund 4 Millionen Kriegsflüchtlingen, die nach Polen kommen könnten. Wie viele davon im Land bleiben werden, weiss niemand. Denn wenn sie wollen, können sie auch weiter Richtung Westen fahren. So hat die Polnische Bahn letztes Wochenende zusätzliche Züge von Breslau und Warschau nach Berlin gestellt. Auch Näherin Lena will mit ihrem Sohn weiterfahren, weil sie findet, hier in Breslau seien schon zu viele ihrer Landsleute. Sie will nach Deutschland, vielleicht zuerst nach Berlin, dann nach Stuttgart, weil dort schon ihre Freundin ist. "Sie erzählte, es sei eine ganz andere Welt als die Ukraine. Aber ich habe keine Angst, schließlich lande ich da dich nicht auf Mars. Irgendwie komme ich da schon zurecht", meint sie.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL TV | 17. März 2022 | 17:45 Uhr

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