Kulturkampf in Serbien EuroPride in Belgrad: Hass und Hetze gegen Schwule und Lesben

Fotomontage Mann vor Fahne
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Das serbische Innenministerium hat immer wieder Pride-Paraden in Belgrad verboten. Denn Gegner der Veranstaltung machen regelmäßig auf Belgrads Straßen mobil. Diesen Samstag trifft das Verbot die europäische LGBTQ-Veranstaltung EuroPride. Doch die Veranstalter halten an der Parade fest.

Menschen marschieren, angeführt von orthodoxen Priestern die ein Plakat halten, während eines Protests gegen die internationale LGBTQ-Veranstaltung Europride.
Protestmarsch in Belgrad gegen die LGBTQ-Veranstaltung EuroPride, angeführt von orthodoxen Priestern. Bildrechte: dpa

Die EuroPride in Belgrad hätte ein Fest der Liebe, Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie werden sollen. Sie hätte zeigen sollen, dass EU-Beitrittskandidat Serbien reif sei in Sachen Menschenrechte und Rechtsstaat. "Es ist Zeit" lautet deshalb auch die Parole der EuroPride in Serbien, in dem Land, in dem es in der Vergangenheit schon zu schlimmen Ausschreitungen kam, als LGBTQ-Menschen für ihre Rechte demonstrieren wollten. Mehrfach war in Serbien die nationale Pride "aus Sicherheitsgründen" verboten worden. Und jedes Mal, allerdings im Nachhinein, erklärte das Verfassungsgericht das Verbot für verfassungswidrig.

In einer fröhlichen Karnevalsstimmung, wie in der westlichen Hemisphäre üblich, im slawisch-orthodoxen Serbien die Gleichberechtigung der LGBTQ-Menschen zelebrieren? Von wegen. Schwarze Wolken aus der Tiefe des konservativen, christlichen, antiwestlichen serbischen Daseins überdeckten die Veranstaltungen.

Serbisch-orthodoxer Bischof: Putin ist der Kaiser der Welt

Der serbische Patriarch Porfirije setzte sich für ein Verbot der EuroPride ein. Tausende Menschen zogen in mehreren Prozessionen durch das Zentrum Belgrads, trugen Banner mit serbisch-orthodoxen Heiligen, mit Fotos von Wladimir Putin und dem Buchstaben "Z", russische Fahnen und Durchhalteparolen für das Kosovo, die Wiege des Serbentums.

Bischof Nikanor aus dem Banat spricht bei einem Protest gegen die internationale LGBTQ-Veranstaltung EuroPride in Belgrad
Bischof Nikanor aus dem Banat spricht bei einem Protest gegen die internationale LGBTQ-Veranstaltung EuroPride in Belgrad Bildrechte: IMAGO / SNA

Der serbisch-orthodoxe Bischof Nikanor bezeichnete Putin als den "heutigen Kaiser unserer Welt", denn in Russland dürften diese Schwulen und Lesben und "Wasimmersiesind" nicht paradieren und das Land verseuchen. Er beklagte sogar, leider keine Waffen zu haben, denn sonst würde er es den "Schwuchteln" schon zeigen.

Die Staatsspitze blieb still. Rund 80 Prozent der Serben sind prorussisch eingestellt, Serbien ist das einzige europäische Land, das wegen des Ukrainekriegs gegen Russland keine Sanktionen verhängt hat. Menschenrechte sind Menschenrechte, aber Popularität ist eben Popularität.

"Familienwerte" gegen "Unmoral"

Die Teilnehmer der "Prozessionen für die Erlösung Serbiens" forderten von serbischen Machthabern die "Kranken" von den Straßen zu verbannen, denn ihre Sichtbarkeit schüre Unmoral und verletze ihre feinen christlichen Gefühle und Familienwerte.

Über gewaltige Lautsprecher dröhnte in Belgrad bei diesen Protestmärschen kirchliche und patriotische Musik. Sonst Totenstille, wie bei einem Massengebet. Menschen, die mit erkennbarer Hingabe einem heiligen Ziel nachgehen. Wie ein mittelalterlicher Inquisitionszug auf dem Weg zu einer Hexenverbrennung.

Hinter den Protesten würden angeblich einige von Russland finanzierte rechtsextremistische Gruppierungen stecken, behaupten einige Organisatoren der EuroPride. Nachgewiesen ist das nicht. Allerdings wurde jede der Prozessionen gegen die EuroPride vom serbischen Zweig der russischen Bikergruppe Nachtwölfe, auch "Putins Biker" genannt, begleitet. Was dem Ganzen etwas kreuzritterhaftes verlieh.

Gegen "aggressive westliche Wertsysteme"

Patriarch Porfirije der Serbisch-Orthodoxen Kirche führt die traditionelle Göttliche Liturgie im St. Sava Tempel in Belgrad durch
Patriarch Porfirije der serbisch-orthodoxen Kirche Bildrechte: dpa

Am vergangenen Sonntag sprach der serbische Patriarch: Neue Wertsysteme haben das Ziel, "aggressiv und gewaltsam" das Identitätsfundament zu zerstören, und der Epilog dieser "Ideologie der posthumanistischen Gesellschaft" führe dazu, dass man keine Vorstellung mehr habe, was männlich und was weiblich sei. In der Folge könne man nicht mehr sagen, was ein Mensch sei. All das sei nicht im Einklang mit Gottes Ordnung. Also, verbietet im Namen Gottes die EuroPride. Vier rechts-nationale patriotische parlamentarische Parteien stellen sich hinter die Kirche, unterstützten die Prozessionen und forderten ebenfalls die EuroPride zu verbieten.

Verbot der Parade

Die gesamte EuroPride mit über 120 Veranstaltungen, Konzerten, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Theaterstücken, wurde doch nicht verboten, es ist immerhin eine europäische Veranstaltung. Viele Funktionäre aus der Europäischen Union hatten längst Flugtickets gekauft, Hotels gebucht und Dienstreisen angesagt. Tausende LGBTQ-Aktivisten reisten nach Belgrad. Aus Brüssel und Washington kamen, ausnahmsweise, unmissverständliche Botschaften. Auf diese Weise eingezwängt zwischen dem Druck des Westens und sinkender innenpolitischer Popularitätswerte, musste das Regime in Belgrad einen Kompromiss finden. Und so verhängte das serbische Innenministerium "aus Sicherheitsgründen" ein Verbot der für Samstag geplanten großen Parade, dem Höhepunkt der gesamten Veranstaltung. Es verbot auch eine für den gleichen Tag angesagte Gegendemonstration der orthodoxen Patrioten und "Beschützer der Familienwerte" und, vorsichtshalber, auch alle für Samstag geplanten Fußballspiele. In Fußballklubs sind die rechtsextremen Hooligans konzentriert. Die Strafen für die Nichtbefolgung des Verbots sind hoch: von umgerechnet rund 257 Euro bis rund 17.000 Euro.

Einige kritische Medien und Oppositionspolitiker behaupten, das Verbot und das ganze Tohuwabohu um die Parade sei ein "Ablenkungsmanöver", weil die Staatspitze schmerzhafte Zugeständnisse in Verhandlungen mit dem Kosovo, dessen Unabhängigkeit Serbien nicht anerkennt, unter der Vermittlung der EU und USA machen müssen.

Kommt nicht in Frage!

Eine Frau hält eine Regenbogenfahne während des jährlichen LGBT-Pride-Marsches in Belgrad, Serbien, Samstag, 18. September 2021.
Partystimmung während des jährlichen LGBT-Pride-Marsches in Belgrad am 18. September 2021. Bildrechte: dpa

"Kommt nicht in Frage! Die Parade wird stattfinden", verkündeten die Organisatoren. Denn eine Pride ohne die Parade sei keine Pride. Und das noch dazu eine EuroPride. Man habe sich lange genug zurückgezogen vor Drohungen der Hooligans, der Staat sei verpflichtet für die Sicherheit der Parade zu sorgen. Auch aus Brüssel hieß es: Es gehe um fundamentale Menschenrechte, der Staat dürfe die Parade nicht verbieten.

Einige links-grüne Parteien und Menschenrechtsorganisationen riefen die Bürger Serbiens auf, sich trotz des Verbots dem Spaziergang der LGBTQ-Menschen anzuschließen. Der Berichterstatter des Europäischen Parlaments für Serbien, Vladimír Bilčík, erklärte: "Ich komme am Samstag." Und der US-amerikanische Botschafter in Belgrad, Christopher Hill, lehnte sich ganz weit aus dem Fenster und sagte: "Die Parade wird stattfinden."
Die Karten liegen auf dem Tisch, das Spiel ist noch offen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 17. September 2022 | 19:30 Uhr

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