Interview mit Johanniter-Helfer in Kabul "Wir haben keine Angst, aber wir sind besorgt"

Louis Marijnissen von Johanniter International in Kabul hat Fragen vom MDR AKTUELL zur Lage in Afghanistan beantwortet. Diese ändert sich gerade ständig. Die Antworten sind daher nur eine Momentaufnahme vom 18. August. Marijnissen ist einer von drei internationalen Helfern der Johanniter und hat etwa 30 Mitarbeiter aus Afghanistan. Er ist für die Programmkoordination verantwortlich.

Passagiere gehen zum Abflugterminal des internationalen Flughafens Hamid Karzai in Kabul.
Viele Menschen versuchen, Afghanistan zu verlassen. Bildrechte: dpa

MDR AKTUELL: Wie ist die Lage? Können die Menschen ihrem normalen Leben nachgehen?

Louis Marijnissen: Die Lage in Kabul Stadt ist noch ziemlich ruhig. Natürlich hat jeder die sehr chaotischen Szenen auf dem Flughafen gesehen. Aber große Teile der Stadt sind ruhig. Es ist nun vier Tage her, dass die Taliban die Regierung übernommen haben, und es hat in der Stadt keine größeren Vorkommnisse gegeben. Es gibt vereinzelte Schusswechsel in einigen Gebieten, meistens im Zusammenhang mit Kriminellen, die versuchen, die Lage auszunutzen.

Wie die Lage auf dem Land oder in anderen Provinzen ist, kann ich nicht sagen. Die Menschen waren natürlich anfangs sehr verängstigt. Als sich am Sonntag die Nachricht verbreitete, dass die Taliban in die Stadt kommen, sind viele Menschen nach Hause geeilt und hingen in endlosen Staus fest. Manche meiner Kollegen brauchten sechs Stunden, bis sie nach Hause kamen.

Fühlen Sie sich sicher, fühlen sich die Menschen sicher?

Gleich nachdem klar geworden war, dass die Stadt gefallen ist, haben Polizei und Armee die Checkpoints und andere Kontrollposten auf den Straßen verlassen. Sie waren eine Weile unbesetzt, aber sie wurden dann durch die Taliban-Kämpfer übernommen. An den Abenden gibt es jetzt Patrouillen, um kriminellen Aktivitäten vorzubeugen, das ist eben das Gewehrfeuer, was in den Abendstunden hier zu hören ist: Das sind die Patrouillen, die Kriminelle verfolgen.

Die Menschen sind verängstigt, sie sind absolut unsicher, sie haben keine Vorstellung darüber, was passieren wird, und es gibt noch viele Menschen, die sich sehr gut daran erinnern, wie schlecht die Zeiten zwischen 1996 und 2001 waren. [Anmerkung der Redaktion: Taliban-Herrschaft] Dann gibt es auch bestimmte ethnische Gruppen, die während des ersten Taliban-Regimes sehr schlecht behandelt wurden – und diese fragen sich, ob sie dem selben Schicksal entgegensehen.

Und vor allem Frauen sind sehr unsicher. Viele Frauen nehmen am sozialen Leben teil. Sie haben gute Jobs, sie haben eine Ausbildung, sie konnten rausgehen, sie haben ihre Freiheiten. Aber jetzt ist das nicht mehr sicher. Und sie fürchten die Zukunft sehr. Zumal die Taliban oder die neue Regierung bislang noch keine Erklärung abgegeben hat. Und die Leute bleiben gerade in ihren Wohnungen und gehen nur raus, um schnell einzukaufen.

Heute Morgen habe ich bemerkt, dass einige unserer Mitarbeiter auf der Straße angehalten wurden von Taliban-Kontrollen und sie mussten ihr Handy zeigen, sie wurden nach Dokumenten oder Waffen durchsucht. Aber es ist ihnen gelungen, sicher weiterzugehen.

Haben Sie Angst?

Wir haben keine Angst, aber wir sind besorgt. Wir wissen nicht, was passieren wird. Wir waren vorbereitet auf das Worst-Case-Szenario. Wie schwere Gefechte oder ein Bürgerkrieg in der Stadt, aber das ist nicht passiert. Jeder ist überrascht von der enormen Geschwindigkeit, mit der die Taliban das Land übernommen haben und das Kabul letzten Endes gefallen ist.

Wurden Sie bedroht?

Wir sind auch nicht bedroht worden. Die Taliban haben sehr klar gemacht, dass sie Expads (Anmerkung der Redaktion: im Land lebende Ausländer) oder NGOs nicht gefährden wollen. Sie möchten, dass die Nichtregierungsorganisationen mit der Grundversorgung fortfahren – wie Gesundheitsvorsorge, sauberes Wasser und Lebensmittelsicherheit.

Können Sie sich frei bewegen?

Im Moment bleiben wir in unseren Unterkünften und Büros, wir gehen nicht auf die Straße. Wir wissen nicht, wie die Taliban auf Ausländer auf der Straße reagieren, nicht einmal bei kleineren Besorgungen, daher bleiben wir drinnen. Wir wissen auch nicht, wie die Leute auf der Straße reagieren, wenn sie uns sehen, daher ist es für uns am besten, drinnen zu bleiben. Wir haben genug Essen, es geht uns gut, wir haben keine Angst, wir können das hier aussitzen.

Möchten Sie das Land verlassen oder bleiben?

Ich muss ehrlich sagen: Ja, wir wollen bleiben. Aber natürlich haben Organisationen und auch unsere Botschaft stark empfohlen, das Land zu verlassen. Daher haben wir die Evakuierung vorbereitet. Aber derzeit ist es angesichts der sehr chaotischen Szenen vom Flughafen Kabul fast unmöglich, den Flughafen ohne Verspätung zu erreichen. Und wir sind nicht einmal sicher, ob wir den Flug schaffen oder ob die Kräfte, die den Flughafen sichern, uns hereinlassen werden. Aber wir sind so verbunden mit dem Land, wir sind so fasziniert von den Afghanen und dem Land, weshalb es sehr schwer für uns sein wird, das Land zu verlassen, es hinter uns zu lassen. Daher sind wir traurig, wenn wir es verlassen müssen.

Welche Projekte verfolgen Sie in Afghanistan, und setzen Sie ihre Arbeit fort?

Johanniter International arbeitet vor allem im Bereich Gesundheit und Ernährung. Aber wir reagieren auch auf Notfälle wie Flut oder Dürren oder Binnenflüchtlinge.  Wir arbeiten vor allem mit nationalen Partnern.

Die Arbeit mit nationalen Partnern hat den großen Vorteil, dass man in Regionen arbeiten kann, die normalerweise nicht besonders gut zu erreichen sind für internationale Organisationen. Die nationalen Partner sprechen die Sprache, kennen die Kultur, sie bauen viel schneller den Kontakt zu den jeweiligen Ältesten auf, es ist ein großer Vorteil, mit Partnern zu arbeiten. Wir unterstützen die Partner mit technischer Hilfestellung, und wir bauen die Kapazitäten der nationalen Partner aus. Sodass sie ab einem bestimmten Punkt von sich heraus um "Doner Funding" bewerben können.

Derzeit sind wir in der Provinz Badghis im Nordwesten, in der Provinz Kabul und in der Provinz Chost im Südosten, und wir dehnen unser Programm erneut auf die Kundus-Provinz aus.

Die Programme wurden für zwei Tage gestoppt, als die neue Regierung kam. Aber jetzt gibt es Anfragen von den Taliban, die Programme wiederaufzunehmen, daher wurden die Team-Mitglieder von den Taliban nicht daran gehindert, ihre Aktivitäten wiederaufzunehmen. Daher sind wir froh, mit der Grundversorgung fortfahren zu dürfen. Und derzeit schreiben wir ein Angebot, das wir in drei Tagen einreichen müssen, was zeigt, dass wir versuchen, zur Normalität zurückzukehren, was die Programmarbeit betrifft.

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Wenn die Menschen zum Flughafen wollen, können sie das derzeit?

Es ist immer noch sehr schwer, zum Flughafen zu gelangen. Sie haben die chaotischen Bilder gesehen vom Airport am Montag, als die Leute sich buchstäblich an die Flugzeuge geklammert hatten, die starten wollten, oder versucht haben, die Flugzeuge zu stürmen, um hineinzukommen. Und das berühmte Bild aus dem Frachtraum eines Flugzeuges mit 640 verzweifelten Afghanen, die aus dem Land herauswollten.

Am Montag hatten viele Menschen ihre Autos am Rand der Straße stehen gelassen und sind mit ihrem Gepäck, was auch immer sie tragen konnten und sogar mit den Kindern unter dem Arm zum Flughafen gelaufen. Als sie dort ankamen, gab es kein Personal beim Check-In oder bei der Gepäckannahme, die Beamten der Einwanderungsbehörde waren weg – es gab chaotische Szenen. Und dann haben die Leute die Taxi- und die Rollbahnen gestürmt. Die Situation ist jetzt etwas besser. Aber es wurden neue Checkpoints eingerichtet.

Eine große Menschengruppe in einem US-Militärflugzeug
Menschen gedrängt in einem US-Militärflugzeug. Bildrechte: imago images/ZUMA Press

Sind Ihnen Probleme bekannt auf dem Weg zum Flughafen?

Wir wissen nicht, wie die Taliban mit den Menschen an diesen Checkpoints umgehen. Die Taliban kontrollieren auch den Haupteingang des Flughafens und stoppen die Leute offenbar nach Belieben. Einige können durch, andere nicht. Ich habe davon gehört, dass noch einige tausend Menschen auf dem Flughafen campen und darauf hoffen, verzweifelt hoffen, muss ich sagen, einen Flug raus zu bekommen. Gestern hatten einige Evakuierungsflugzeuge nicht genug Zeit, alle Menschen an Bord zu nehmen und so kehrten einige Evakuierungsflugzeuge leer zurück.

Quelle: MDR

Die Entwicklung in Afghanistan im Überblick:

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. August 2021 | 16:00 Uhr

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