Nordostpassage Wie Russland von der Havarie im Suezkanal profitieren will

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Nach der Havarie im Suezkanal nutzt Russland die Gunst der Stunde und bringt die Nordostpassage erneut als Alternativroute ins Gespräch. Doch Reedereien und Experten bleiben skeptisch.

Das Containerschiff Ever Given hat sich im Suezkanal festgefahren
Das Containerschiff Ever Given hat sich im Suezkanal festgefahren Bildrechte: imago images/Xinhua

Seit der Container-Riese Ever Given wieder Wasser unterm Kiel hat, atmet die Wirtschaftswelt auf. Doch längst nicht alle haben das Chaos und den Stau am Suezkanal ausschließlich mit Sorge verfolgt. Vor allem im Netz sorgte die Havarie für eine Lawine an Memes. Just auf dem Höhepunkt dieser Welle mischte sich ein unerwarteter Gast unter die spottende Menge. Gleich drei Tweets hatte der russische Nuklearkonzern Rosatom vergangenen Donnerstag in seinem offiziellen Twitter-Account zur Ever Given abgesetzt. Das Unternehmen pries die Vorteile der Weite des russischen Polar-Meeres im Vergleich zum engen Suezkanal. Es gäbe erstens genug Platz um anzügliche Bilder auf die Meeresoberfläche zu zeichnen - eine Anspielung auf de angeblichen Penis-Kurs der Ever Given vor der Einfahrt in den Suezkanal. Zweitens könnten Eisbrecher zur Hilfe eilen, wenn ein Schiff stecken bleibt. Der dritte Tweet zeigte den Ausschnitt aus einem Austin-Powers-Film von 1997, als der tollpatschige Komödien-Spion mit einem Fahrzeug in einem Tunnel stecken bleibt.

Mittlerweile sind die Tweets von Rosatom kommentarlos gelöscht worden. Offenbar passten sie nicht so recht zum ernsten Image des russischen Nuklearmonopolisten. Dennoch dürften sie die Stimmung der vergangenen Tage in der Konzernzentrale von Rosatom widerspiegeln.

Der Grund für diese Freude ist ganz eigennütziger Natur. Seit drei Jahren ist der Staatskonzern dafür zuständig, die Nordostpassage zu vermarkten. Ein Seeweg, der entlang der russischen Nordküste eine Alternative zu den herkömmlichen Routen um Afrika herum oder eben durch den Suezkanal darstellt. Die Strecke hat nur einen Haken: Sie ist nicht immer eisfrei. Daher sehen die Russen den jüngsten Megastau im Suezkanal als gute Werbung für diesen Seeweg.

Schifffahrtsweg durch die Arktis auf einer Karte
Schifffahrtsweg durch die Arktis. Zwischen Asien und Europa wäre das eine Abkürzung von fast zwei Wochen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Russland treibt den Ausbau der Nordostpassage voran

Tatsächlich nutzten auch andere russische Offizielle die Gunst der Stunde, um für die Alternativ-Route Werbung zu machen. "Der Unfall im Suezkanal wird alle zwingen, über eine Diversifizierung der Seerouten nachzudenken", sagte Nikolai Kortschunow, Sondergesandter des russischen Außenministeriums für arktische Zusammenarbeit. Die Attraktivität der Polarroute werde zunehmen. Auch Russlands Energieministerium frohlockte am Montag, die Suez-Blockade habe die Vorteile der russischen Nordostpassage gezeigt. Das Potenzial für höhere Transportvolumen aus Asien nach Europa sei groß.

Russland treibt den Ausbau der Nordostpassage seit Jahren voran. Die Verantwortung für den Betrieb der Route hat Rosatom, weil der Konzern auch die Atomeisbrecher baut und unterhält, die für eine Passage in den kalten Gewässern notwendig sind.

Ein Eisbrecher in der Karasee
Ohne Eisbrecher wie diesen geht in der Nordostpassage nichts! Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Gigantische Investitionen

Für Moskau ist die Route wichtig, um vor allem die Gasvorkommen in Nordsibirien erschließen zu können. Fast 23 Milliarden Euro investierte der russische Gaskonzern Novatek in seine LNG-Anlage auf der sibirischen Jamal-Halbinsel. Weitere 18,5 Milliarden Euro fließen in ein zweites Projekt in unmittelbarer Nähe. Gleichzeitig bauen russische Werften an einer ganzen Flotte neuer Atomeisbrecher, die den Transport absichern sollen.

Auf den ersten Blick liegen die Vorteile auf der Hand. Die Route entlang der russischen Küste ist für einen Frachter, der beispielsweise von Tokio nach Rotterdam fährt, deutlich kürzer als die Passage durch den Suezkanal. Statt 21.000 Kilometer muss er nur 14.000 Kilometer fahren. Das spart Zeit und Kosten für Treibstoff, was zudem den CO2-Ausstoß reduziert. Nach Angaben der Moskauer Wetterbehörde Roshydromet erreichte die Eisdecke vor der russischen Küste im vergangenen Jahr ihre geringste Dicke, was die Nutzung der Route mittlerweile an neun bis zehn Monaten im Jahr möglich macht.

Reeder bleiben zurückhaltend

Doch Experten bleiben skeptisch, ob diese Vorteile auf absehbare Zeit Reeder dazu bewegen können, auf die Nordostpassage zu setzten. Bislang hatte der Logistikkonzern Maersk im August 2018 als erstes westliches Unternehmen eine Probefahrt unternommen. Später erklärte das Unternehmen, die Route sei derzeit noch keine Alternative für die kommerzielle Schifffahrt. Auch Wettbewerber wie die Mediterranen Shopping Company oder Hapag-Lloyd erteilten der Route eine Absage. Als einer der wenigen Reeder nutzt der chinesische Konzern Cosco die Route für gelegentliche Fahrten im Sommer. Aktuell tummeln sich vor allem russische Tanker und kleinere Frachter in den arktischen Gewässern Russlands.

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Ohne Eisbrecher geht nichts

Ein Kritikpunkt an der Route ist, dass die Schiffe trotz schwindender Eisdecke für alle Fälle von Eisbrechern begleitet werden müssen. Das verursacht Kosten, bremst die Geschwindigkeit und macht die Route nur für Schiffe befahrbar, die im Fahrwasser der bislang gängigen Eisbrecher schippern können. Die Venta Maersk, das Schiff für die Probefahrt 2018 ist nur 36 Meter breit, in etwa vergleichbar mit den gängigen Eisbrechern der modernen Arktika-Klasse. Die Ever Given könnte mit ihren 56 Metern Breite schon rein theoretisch die Russland-Passage gar nicht nutzen. Eisbrecher der größeren und moderneren Leader-Klasse, mit einer Breite von 47 Metern, befinden sich noch im Bau.

Abseits der jüngsten Eigenwerbung wissen auch die Strategen in Moskau, dass die Erschließung und vor allem die Etablierung der Nordostpassage kein leichtes Spiel werden dürfte. In einem Strategiepapier plant Moskau das Güteraufkommen auf bis ins Jahr 2024 auf 80 Millionen Tonnen im Jahr zu erhöhen. Im vergangenen Jahr lag der Wert bei 33 Millionen Tonnen. Die zusätzliche Fracht sollen vor allem die neuen Gasvorkommen in Sibirien sichern. Im Vergleich zu den jährlichen 1,2 Milliarden Tonnen, die über den Suezkanal verfrachtet werden, sind dies jedoch ziemlich kleine Brötchen.

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Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell Radio | 29. März 2021 | 19:00 Uhr

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