Faktencheck Was ist über den Brand auf dem AKW-Gelände Saporischschja bekannt?

In der Nacht zum Freitag wird über Gefechte im größten ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja berichtet und einen Brand. Wer hat was wann gemeldet und gibt es dafür auch unabhängige Quellen? Um welche Atomkraftwerke wird noch gekämpft und wie sicher sind diese eigentlich?

In der Nacht zum Freitag wird über Gefechte im größten ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja berichtet und einem Brand. Demnach soll Militär auf das AKW-Gelände vorgedrungen sein und das Kernkraftwerk eingenommen haben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland noch in der Nacht "Nuklear-Terrorismus" vor. Kein anderes Land der Welt habe jemals Atomanlagen beschossen, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft. "Der Terroristen-Staat verlegt sich jetzt auf Nuklear-Terror."

Eine Bestätigung von russischer Seite gibt es nicht, die meisten Quellen stammen aus der Ukraine. Einige davon sind so glaubwürdig, dass sich auch die Internationale Atomaufsichtsbehörde IAEA darauf bezieht. Demnach und auch nach Monitoringsystemen vorab, werden in der Region keine erhöhten Strahlungswerte verzeichnet.

Wer meldet wann was?

Die Quellenlage ist eine Ukrainische:

Um 00:01 Uhr berichtet der Bürgermeister der Großstadt Saporischschja, Dmytro Orlow, auf seinem Telegram-Kanal von Gefechten um das Atomkraftwerk: "An der Zufahrt zum AKW Saporischschja wird seit mehr als einer Stunde heftig gekämpft", schreibt er. "Unsere Nationalgarden halten die Verteidigung." Er habe Kenntnis von Opfern, aber keine über Zahl und Zustand. 00:40 Uhr schreibt er, "!!!!!Die Bedrohung der Weltsicherheit !!!!! Infolge des ständigen feindlichen Beschusses von Gebäuden und Einheiten des größten Kernkraftwerks in Europa steht das Kernkraftwerk Saporischschja in Flammen !!!!"

Um 1:14 Uhr läuft die erste Meldung über die deutschen Nachrichten-Ticker: "Brand in ukrainischem AKW nach russischem Angriff", schreibt die Nachrichtenagentur AFP.

Um 1:34 Uhr meldet sich der ukrainische Außenminister auf Twitter zu Wort: "Die russische Armee schießt von allen Seiten auf das AKW Saporischschja, das größte Atomkraftwerk Europas. Feuer ist bereits ausgebrochen. Wenn es explodiert, wird es zehnmal größer als Tschernobyl!" Im selben Tweet fordert er ein sofortiges Ende des Beschusses und die Einrichtung einer Sicherheitszone und dass die Feuerwehr zum Brandherd gelassen wird.

Offizielle ukrainische Quellen zur Lage im Atomkraftwerk

Allen vorliegenden Informationen ist zu entnehmen, dass die kritischen Strukturen des Kernkraftwerkes bei den Gefechten nicht beschädigt wurden. Zwar meldete ein Sprecher des AKWs in den Morgenstunden, ein Reaktorblock sei getroffen. Laut regionaler Militärverwaltung von Saporischschja gibt es auch Schäden an der Struktur eines Aggregates, die aber die Sicherheit der Anlage nicht beeinträchtigten.

Um 06.01 Uhr Ortszeit schreibt Bürgermeister Orlow, "die Situation bleibt schwierig, aber das Feuer im ZNPP (Abkürzung für das Kernkraftwerk, AdR) ist tatsächlich gelöscht." Der Beschuss habe aufgehört. Etwas später meldet er für die ganze Stadt, die Lage habe sich beruhigt.

Ähnlich äußert sich die regionale Militärverwaltung von Saporischschja auf Telegram. Demnach wurde das Feuer um 6.20 Uhr gelöscht, blieben die Kraftwerksblöcke intakt und sind alle für die Sicherheit des Kraftwerkes wichtigen Systeme funktionsfähig. Die Hintergrundstrahlung in der Region Saporischschja sei unverändert, meldet die Behörde und stelle keine Gefahr für Leben und Gesundheit dar.

AKWs in der Ukraine In der Ukraine werden an vier Standorten insgesamt 15 Reaktorblöcke zur Stromerzeugung betrieben. Bei allen Blöcken handelt es sich um Druckwasserreaktoren russischer Bauart. Das Werk Saporischschja ist davon der größte Standort mit sechs Reaktoren vom Typ WWER-1000. jeder Block hat eine Nettoleistung von 950 Megawatt. Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS)

Was wissen die deutschen Behörden über die Gefährdungslage durch das ukrainische AKW?

Nach allen vorliegenden Informationen geht das Bundesamt für Strahlenschutz davon aus, dass bei den Gefechten in der Nacht zum 4. März keine sicherheitskritischen Schäden entstanden sind. "Nach unseren Erkenntnissen sind die Strahlenwerte nicht erhöht", sagte eine Sprecherin des Amtes dem MDR. Die Behörde verfolge das Geschehen in der Ukraine aufmerksam, heißt es in einem Statement der Behörde, die zudem den Brand bestätigt. Demnach war dieser auf ein Ausbildungsgebäude auf dem Gelände beschränkt, heißt es unter Berufung der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEA).

Auch die Datenlage lässt nach Auffassung der Gesellschaft für Strahlensicherheit (GRS) keine anderen Schlüsse zu: "Laut unseren Informationen – sowohl aus Messungen auf dem Anlagengelände des Kernkraftwerksbetreibers als auch durch das landesweite Messnetz des Ukrainischen Hydrometeorologischen Zentrums – sind keine erhöhten Strahlenwerte auf der Anlage und in der unmittelbaren Umgebung gemessen worden", erklärt Jan Klebert von der GRS. Allerdings seien die Seiten der Messnetzbetreiber teilweise nur sporadisch von extern erreichbar. "Wir hatten zuletzt in den frühen Morgenstunden des 04.03", sagt Klebert und ergänzt: Die Werte lassen sich auch auf der unabhängigen Plattform "save ecobot" in einem zeitlichen Verlauf über mehrere Tage anzeigen.

Was weiß die Internationale Atomenergiebehörde IAEA?

Die IAEA wurde nach eigenen Angaben am Freitag von der Ukraine darüber informiert, dass die russischen Streitkräfte die Kontrolle über den Standort des Kernkraftwerks des Landes in Saporischschja übernommen hätten. Dennoch werde das Kernkraftwerk weiter vom regulären Personal betrieben und es sei kein radioaktives Material freigesetzt worden. Die ukrainischen Kollegen hätten der IAEA mitgeteilt, dass in der Nacht ein Geschoss ein Schulungsgebäude in der Nähe einer der Reaktoreinheiten getroffen habe und ein Feuer verursacht habe, das später gelöscht worden sei. Der Betreiber habe aber davon berichtet, dass es bislang nicht möglich gewesen sei, das gesamte Gelände zu sichten um zu beurteilen, ob alle Sicherheitssysteme voll funktionsfähig sind.

Wurden die Reaktorblöcke heruntergefahren?

Einige. Bereits vor dem Angriff war laut IAEA Block 1 zu Wartungszwecken abgeschaltet worden, die Blöcke 2 und 3 seien kontrolliert heruntergefahren worden, Block 4 arbeite mit 60 Prozent Leistung und die Blöcke 5 und 6 würden im Niedrigleistungsmodus "in Reserve" gehalten. Nach Angaben der Staatlichen Aufsichtsbehörde für Nuklearregulierung der Ukraine finden derzeit am Block 1 des Kraftwerkes geplante Reparaturen statt, wurden die Blöcke 2 und 3 vom Netz genommen und gekühlt, werden die Blöcke 5 und 6 gekühlt und bleibt Block 4 in Betrieb. Sie meldet zudem Schäden an Hilfsgebäuden von Block 1 – wohl das besagte Schulungsgebäude, die nicht die Sicherheit des Reaktors beeinträchtigten. Nach Angaben der Gesellschaft für Strahlensicherheit waren die Blöcke 5 und 6 bereits in den Tagen zuvor abgeschaltet worden.

Die WWER-Anlagen am Standort Saporischschja sind beispielsweise auch gegen den Absturz eines Kleinflugzeuges mit einem Gewicht von 10 Tonnen und einer Aufprallgeschwindigkeit von 750 km/h ausgelegt. (...) Selbst bei größeren Beschädigungen des Reaktorgebäudes muss es nicht zwangsläufig zu einem schweren Stör- oder Unfall kommen.

Jan Klebert Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit

Wie sicher sind die Anlagen bei Beschuss?

Nach Einschätzung der Gesellschaft GRS ist der Zustand des AKW Saporischschja derzeit stabil. Jan Klebert arbeitet die Betriebsmannschaft nach Betreiberangaben und der IAEA regulär "soweit man das in der aktuellen Situation sagen kann – und alle Sicherheitssysteme funktionieren regulär." Russische Truppen hätten die Kontrolle über das Gelände übernommen und derzeit fänden keine Kampfhandlungen mehr statt und sind zukünftig auch nicht zu erwarten.

"Generell lässt sich sagen, dass die Anlagen in Saporischschja sicherheitstechnisch nicht für den Beschuss mit schwerem militärischem Gerät ausgelegt sind – das gilt im Übrigen für Kernkraftwerke auf der ganzen Welt.", erläutert Klebert. "Die WWER-Anlagen am Standort Saporischschja sind beispielsweise auch gegen den Absturz eines Kleinflugzeuges mit einem Gewicht von 10 Tonnen und einer Aufprallgeschwindigkeit von 750 km/h ausgelegt." Daher sei nicht damit zu rechnen, dass ein Beschuss des Reaktorgebäudes mit leichteren Waffen zu ernsthaften Schäden führen würde. "Selbst bei größeren Beschädigungen des Reaktorgebäudes muss es nicht zwangsläufig zu einem schweren Stör- oder Unfall kommen; dazu müssten zusätzlich die mehrfach redundant vorhandenen Sicherheitssysteme (bspw. Notstromdiesel) ausfallen."

Gibt es weitere AKW oder Atommülllager, um die gekämpft wird?

Laut Bundesamt für Strahlenschutz hatte es in den vergangenen Tagen wiederholt Gefechte in der Umgebung von ukrainischen Kernkraftwerken und Atomlagern gegeben. Bei einigen ist das Ausmaß der Schäden nicht bekannt. Der Behörde zufolge wurde die Region um Saporischschja am 2. März von russischen Truppen eingenommen. Am 27. Februar wurde demnach in Kiew ein Lager für radioaktive Abfälle getroffen. Dazu liegen der Behörde keine Informationen über erhöhte radioaktive Messwerte vor. Am 26. Februar sei in Charkiw ein Lager für radioaktive Abfälle getroffen worden. Das Ausmaß der Schäden sei unklar.

Zuvor, am 24. Februar, hatte es Meldungen über erhöhte Strahlenwerte in der Sperrzone um den Unglücksreaktor von Tschernobyl gegeben. Hier kann die Behörde weder bestätigen, dass die Werte tatsächlich erhöht sind, oder ob Datenmanipulation, fehlerhafte Messungen aufgrund elektromagnetischer Störungen oder fehlerhafte Übermittlung zum derzeitigen Zeitpunkt der Grund waren. In Tschernobyl hatte sich 1986 das schwerste Atomunglück der Geschichte ereignet. Inzwischen wird die Atomruine von russischen Truppen kontrolliert.

MDR AKTUELL (ane)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. März 2022 | 16:00 Uhr

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