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Bildrechte: picture alliance/dpa/AP | Yevhen Titov

Ukraine-KriegCharkiw: Erst schlägt die Bombe ein, dann heulen die Sirenen

10. Januar 2024, 15:11 Uhr

Charkiw, nur 30 km von der russischen Grenze entfernt, sieht sich erneut verstärkten Raketenangriffen ausgesetzt. Die kurze Anflugzeit lässt kaum Raum für Reaktion, und moderne Luftabwehr fehlt. Ein Alltag zwischen Luftalarm, wachsendem Fatalismus und einem beeindruckenden Kampfgeist. Die Gefahr aus Russland hält die Charkiwer zusammen – sie spenden für die Armee, die Ausgebombten und den Wiederaufbau. Unsere Ostbloggerin Anna Kolomiitseva hat es selbst erlebt.

6. Oktober 2023. Es ist 6:30 Uhr, ich werde in meiner Charkiwer Wohnung vom Geräusch des Luftalarms auf meinem Handy wach. Nun muss ich prüfen, ob die Gefahr wirklich ernst ist. Dazu öffne ich einen der lokalen Telegramkanäle – um gleich festzustellen, dass es schon zwei Explosionen in der Stadt gegeben hat. Vor dem Luftalarm.

Bewohnerin eines durch russische Raketen zerstörten Hauses in Charkiw Bildrechte: IMAGO / CTK Photo

Schlaftrunken ziehe ich mich an und gehe nach draußen, um Luft zu schnappen und Adrenalin abzubauen. Eine der beiden Iskander-Raketen, die gerade in der Stadtmitte niedergegangen sind, hätte auch mein Haus treffen können. Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen, die ich bei meinen Charkiw-Besuchen ergreife, hätte ich im Ernstfall wohl keine Chance gehabt, denn die Explosionen finden meist früher statt, als der Luftalarm losgeht.

Das ist die aktuelle Realität in der ukrainischen Millionenstadt Charkiw. Wegen der extremen Nähe zur russischen Grenze – 30 km – und zur russischen Stadt Belgorod – knapp 100 km – ist die Anflugzeit der Raketen zu kurz, als dass man es schaffen könnte, darauf zu reagieren. Viele Menschen sind sich sicher, dass neue westliche Luftabwehrsysteme durchaus imstande wären, die Stadt vor den tödlichen russischen Raketen zu schützen. Aber die Stadt hat keine neuen westlichen Luftabwehrsysteme.

Fenster, die durch einen russischen Luftangriff auf Charkiw kaputtgegangen sind, werden provisorisch mit Spanholzplatten abgedichtet. Bildrechte: IMAGO/ABACAPRESS

Umgang mit der täglichen Lebensgefahr

Und so hat sich Charkiw in eine Hochburg von Fatalisten verwandelt. "Wenn es mich trifft, dann trifft es mich", sagen sich die Menschen hier. Keiner reagiert auf das Heulen der Sirene – und sie heult bis zu zehnmal am Tag. Man weiß: Wenn es wirklich gefährlich ist, kommt der Luftalarm ohnehin verspätet.

Ich habe zu wenig geschlafen und bin erschöpft. Keine Ahnung, wie ich heute meinen Einsatz als Online-Dolmetscherin schaffen soll. Aber mit Blick auf die Menschen auf der Straße, die in aller Ruhe zur Arbeit gehen, weiß ich plötzlich: Ich kann es, ich habe mehr Kraft, als ich denke! Meine Freunde schreiben auf Instagram, dass das Café nahe am Einschlagsort der Raketen heute auf hat – trotz zerbrochener Fensterscheiben.

Präsident Wolodymyr Selenskyj besucht ein Klassenzimmer, das in einer Charkiwer Metrostation eingerichtet wurde (30. November 2023). Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Optimismus ist der Wut gewichen

Am Anfang des großflächigen russischen Angriffs im Februar 2022 stand Charkiw in allen Nachrichten: Die feindlichen Truppen waren in den unmittelbaren Vororten wie Tsirkuni oder Mala Rohan stationiert und terrorisierten die Zivilbevölkerung mit Artillerie. Ganze Wohnbezirke wie etwa Nordsaltiwka wurden zerstört.

Seitdem die ukrainische Armee die Russen aus den Vororten verdrängt und später das ganze Gebiet Charkiw befreit hatte, konnte die Stadt wieder aufatmen und war voller Optimismus. Beschädigte Wohnhäuser wurden saniert, neue Omnibusse in Betrieb genommen, neue Cafés und Geschäfte eröffnet. Laut Bürgermeister Ihor Terechow gab es seitdem bereits mehrere Rückkehrwellen nach Charkiw. Die Menschen zogen wieder in ihre Häuser und Wohnungen ein.

Wiederaufbau eines durch russischen Beschuss zerstörten Hauses in Charkiw Bildrechte: IMAGO / Avalon.red

Doch seit Herbst 2023 haben die Russen den Beschuss wieder intensiviert. Neben den alten und nicht besonders treffsicheren S-300-Raketen fliegen jetzt neuere Iskander-Raketen sowie Shahed-Drohnen Angriffe auf Charkiw. Während es im Frühling ein- bis zweimal pro Monat Beschuss mit jeweils etwa zwei bis fünf Raketen gab, stand Charkiw allein im Dezember fünfmal unter Beschuss, wobei die Russen zwei Tage vor Silvester 20 Raketen auf die Stadt feuerten. Der Terror setzte sich direkt am 1. und 2. Januar 2024 fort. Innerhalb von fünf Tagen wurden mehr als 130 Gebäude in unterschiedlichem Ausmaß beschädigt. Es gab ein Todesopfer und 62 Verletzte, darunter sechs Kinder.

Angesichts der Abwesenheit moderner Luftabwehr und der besonderen geografischen Lage der Stadt bleibt den Menschen in Charkiw nicht viel mehr übrig, als auf ihr gutes Glück zu hoffen. Und auf die ukrainische Armee.

Die Charkiwer sagen, sie hätten keine Angst mehr, nur noch eine unendlich große Wut, die sie in Spenden umwandeln. Die Menschen spenden Geld für die Armee, für die Ausgebombten oder für die Erneuerung von Hunderten geborstenen Fensterscheiben an Charkiwer Hochschulen.

Ausharren ist Herzenssache

In dieser Stadt zu leben, zu arbeiten oder zu studieren, ist eine Herzensangelegenheit, eine sinnlose Waghalsigkeit. Aber: "Charkiw ist Stahlbeton", diesen Spruch wiederholen die Einwohner heute in Anspielung auf das Herzstück der Charkiwer Konstruktivismus-Architektur – das "Haus staatlicher Industrie" (Derschprom). Das innovative Bauwerk aus den 1920er Jahren ist eine monolithische Stahlbetonkonstruktion, deren Unkaputtbarkeit zum Symbol des Kampfgeistes Charkiws geworden ist.

Das 13-stöckige Derschprom-Gebäude in Charkiw galt als erster Wolkenkratzer der Sowjetunion. Heute ist dar massive Stahlbetonbau zum Symbol der Widerstandsfähigkeit der Charkiwer geworden. Bildrechte: IMAGO / Pond5 Images

Doch aller Kampfgeist kann über eines nicht hinwegtäuschen: Damit keine Menschen mehr sterben und keine weiteren historischen Gebäude kaputtgehen, müsste man dem russischen Raketenterror ein Ende setzen. Doch das bleibt vorerst wohl ein Traum.

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Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 02. Januar 2024 | 19:30 Uhr