Pressefreiheit l Korrespondenten berichten Pressefreiheit in Tschechien: Der Kampf um die Unabhängigkeit

MDR-Korrespondent Danko Handrick.
Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Noch vor den Wahlen im Oktober würden sich die Regierungsparteien in Tschechien gern mehr Einfluss beim tschechischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen sichern. Denn die Sendungen sind bei den Zuschauern beliebt, viele Menschen vertrauen den Reportern. Doch gerade dieses Vertrauen ist vielen Politikern ein Dorn im Auge.

Petr Dvorak, Chef des Tschechischen Fernsehens
Er steht unter Beschuss: Petr Dvorak, Generaldirektor des Tschechischen Fernsehens. Bildrechte: dpa

Eine Minute und dreiundzwanzig Sekunden – so lange braucht Pavel Matocha, um mich auf dem Schachbrett matt zu setzen. Matocha ist Vorsitzender der Prager Schachklubs und zugleich Vorsitzender des Fernsehrates, des Kontrollgremiums des öffentlich-rechtlichen tschechischen Fernsehens CT. In dieser Rolle hat Matocha seine Partie gerade erst eröffnet. Es geht um Einfluss, um die Unabhängigkeit der Berichterstattung und wohl auch um Matt für den König – um den Kopf von Petr Dvorak, dem Generaldirektor von CT.

Dvorak habe bislang dem politischen Druck getrotzt, kritische Nachrichten und investigative Magazine ermöglicht, loben die einen. Er spüre den Druck, erzählt Dvorak selbst. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen sei den Regierungsparteien ein Dorn im Auge. Viele Bürger vertrauen dem Sender, und gerade deswegen haben die Politiker so ein Interesse, dass das Fernsehen von der Politik abhängig wären, so Dvorak.

Er mache tendenziöses Fernsehen mit Reportern, die die Regierungspolitiker jagen und eher die Stimme Brüssels sind als die nationalen Interessen zu vertreten, kritisieren die anderen – darunter Matocha, aber auch all die, die ihn in den Rat gewählt haben.

Angriffe auf öffentlichen Rundfunk von ganz oben

Im Parlament gibt es quer durch die Fraktionen einen stille Mehrheit, die die Macht des Tschechischen Fernsehens gerne beschnitten sähe. Hier sind sich Kommunisten einig mit Rechtspopulisten, die problembeladene Bewegung des Agro-Milliardärs und Premiers Andrej Babis fühlt sich ebenso zu Unrecht aufs Korn genommen wie die dahinsiechenden Sozialdemokraten. Und selbst die katholische Kirche hat trotz zahlreicher Warnungen kein Problem damit, für das Aufsichtsgremium eine Kandidatin zu nominieren, die offen von der Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Systems spricht. Journalisten schlägt in Tschechien von Seiten der Mächtigen oft eine unverhohlene Verachtung entgegen.

Nora Fridrichova will nicht von Angst sprechen. Sie ist Moderatorin und Reporterin beim Tschechischen Fernsehen. In Ungarn und Polen hätten Politiker die Medien schon fest in ihren Händen, das fänden auch viele Politiker in Tschechien "sehr sympathisch". Doch so weit sei es in Tschechien noch nicht, so Fridrichova.   

Kritik an Journalisten kommt in Tschechien aber auch von ganz oben, von der Prager Burg – dem Sitz des tschechischen Präsidenten. Präsident Miloš Zeman bezeichnete Journalisten ganz offen als Dummköpfe, Hyänen oder einfach als Schande.

Bislang muss sich Schachverbands-Präsident Matocha auch in seinem Vorgehen gegen Fernsehdirektor Dvorak auf strategische Schachzüge beschränken. Anfang Mai aber stehen Ergänzungswahlen für den Rat an – die Kandidaten lassen erwarten, dass die Angriffe auf CT danach in weitaus robusteren Sportarten ausgetragen werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 03. Mai 2021 | 19:30 Uhr

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