Nach der Taliban-Machtübernahme NGO-Helfer berichten über Lage in Afghanistan

Wenige Tage nach der Machtübernahme in Afghanistan durch die Taliban gibt es widersprüchliche Berichte über die Lage am Hindukusch. MDR AKTUELL hat nachgefragt, wie sich die Situation aus Sicht der Hilfsorganisationen darstellt.

Ein Kinderarzt und eine Krankenschwester von Ärzte ohne Grenzen untersuchen 2019 im Boost Hospital ein neugeborenes Kind.
Ein Kinderarzt und eine Krankenschwester von "Ärzte ohne Grenzen" untersuchen 2019 im Boost Hospital ein neugeborenes Kind. Die Arbeit dort geht auch nach der Machtübernahme der Taliban weiter. Bildrechte: picture alliance/dpa/MSF | Elise Moulin

Die Ausgangssituation

Es gibt zahlreiche, teilweise unterschiedliche Berichte über die Situation am Hindukusch. Einmal dürfen die Menschen zum Kabuler Flughafen, einmal nicht. Plünderer werden gestoppt, das sorgt für Sympathien. Frauen werden aufgefordert, ihre Posten in Behörden zu besetzen – und zugleich dürfen sie nur noch in Begleitung eines Mannes auf die Straße. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen halten sich versteckt, hoffen auf Ausreise.

Die Fakten

Am15. August 2021 erklären die Taliban ihren Sieg in Afghanistan. Mullah Abdul Ghani Baradar, einer der Gründer der Taliban, spricht in einer Fernsehbotschaft von einem weltweit beispiellosen und unerwarteten Erfolg. Von seinen Taliban-Kämpfern fordert Baradar in einem Online-Video Disziplin: "Jetzt ist es an der Zeit, zu beweisen, dass wir unserer Nation dienen und für Sicherheit und ein angenehmes Leben sorgen können."

Versöhnliche klingende Worte. Die allerdings weitgehend bisherigen Erfahrungen widersprechen: Seit Jahren begehen die Taliban nach Einschätzung der UNO schwere Menschenrechtsverletzungen. Daran hat sich auch in den vergangenen Wochen nichts geändert. So verweist das UN-Menschenrechtsbüro OHCHR auf erschreckende Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der Rechte von Frauen und Mädchen. Laut Kinderhilfswerk UNICEF nahm die Rekrutierung von Kindern durch bewaffnete Gruppen – eine schwere Menschenrechtsverletzung – in den letzten Wochen besorgniserregende Ausmaße an. Das Leben von Zivilisten zählt in Afghanistan nicht viel, allein im ersten Halbjahr wurden bei bewaffneten Konflikten mehr als 550 Kinder getötet und über 1.400 verletzt, es starben in den vergangenen 20 Jahren weit mehr als 47.000 Zivilisten.

Frage 1: Wie ist die Lage vor Ort?

Der Blick auf diese Zahlen weckt bei der Hilfsorganisation "Terre des hommes" Zweifel an der neuen Liebenswürdigkeit der Taliban. Die Organisation hatte zwei deutsche Mitarbeiter in Afghanistan und über afghanische Unternehmungen mehrere hundert indirekte. Die Sorge um diese indirekten Mitarbeiter ist groß. In einem ersten Gespräch mit MDR AKTUELL berichtet Sprecherin Barbara Küppers von einer traumatischen Situation am Hindukusch. Das war am Montag, dem 16. August. Mitarbeiter seien untergetaucht, in Herat hätten einige ein Visum für eine Ausreise in den Iran, niemand wisse, ob die Ausreise gelungen sei. Einige stünden auf Todeslisten. Sie berichtet von der Lage am Montagabend und einem Ring der Taliban um den Flughafen, eine Todesfalle für jene, die versuchten, zum Airport zu gelangen.

Hilfsnummer beim Auswärtigen Amt Für Notfälle ist eine Krisenhotline geschaltet: 0049 (0) 30-1817-1000. Auswärtiges Amt

Wenige Stunden später erhält sie ein Update aus Kabul, Stand 17. August. Demnach können die Menschen jetzt zum Flughafen. "Aber der dringende Aufruf ist, dass die nicht einfach zum Flughafen kommen, sondern warten, bis sie angerufen werden. Wie lange das noch möglich ist, das weiß kein Mensch. Deshalb haben die Leute auch Angst." Inzwischen stehen einige Mitarbeiter von "Terre des Hommes" auf einer Visumsberechtigungsliste des Entwicklungsministerium. Sie dürfen jetzt auf einen Anruf hoffen, hoffen, dass der Telefon-Akku bis dahin durchhält. "Die Situation ist nach wie vor sehr angespannt. Man weiß wirklich nicht, wie die Taliban agieren. Die Leute haben einfach enorme Angst und man traut denen nicht."

Frage 2: Stimmen die Informationen?

Die Frage ist, ob es bei den offenen Wegen zum Flughafen bleibt. "Unser Kontaktmann hat gesagt, heute ist ein Tag der Unsicherheit", berichtet Barbara Küppers. Alle seien zu Hause geblieben. Auf den Straßen sei es total leer gewesen. "Die Grenzen sind bis auf die pakistanische zu, es sind überall Checkpoints, und die Menschen haben einfach Angst. Die Taliban haben ja eine Amnestie für Regierungsmitarbeiter und Verwaltungsbeamte ausgesprochen, und auch aufgefordert, dass die weiblichen Mitarbeitenden zur Arbeit kommen, aber dem ist heute wohl kaum noch jemand gefolgt."

Die Menschen wissen Küppers zufolge nicht, worauf sie sich verlassen können: "Dass die Taliban zum Beispiel gesagt haben, auch Frauen sollen wieder in ihre Regierungsjobs kommen und wieder arbeiten gehen. Das ist die eine Aussage. Die andere Aussage ist: Frauen dürfen nicht alleine auf die Straße. Was denn jetzt? Man weiß es einfach nicht." Aus Herat weiß Küppers inzwischen mehr: Die Grenzen zum Iran sind zu. Die Mitarbeiter mit Iran-Visum können nicht aus dem Land. Einige hätten sich versteckt.

"Terre des hommes" unterstützt mehrere große Projekte in verschiedenen Teilen des Landes. Die Themen der Organisation sind vielfältig, sie reichen von der Wiederansiedlung von Binnenflüchtlingen über psychosoziale Hilfe für Kinder, die in den vergangenen Jahren Schreckliches erlebt haben, bis hin zu Bildungsprogrammen und Lehrertrainings. "Wir sind nach wie vor entschlossen, weiterzuarbeiten, im Moment ruhen die Projekte alle, weil die Partner und Partnerinnen bedroht sind. Man weiß einfach nicht, ob die Lehrerinnen wieder unterrichten dürfen oder ob die zu Hause bleiben müssen. Das ist einfach völlig unklar und unsicher im Moment", sagt Küppers.

Frage 3: Sind Hilfsorganisationen noch tätig?

Andere Organisationen sind weiter tätig, wie die Johanniter. Die Johanniter sind in Afghanistan vor allem im medizinischen Bereich tätig, im Bereich Mutter-Kind-Gesundheit und der Hebammen-Ausbildung, im Kampf gegen Covid-19 und sie unterstützen Vertriebene. Sie haben drei internationale Mitarbeiter in Kabul und 30 nationale Mitarbeiter. Letztere arbeiten derzeit von zuhause aus. Die Projektkoordinatoren aus dem Ausland aber sind im Büro.

Louis Marijnissen hat MDR AKTUELL berichtet, wie er die Stadt gerade erlebt. In weiten Teilen sei die Lage in Kabul relativ ruhig, sagt der Niederländer, abgesehen von den chaotischen Szenen am Flughafen. "Es ist nun vier Tage her, dass die Taliban die Regierung übernommen haben, und es hat in der Stadt keine größeren Vorkommnisse gegeben. Es gibt vereinzelte Schusswechsel in einigen Gebieten - meistens im Zusammenhang mit Kriminellen, die versuchen, die Lage auszunutzen." Wie die Lage auf dem Land oder in anderen Provinzen ist, kann er nicht sagen. Anfangs aber seien die Menschen sehr verängstigt gewesen. Als die Nachricht aufkam, dass die Taliban die Stadt erreicht haben, seien alle nach Hause geeilt und hätten in endlosen Staus festgesteckt. Viele seien verängstigt, viele erinnerten sich noch, wie es zwischen 1996 und 2001 gewesen sei. Vor allem Frauen seien sehr unsicher.

Als Helfer hat Marijnissen keine Angst. "Wir sind auch nicht bedroht worden. Die Taliban haben sehr klar gemacht, dass sie Expads (Anmerkung der Redaktion: im Land lebende Ausländer) oder NGOs nicht gefährden will." Dennoch bleiben sie lieber drinnen. "Wir wissen nicht, wie die Taliban auf Ausländer auf der Straße reagieren, nicht einmal bei kleineren Besorgungen, daher bleiben wir drinnen. Wir wissen auch nicht, wie die Leute auf der Straße reagieren, daher ist es für uns am besten, drinnen zu bleiben. Wir haben genug Essen, es geht uns gut, wir haben keine Angst, wir können das hier aussitzen."

"Ärzte ohne Grenzen" versorgen Patienten weiter

Auch die Mediziner von "Ärzte ohne Grenzen" kümmern sich weiter um ihre Patienten. "Wir werden nach aktuellem Stand in Afghanistan bleiben, in dem wir weiterhin mit rund 2.400 Mitarbeitenden aktiv sind. Es gibt keine konkreten Pläne, dass sich daran etwas ändert", sagt ein Sprecher MDR AKTUELL. Doch die Lage ist volatil und er verweist auf ein weiteres Telefonat, am nächsten Tag.

Doch es bleibt auch am Mittwoch dabei: Die Teams, so heißt es aus Afghanistan, wollen in Herat, Helmand, Kandahar, Chos und Kundus der Bevölkerung weiter so lange wie möglich medizinische Betreuung anbieten. Auch die Frage danach, wie sich die Mitarbeiter fühlen, hatte der Sprecher weitergegeben. "Wir können nicht für andere sprechen", heißt es in der Antwort, "aber jeder in Afghanistan ist verständlicherweise besorgt über die Entwicklung der Lage. In den letzten Tagen haben wir jedoch erlebt, dass sich unsere Mitarbeiter entschieden haben, wieder in unseren Projekten zu arbeiten". Gerade die Strukturen zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung stünden unter großem Druck. Durch die jüngsten Gefechte in gebe es viele Verletzte in den Kliniken in Kundus, Lashkar Gah und Kandahar. Es fehle an Personal und Ausrüstung. Viele Patienten könnten daher nicht die Versorgung erhalten, die sie brauchen.

Aus Sorge um die Mitarbeiter haben andere nichtstaatliche Hilfsorganisationen ihre Projekte erst einmal auf Eis gelegt – wie "Terre des hommes". Und auch die Deutsche Welthungerhilfe hat ihre Büros derzeit geschlossen. "Wir warten darauf, dass wir die Projekte fortführen können, angepasst an die neuen Bedingungen", sagt ein Sprecher. Caritas international hat seine Mitarbeiter bis auf Stefan Recker zurückgezogen. Er wolle gerne bleiben, aber die Lage ändere sich permanent. In einem Interview mit dem Domradio vom 14. August sagt er, er rechne nicht mit Angriffen auf seine Person. Hilfsorganisationen seien kein Ziel der Taliban – bisher habe es keine Angriffe auf Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen gegeben. Taliban hätten sogar die Plünderung von Büros internationaler Hilfsorganisationen verhindert.

Frage 4: Wie geht es weiter?

Am 17. August, zwei Tage nach der Übernahme der Regierung, ist die Spannung und Verunsicherung in Afghanistan groß und die Taliban geben sich noch versöhnlicher als am Sonntag. Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid verkündet, der Krieg sei vorbei und "jeder" sei begnadigt. Auch jene, die in Opposition zu den Islamisten gestanden hätten, Ex-Soldaten und Übersetzer für ausländische Streitkräfte. Frauen dürften weiterarbeiten, wenn ihre Tätigkeit im Einklang mit "den Prinzipien des Islam" stehe. Sie könnten in Gesundheit, Bildung und anderen Bereichen tätig sein. Die Taliban hätten mit niemandem Feindseligkeiten. Auch Medien sollten sich keine Sorgen machen – sie müssten unparteiisch bleiben, und Inhalte sollten nicht islamischen Werten entgegenstehen. Auf eine Frage nach dem Tod vieler unschuldiger Zivilisten sagte er, das sei ohne Absicht passiert.

Fazit

Die Lage in Afghanistan ändert sich ständig und muss täglich neu bewertet werden. Viele Informationen erreichen uns derzeit nicht. Alle Schilderungen sind Momentaufnahmen. Zwar haben die Taliban eine Amnestie ausgesprochen, ob diese in den kommenden Tagen und Monaten landesweit eingehalten wird, bleibt abzuwarten. Ob damit Angst und Verunsicherung unter den Mitarbeitern von Nichtregierungsorganisationen sinken, die das Land verlassen wollen, bleibt offen. Trotz aller Besorgnis arbeiten einige Hilfsorganisationen weiter. Wie die "Ärzte ohne Grenzen", die den Menschen in Afghanistan weiter medizinische Versorgung anbieten und die Verletzten der jüngsten Gefechte versorgen, die Johanniter, deren Mitarbeiter sich ins private zurückgezogen haben aber weiterarbeiten oder Stefan Recker von der Caritas. Wie es weitergeht, das hängt ganz entscheidend davon ab, ob die Taliban ihre überraschenden Versprechen halten und wie sie sie interpretieren. Der Weg zu einem angenehmen Leben in Afghanistan – wie von den Taliban angekündigt, der wird schwierig – nicht zuletzt, weil mehr als 18 Millionen Menschen im Land, darunter mehr als zehn Millionen Kinder, humanitäre Hilfe benötigen.

Quellen: MDR, AFP, Reuters, Domradio

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. August 2021 | 13:00 Uhr

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