Statistik Volkszählung in Polen: Warum die katholische Kirche zittern muss

In Polen soll eine Volkszählung Daten über die soziale und wirtschaftliche Lage der Bevölkerung sammeln - und über ihre Glaubenszugehörigkeit. Schließlich rechtferigt die PiS-Regierung mit dem Hinweis auf die breite katholische Bevölkerungsmehrheit zahlreiche politische Entscheidungen. Gleichzeitig kämpfen homosexuelle Paare, Transgender und non-binäre Menschen um Sichtbarkeit und gegen Diskriminierung.

Die Volkszählung in Polen ist zum Politikum geworden.
Bildrechte: imago images/Steinach

Alle zehn Jahre sammelt das zentrale polnische Statistikamt neue Daten über die Bevölkerung des Landes, die demographische Struktur, die soziale und wirtschaftliche Lage und die Wohnverhältnisse der Bürger – seit April bis einschließlich September diesen Jahres. Die Teilnahme ist obligatorisch. Schwänzern droht eine Geldstrafe von bis zu 5.000 Złoty (etwas mehr als 1.100 Euro), für falsche Angaben drohen bis zu zwei Jahre Gefängnishaft. Die Ergebnisse werden unter anderem dafür verwendet, Politik zu planen.  

Wie katholisch ist Polen wirklich?

Eine zentrale Frage, ist die nach dem Glauben: Denn viele politische Entscheidungen – etwa das strenge und hochumstrittene Abtreibungsverbot – und der große Einfluss der katholischen Kirche auf die Politik werden damit begründet, dass Polen nun mal ein katholisches Land sei. Doch stimmt das wirklich noch?

Bei der letzten Volkszählung vor zehn Jahren bekannten sich 96 Prozent der Polen zum Katholizismus, aktuell sind es einer Erhebung eines kircheneigenen Statistikinstituts noch 87,6 Prozent  – einer der höchsten Werte in Europa.

 Frau sitzt in einer Kirchenbank in einer sonst leeren Kirche in Polen.
Wie katholisch ist Polen heute noch? Nur 27 Prozent der Menschen besuchen regelmäßig den Gottesdienst. Bildrechte: imago images/Hans Lucas

Doch inzwischen besuchen nur noch 27 Prozent der Polen regelmäßig die Messe, Umfragen zufolge hat die Kirche gerade unter jungen Menschen an Bedeutung verloren. Das Vertrauen in die Institution ist gesunken – wohl auch wegen der zahlreichen Skandale um den sexuellen Missbrauch von Kindern. Nach Erhebungen des staatlichen Meinungsforschungsinstituts CBOS bewerteten bis 2010 etwa 65 Prozent der Polen die Aktivitäten der katholischen Kirche positiv, 2020 waren es nur noch 42 Prozent. Und: Immer mehr Polinnen und Polen treten aus der Kirche aus. Vor diesem Hintergrund ist die umfangreiche Finanzierung der Kirche aus dem Staatshaushalt für viele einfach nicht mehr akzeptabel.

"Die Frage nach der Religion ist eigentlich eine der wichtigsten in der gesamten Volkszählung", schreiben die Aktivisten der Aktion Ich will zählen auf Facebook. "Die in dieser Rubrik gesammelten Daten werden in den nächsten zehn Jahren die Form der polnischen Politik bestimmen. Werden wir weiterhin zulassen, dass sich der Episkopat auf Kosten unserer Rechte in die Gesetzgebung einmischt?"

Idee der Aktion ist, die Menschen zu ermuntern, über ihr Verhältnis zur Kirche nachzudenken und nicht einfach automatisch anzugeben, dass sie katholisch sind. So solle die Statistik ein realistischeres Bild der gesellschaftlichen Lage abgeben. Denn anders als in Deutschland gibt es in Polen keine Kirchensteuer, die Religionszugehörigkeit ist steuerrechtlich nicht relevant. So fehlt der Anreiz, aus der Kirche auszutreten, wenn man sich von der Institution entfernt hat. Es steht daher zu vermuten, dass es in Polen mehr "Karteileichen" gibt als hierzulande.

Baby-Schuh-Protest gegen Pädophilie und Missbrauch in der Katholischen Kirche in Krakau
Protest mit Kinderschuhen: Die vielen Skandale um den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester haben dem Ansehen der Kirche in Polen schwer geschadet. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Die Aktivisten von Ich will zählen rechnen fest damit, dass sich in dieser Volkszählung signifikant weniger Menschen zum Katholizismus bekennen, als noch vor zehn Jahren. "Die Ergebnisse der letzten Volkszählung vermittelten den Eindruck, dass Polen ein religiöser und ideologischer Monolith ist", sagt Oskar Żyndul, Soziologe und Initiator der Aktion. "Die im April beginnende Volkszählung ist eine hervorragende Gelegenheit, das Stereotyp eines katholischen Polen zu überprüfen."

Mehr Sichtbarkeit für gleichgeschlechtliche Paare und Angst vor Diskriminierung

Bei dieser Volkszählung werden in den Fragebögen erstmals auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften erfasst. Das sorgte in den sozialen Medien für ein geteiltes Echo: Einige freuten sich, dass es endlich möglich sein wird, zu zeigen, wie viele LGBT-Menschen in Polen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben. Andere schrieben, dass sie wegen der von der Regierungspartei PiS geduldeten und geförderten Diskriminierung der LGBT-Minderheit Angst haben, die Daten der Partner, mit denen sie zusammenleben, anzugeben, weil sie damit ihre sexuelle Orientierung preisgeben würden.

Ein anderes Problem sind gleichgeschlechtliche Ehen, die im Ausland geschlossen wurden: Bisher haben die polnischen Verwaltungsbehörden solche Ehen nicht anerkannt und gleichgeschlechtlichen Paaren die Umschreibung ihrer ausländischen Heiratsurkunden in das polnische Personenstandsregister verweigert. Dank des Engagements einiger NGOs, die sich für LGBT+-Rechte einsetzen, ist das nun anders: Paare, die im Ausland geheiratet haben, dürfen zumindest bei der Volkszählung angeben, dass sie einen Ehemann oder eine Ehefrau haben, ohne eine strafrechtliche Verfolgung für die Angabe falscher Daten befürchten zu müssen.

Menschen mit Regenbogenflaggen im Zentrum von Warschau, 2019
LGBT-Menschen wollen gesehen werden - auch in der Statistik Bildrechte: Daniel Filipek

Die Statistik kennt nur Mann und Frau

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Diskriminierung von transgender und non-binären Personen. Denn das Online-Formular für die Volkszählung sieht als Optionen nur Mann und Frau vor. Außerdem muss die in Polen übliche Personenidentifikationsnummer angegeben werden, die sich unter anderem aus dem Geburtsdatum und einer Kennziffer für das Geschlecht zusammensetzt. Stimmen diese beiden Angaben nicht überein, kann das Formular nicht weiter ausgefüllt werden. Die Koordinatorin der juristischen Abteilung des Vereins Liebe schließt nicht aus, Milena Adamczewska, sieht in dem Unwillen der Behörden, hier eine Lösung zu finden, "ein weiteres Beispiel für die systemische Diskriminierung von Transgender und nicht-binären Menschen. Das Volkszählungs-Formular wird weiterhin die Menschenrechte verletzen, da es unmöglich ist, das tatsächliche Geschlecht zu markieren." Und sie fügt hinzu: "Wir werden es nicht dabei belassen - Menschen, die von der Volkszählung ausgeschlossen werden, können auf Rechtshilfe der NGOs zählen."

transgender und non-binär Als Transgender werden Menschen bezeichnet, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren können, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. So wird etwa eine Frau, die im Körper eines Mannes geboren, Trans-Frau genannt. Manche, aber nicht alle lassen geschlechtsangleichende Operationen vornehmen.

Als non-binär oder nicht-binär bezeichnet man Menschen, die sich weder ausschließlich dem weiblichen noch ausschließlich dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Sie bewegen sich außerhalb der zweigeteilten (binären) Vorstellung von Geschlechtern.

Nach polnischem Recht ist es möglich, sein tatsächliches Geschlecht gerichtlich feststellen zu lassen. Doch diese Prozesse sind sehr kompliziert und langwierig. Deshalb ergibt sich bei mehr als 80 Prozent der Transgender-Personen eine Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen und dem in den Dokumenten angegebenen Geschlecht.

Und so geht es in allen Streitfragen bei dieser Volkszählung darum, was sichtbar wird - und was nicht.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Oktober 2020 | 01:13 Uhr

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