Erste Wahlen nach Journalistenmord in Slowakei

Die Slowakei durchlebt derzeit eine große Krise. Die Menschen im Land wollen Veränderungen, das haben die Massenproteste gegen Korruption, vor allem nach dem Mord an dem Journalisten Ján Kuciak im Februar, gezeigt. Bei den Wahlen von Bürgermeistern und Gemeindevertretern am Sonnabend traten Aktivisten und Regierungskritiker an. Ein Test für die Regierung und das ganze Land.

Mattus Vallo, Bürgermeisterkandidat Bratislava
Matúš Vallo hat nun gute Aussichten, Bürgermeister in der Hauptstadt zu werden. Bildrechte: Matúš Vallo

Matúš Vallo ist 41, Architekt und Musiker und einer von zehn Bürgermeisterkandidaten für die Stadt Bratislava bei den aktuellen Kommunalwahlen. Er will etwas verändern. Korruption, Lügen, Misswirtschaft und Subventionsbetrug bis in höchste Regierungskreise seines Landes regen ihn seit Langem auf. Vallo selbst ist parteilos, wird aber von zwei kleinen jungen Parteien, SPOLU ("Zusammenarbeit") und PS ("Progressive Slowakei"), unterstützt. Diese beiden Parteien haben sich erst in den vergangenen zwei Jahren gebildet. Sie wollen eine andere Politik in der Slowakei. Das will auch Matúš Vallo. Gemeinsam mit seinem jungen Team hat er ein 300 Seiten starkes Buch veröffentlicht – einen fundierten Plan für Bratislava.

Großer Wunsch nach Veränderungen

Die Morde an Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kušnirova im Februar 2018 und die Korruptionsfälle, die der junge Journalist aufgedeckt hatte, haben Matúš Vallo zutiefst schockiert. Die großen Proteste, zu denen die Menschen im Land danach auf die Straße gingen, haben gezeigt, dass die Slowaken Veränderungen wollen. Vallo war bei den meisten Demonstrationen dabei, spielte dort mit seiner Band PARA (Dampf). Doch nur Aktivist zu sein, reicht ihm nicht.

Wenn die Menschen Veränderungen wollen, müssen sie selber in die Politik gehen.

Matúš Vallo

Nun will er mit Ehrlichkeit und einem "guten Plan" punkten. Ob der Plan aufgeht, wird sich am Sonnabend zeigen, denn dann sind Kommunalwahlen. Er wird als einer der vier aussichtsreichsten Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt in Bratislava gehandelt und ist vor allem für viele jüngere Menschen in der Stadt ein Hoffnungsträger.

Was Schüler bewegen können

Karolína Farská ist gerade mal 19 Jahre jung und hat eben ihr Studium der Europawissenschaften in Bratislava begonnen. Sie kommt aus der slowakischen Provinz, aus dem 25.000-Einwohner-Ort Dubnica nad Váhom, 150 Kilometer nördlich der Hauptstadt. Sie ist eine der jüngsten Aktivistinnen des Landes und hat schon viel erreicht.

Karolina Farska
Karolína Farská mobilisierte mit Mitschülern Tausende Menschen zum Protest Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als 2017 ein Korruptionsfall den anderen in der Politik jagte, rief sie gemeinsam mit ihren damaligen Mitschülern kurz vor ihrem Abitur zum Protest auf. Mit einer kleinen Initiative auf Facebook begann alles – und die Schüler trafen mit ihren Forderungen genau ins Schwarze. Sie forderten: Ein unabhängiges Komitee soll die eklatantesten Korruptionsfälle von Politikern untersuchen und aufklären. Die Schüler rechneten anfangs mit einigen hundert Teilnehmern bei ihren Veranstaltungen. Doch die Resonanz war riesig. Schon kurze Zeit später fand sich die damals erst 18-jährige Karolína Farská auf einer Bühne bei einer Massendemonstration wieder.

Farská und ihre Mitstreiter gründeten die Initiative "Für eine anständige Slowakei" und mobilisierten fast jede Woche Zehntausende zu Kundgebungen. Es war die größte zivile Bewegung seit dem Ende der Diktatur 1989. Unter den Organisatoren der Initiative "Für eine anständige Slowakei" ist kaum einer älter als 30 Jahre. Ihre Gesichter sind zum Versprechen auf eine bessere Zukunft in der Slowakei geworden. Die jungen Aktivisten werden oft von Journalisten interviewt und auch der Staatspräsident hat sie schon empfangen.

Menschen mit Papieren auf einer Straße
Von jungen Menschen ins Leben gerufen - die Initiative "Für eine anständige Slowakei" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rücktritte nach Massenprotesten

Nach dem Mord an dem Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten erreichte die Protestbewegung ihren Höhepunkt. 80.000 Menschen allein in Bratislava und Zehntausende im ganzen Land gingen auf die Straßen – solidarisierten sich mit den Ermordeten und forderten, dass Täter, Hintermänner und korrupte Politiker zur Rechenschaft gezogen werden. Der Polizeipräsident, der Innenminister und der Regierungschef gerieten unter Druck und mussten und traten letztlich zurück. Die mutmaßlichen Täter wurden Ende September verhaftet.

Hunderte von Kerzen stehen vor einem schwarz-weiß Foto auf welchem Jan Kuciak zu sehen ist.
Der Mord an Jan Kuciak und Martina Kušnirova im Februar 2018 hat die Slowakei erschüttert. Bildrechte: IMAGO/CTK Photo

Zivilgesellschaft ist nun am Zug

Doch darauf will es Karolína Farská nicht beruhen lassen. Sie fordert, dass es weiter geht. Vor allem sollen die Menschen zur ersten Wahl nach den Morden gehen und mit ihrer Stimme etwas verändern.

Die Zivilgesellschaft des Landes ist aufgewacht und jetzt ist es wichtig, damit weiterzumachen und für eine anständige und gerechte Slowakei auf die Straße zu gehen.

Karolína Farská

Dafür reist Fraská derzeit viel umher, sitzt bei Podiumsdiskussionen, hält Reden, organisiert Online-Kampagnen und wenn es sein muss, die nächsten Proteste.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Aktuell | 09.11.2018 | 17:45 Uhr
Heute im Osten - Reportage: Alle für Jan - Die Slowakei nach dem Journalistenmord | 10.11.2018 | 18:00 Uhr

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