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Eine angebliche Annexion der russischen Exklave Kaliningrad durch Tschechien nach einem "Referendum" mit 102 Prozent Zustimmung sorgt seit Tagen für Witze und Memes im tschechischen und polnischen Internet. Hier das U-Boot "Helena Vondráčková" in den "tschechischen" Territorialgewässern. Bildrechte: Twitter/Generał Brygady Trolli

Spott über RusslandNach Fake-Referendum: Tschechien "annektiert" Kaliningrad

von Cezary Bazydło, Osteuropa-Redaktion

Stand: 08. Oktober 2022, 04:16 Uhr

Es begann als harmloser Witz eines Twitter-Users, doch dann rollte eine Lawine los. Seit Tagen reißen die Tschechen im Internet Witze über eine vermeintliche Annexion der russischen Exklave Kaliningrad nach einem Fake-Referendum. Inzwischen spielen sogar offizielle Accounts von Unternehmen und Behörden mit. Alle lachen Tränen – nur manche Russen verstehen da keinen Spaß.

Mit einer besonderen Aktion haben Internetuser aus Tschechien die russischen Scheinreferenden in der Ukraine auf die Schippe genommen. Was die Russen können, können wir auch, dachten sie und verkündeten ein virtuelles Referendum über den Anschluss der russischen Exklave Kaliningrad an die Tschechische Republik. Der digitale "Wahlzettel" enthielt nur zwei mögliche Antworten: "Ja" und "Selbstverständlich". Die Idee sorgte für Furore in den sozialen Medien – nicht nur in Tschechien, sondern auch im Nachbarland Polen, das im Südwesten an Tschechien und im Nordosten an das "strittige" Gebiet Kaliningrad grenzt.

Die russische Exklave Kaliningrad ist zwischen Polen und Litauen "eingeklemmt". Russland nutzt das Gebiet als Militärvorposten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wo liegt das Gebiet Kaliningrad?

Das Kaliningrader Gebiet ist eine russische Exklave an der Ostsee. Das Wort Exklave bedeutet, dass es von seinem Mutterland durch das Territorium anderer Staaten abgetrennt ist. In diesem konkreten Fall ist es gewissermaßen zwischen Polen und Litauen "eingeklemmt". Russland nutzt das Gebiet vor allem als riesige Militärbasis vor den Toren der beiden NATO-Länder. Gebietshauptstadt ist Kaliningrad – mit knapp 500.000 Einwohnern die westlichste Großstadt Russlands. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gehörte das Gebiet zu Deutschland und bildete den nördlichen Teil der Provinz Ostpreußen.

Warum ist Kaliningrad russisch?

Kaliningrad ist mit knapp 500.000 Einwohnern die westlichste Großstadt der Russischen Föderation. 1283 vom Deutschen Orden gegründet, gehörte sie bis 1945 zu Deutschland, hieß Königsberg und war die östlichste deutsche Großsstadt. Der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. krönte sich dort 1701 zum König in Preußen. Berühmtester Sohn der Stadt war der Pholosoph Immanuel Kant. Weite Teile der Stadt wurden durch britische Bombenangriffe Ende August 1944 zerstört. Im April 1945 eroberte die Rote Armee Königsberg, das im Folgejahr in Kaliningrad umbenannt wurde. Bis 1948 wurden die meisten deutschen Bewohner ausgesiedelt und von Menschen aus der Russischen Sowjetrepublik ersetzt.

Immer mehr User griffen den Witz auf und spinnen den Faden weiter. 102 Prozent der Wähler hätten bei dem grandiosen Referendum für Tschechien gestimmt, spottete ein Twitternutzer in Anspielung an die wenig glaubwürdigen Zustimmungswerte, die nach den Scheinreferenden in den besetzten Teilen der Ukraine verkündet wurden. Man heiße das neue Territorium im tschechischen Staat willkommen, hieß es weiter. Die Stadt Kaliningrad – bis 1945 als Königsberg deutsch – werde künftig den tschechischen Namen Královec tragen. Damit korrigiere man eine historische Ungerechtigkeit, schließlich wurde das 1283 gegründete Königsberg nach dem böhmischen König Přemysl Ottokar II. so benannt, der dem Deutschen Orden im Mittelalter half, die Gebiete rund um das heutige Kaliningrad zu erobern.

Es folgte eine Flut von Memes und Fotocollagen zum vermeintlichen Anschluss der russischen Exklave an Tschechien. Der kleine Maulwurf nimmt darauf beispielsweise ein Sonnenbad am Ostseestrand von Kaliningrad oder spaziert durch den dortigen Hafen. Begeisterte Einwohner schwenken tschechische Fahnen. Eine TV-Moderatorin steht vor einer Wetterkarte, auf der Kaliningrad vel Královec zu Tschechien gehört. Und natürlich öffnen die ersten Ikea-Läden in der Stadt wieder.

Der Zugang zum Meer bedeutet natürlich auch, dass Tschechien nun eine eigene Kriegsmarine hat. So patrouillieren auf den Memes der Flugzeugträger "Karel Gott" und das U-Boot "Helena Vondráčková" in den neu gewonnenen Territorialgewässern. Auf einem anderen Bild stockt Wladimir Putin verdutzt, als er bei einem Anruf in Kaliningrad statt des vertrauten "zdrastwujte" den tschechischen Gruß "ahoj" hört und obendrein erfährt, dass er für die Stadt nun ein Visum braucht. Das I-Tüpfelchen ist eine Bier-Pipeline, die Kaliningrad mit seinem neuen Mutterland verbindet: Beer Stream 1. Spott nach Art des braven Soldaten Schwejk.

Die witzige Aktion zieht immer größere Kreise und wurde inzwischen sogar von Unternehmen und Behörden aufgegriffen. Die Tschechischen Bahnen gaben auf ihrem offiziellen Account bekannt, dass ihre Züge ab dem Fahrplanwechsel im Dezember auch Kaliningrad ansteuern werden und die Stadtpolizei von Pardubice meinte lässig: Wo wir heute blitzen? Natürlich in Kaliningrad. Sogar die US-Botschaft in Prag reagierte und fragte auf Twitter, ob die Tschechen nicht zufällig einen Flugzeugträger brauchen.

Dabei fing alles mit einem einzigen, nicht ganz ernst gemeinten Tweet an. Ein polnischer User hatte vorgeschlagen, das Kaliningrader Gebiet zwischen Polen und Tschechien aufzuteilen. Damit hätten die Tschechen endlich den langersehnten Zugang zum Meer, witzelte er – der fehlende Zugang zum Meer ist ein häufiges Motiv in polnischen Witzen über das Nachbarland. Der tschechische Europaparlamentarier Tomáš Zdechovský übersetzte den Tweet auf seinem Account – und löste damit eine Lawine aus.

Doch während man in Tschechien und Polen seit Tagen darüber lacht, nehmen es manche in Russland bitterernst. Das Internetportal politexpert.net sah sich gezwungen, einen Experten dazu zu befragen. Ein gewisser Michail Timoschenko, seines Zeichens Oberst im Ruhestand, versicherte im Interview: Polen und Tschechien sollten sich keine Hoffnungen auf eine Teilung des Kaliningrader Gebiets machen, denn Russland werde niemals sein Territorium aufgeben. Warschau könnte sich in die Enge treiben, sollte es die Kräfte der Baltischen Flotte der Russischen Föderation provozieren, hieß es. Offenbar versteht der Experte keinen Spaß.

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Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | 08. Oktober 2022 | 07:15 Uhr