Belagerte Stadt Mariupol: Welche Hinweise es auf einen möglichen Angriff mit chemischen Waffen gibt

Aktuell-Redakteure - Lucas Grothe
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Die ukrainische Stadt Mariupol wird seit Wochen von russischen Truppen belagert und steht wohl kurz vor dem Fall. Nun gibt es Berichte über einen möglichen Einsatz chemischer Waffen durch russische Truppen. Doch gibt es dafür auch Beweise?

Russische Panzer in Mariupol
Russische Panzer in Mariupol - das Bild wurde von der russischen Staatsagentur Tass zur Verfügung gestellt. Bildrechte: dpa

Was ist die Quelle für einen möglichen Angriff mit chemischen Substanzen?

Die erste Meldung dazu wurde am Montagabend (11.4.) auf dem Telegram-Kanal des Asow-Regiments veröffentlicht. Darin heißt es, dass eine russische Drohne eine unbekannte Substanz über der Stadt abgeworfen habe. Die Opfer hätten unter Atemprobleme und neurologischen Problemen gelitten. Die Meldung wurde unter anderem auf dem Telegram-Kanal des Stadtrates von Mariupol geteilt.

Am Dienstagmittag veröffentlichte Asow zwei Videos, in denen über weitere Einzelheiten des Angriffs berichtet wird. Geschildert werden die Symptome von mehreren betroffenen Menschen, darunter angeblich eine Zivilistin und ein Militärangehöriger. Beide liegen während der Aufnahmen in einem Bett, bei letzterem sind gerötete Stellen um die Augen herum zu sehen. Laut Asow lasse sich der genaue Ort, an der angeblich die giftige Substanz eingesetzt wurde, nicht untersuchen, da diese unter russischem Beschuss stehe.

Asow Das Asow-Regiment leistet seit Wochen den stärksten Widerstand gegen die russischen Truppen in Mariupol. Die Organisation wurde nach der Besetzung der Krim und dem Beginn des Konflikts in der Ostukraine im Jahr 2014 gegründet und besteht aus einem militärischen und einem politischen Flügel. Teilweise wird dem Regiment eine große Nähe zu nationalistischen und rechten Kräften attestiert.

Gibt es weitere Quellen für einen mutmaßlichen Einsatz chemischer Waffen?

Weitere Quellen oder unabhängige Belege gibt es bisher nicht. Unabhängige Medienberichterstattung aus Mariupol ist derzeit kaum möglich. Die stellvertretende ukrainische Verteidigungsministerin Hanna Maljar sagte im Fernsehen: "Nach vorläufigen Angaben gibt es die Annahme, dass es wohl Phosphorkampfmittel waren." Beweise dafür lieferte sie aber nicht.

Phosphorexplosionen können bei Menschen schwere Verletzungen hervorrufen, dazu gehören auch thermische und chemische Verbrennungen und Atemwegsschädigungen – also ähnliche Symptome wie bei den mutmaßlichen Opfern in Mariupol. In den vergangenen Wochen gab es wiederholt Anschuldigungen an Russland, Phosphormunition eingesetzt zu haben. Unabhängig bestätigt wurde dies aber nicht. Die Organisation zur Nichtverbreitung chemischer Waffen hat sich bisher nicht direkt dazu geäußert. Ob konkrete Untersuchungen laufen, ist nicht bekannt.

Mariupol: Eine Stadt wird zerstört

Seit mehreren Wochen wird die ukrainische Stadt Mariupol von russischen Truppen belagert. Es gibt großflächige Zerstörungen.

Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte multispektrale Satellitenbild zeigt Krater auf Feldern und beschädigte Gebäude im Westen von Mariupol während der russischen Invasion.
Die Satellitenbilder, die die Stadt zeigen, wurden vom US-Unternehmen Maxar zur Verfügung gestellt. Dieses zeigt Bombenkrater auf einem Feld und Einschläge in Gebäude. Es zeigt eine Siedlung im Westen der Stadt. Bildrechte: dpa
Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte multispektrale Satellitenbild zeigt Krater auf Feldern und beschädigte Gebäude im Westen von Mariupol während der russischen Invasion.
Die Satellitenbilder, die die Stadt zeigen, wurden vom US-Unternehmen Maxar zur Verfügung gestellt. Dieses zeigt Bombenkrater auf einem Feld und Einschläge in Gebäude. Es zeigt eine Siedlung im Westen der Stadt. Bildrechte: dpa
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Auch diese Aufnahme zeigt den Westen der Stadt. Deutlich zu sehen sind die beschädigten Gebäude und die Schäden an der Straße. Bildrechte: dpa
Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt brennende und stark beschädigte Wohnhäuser und das zerstörte Einkaufszentrum Port City im Westen der Stadt Mariupol, Ukraine.
Auch das Einkaufszentrum Port City (großes Gebäude unten im Bild) wurde bei den Kämpfen zerstört. Bildrechte: dpa
Auf diesem Satellitenfoto von Planet Labs PBC ist am 17.03.2022 das Feuer eines mutmaßlichen russischen Angriffs auf einen Wohnblock im Osten der ukrainischen Stadt Mariupol zu sehen.
Rauch steigt aus einem Wohnblock auf, von denen es viele gibt in Mariupol. Die Stadt wird seit über zwei Wochen belagert. Bildrechte: dpa
Mariupol
Dieses Bild wurde von der russischen Nachrichtenagentur Tass zur Verfüfung gestellt, es soll ausgebrannte Häuserblocks in Mariupol zeigen. Bildrechte: dpa
Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt das Schauspielhaus von Mariupol am Montag den 14. März 2022.
Auch das Theater der Stadt wurde zerstört, dort sollen sich 500 bis 1.300 Zivilisten aufgehalten haben. Noch ist unklar, wie viele überlebt haben. Neben das Gebäude war zuvor in russischer Sprache das Wort "Kinder" aufgemalt worden, um Luftangriffe zu verhindern. Bildrechte: dpa
Ukrainische Rettungskräfte gehen an einer durch einen Angriff beschädigten Geburtsklinik in Mariupol vorbei.
Noch immer harren laut Stadtverwaltung rund 350.000 Zivilisten in der Stadt aus – die meisten verschanzt in Kellern und Bunkern. Bildrechte: dpa
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Welche Reaktionen gibt es?

Russland äußerte sich bisher nicht zu den Vorwürfen, dass chemische Waffen oder Substanzen eingesetzt wurden. Eduard Bassurin, ein Sprecher der Donezker Separatisten, sagte der russischen Agentur Interfax am Dienstag: "Die Streitkräfte der Donezker Volksrepublik haben in Mariupol keine chemischen Waffen eingesetzt."

Der Verdacht über den Einsatz chemischer Waffen war auch aufgekommen, weil Bassurin am Montag im russischen Fernsehen gesagt hatte, dass das Stahlwerk "Asovstahl" – in dem sich ukrainische Einheiten verschanzen – viele Etagen und auch Kellergeschosse  habe und eine Erstürmung keinen Sinn hätte. Man könnte eine Menge eigener Soldaten einsetzen, ohne dass der Gegner große Verluste erleiden würde. Er sagte weiter, man solle sich deshalb damit befassen, die ganze Anlage zu sperren. Und sich dann an die chemischen Truppen wenden, die eine Möglichkeit finden würden, die Maulwürfe aus ihren Löchern zu räuchern. Bassurin sprach allerdings nicht explizit von chemischen Waffen.

Die USA und Großbritannien, deren Geheimdienste in der Regel über sehr genaue Informationen zum Krieg in der Ukraine verfügen, bestätigten den Einsatz chemischer Waffen bisher nicht.

Wie ist die generelle Lage in Mariupol?

Noch immer gibt es in der Stadt Widerstand gegen die russische Armee und die Kämpfer der prorussischen sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Mittlerweile sind große Teile der Stadt zerstört. In der Hand der ukrainischen Einheiten – vor allem aus den Reihen des Asow-Regiments – ist anscheinend vor allem noch das weitläufige Fabrikgelände des Stahlproduzenten "Asovstahl". Das meldeten Asow und russische Armee übereinstimmend.

Bewohner gehen am 10. April 2022 in der Nähe von beschädigten Gebäuden in Mariupol, nach Abzug russischer Truppen
Die meisten Menschen sind aus der Stadt geflohen, doch noch immer befinden sich dort Zivilisten. Diese Aufnahme stammt vom 10. April. Bildrechte: dpa

Umstritten ist, ob auch noch Wohngebiete und Teile des Stadtzentrums unter ukrainischer Kontrolle sind. Die Stadt ist zu großen Teilen zerstört, wie Satellitenaufnahmen und Bilder von vor Ort immer wieder gezeigt haben. Noch immer befinden sich viele Zivilisten in der Stadt, auch in umkämpften Gebieten – ihre genaue Zahl ist aber unklar.

Das russische Verteidigungsministerium hatte am Dienstag mitgeteilt, dass die Reste der ukrainischen Einheiten einen Ausbruchsversuch aus der Stadt unternommen hätten, dieser aber gescheitert sei. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Allerdings hatte Russland bereits in den vergangenen Wochen wiederholt die angeblich fast komplette Einnahme Mariupols gemeldet. Letztlich hatte es aber immer weiter Widerstand gegeben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. April 2022 | 09:00 Uhr

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