Afghanistan Abzug der Nato-Truppen: Droht Afghanistan der Bürgerkrieg?

Sibylle Licht
Bildrechte: ARD/Tagesschau

Bis zum 11. September 2021 wollen die Nato-Truppen Afghanistan verlassen haben. Die Taliban werden es dann deutlich leichter haben, Provinzen und Städte unter ihre Kontrolle zu bekommen. Die Terrororganisation behauptet zwar, Frieden zu wollen, das derzeitige politische System, die Verfassung und Wahlen lehnt sie aber ab. Die Afghanische Führung ist besorgt und sucht in China nach einem neuen Verbündeten. Droht dem Land ein Bürgerkrieg?

Soldaten im Camp Marmal in Masar-e Scharif
Die Nato-Truppen, darunter auch die Bundeswehr, haben mit dem Abzug aus Afghanistan begonnen. Bildrechte: imago images/photothek

Ahmad Jaweed Sultani führt den Protest der kleinen Gruppe vor dem Bundeswehr-Camp Marmal bei Mazar-i-Sharif in Afghanistans an. Die Männer sind ehemalige lokale Angestellte der Bundeswehr. Sie fordern mit dem Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan auch ihre Ausreise nach Deutschland. "Wir müssen gehen, wir haben mit ihnen gearbeitet. Die Gesellschaft nennt uns Spione, Täter. Wir müssen gehen, sonst werden wir getötet, angegriffen, gekidnappt."  Hinter der Gruppe gehen Bundeswehrsoldaten ins Camp. Mit den protestierenden Afghanen spricht niemand.

20 Jahre nach 9/11 wird der Truppen-Abzug vollendet sein

Eine Luftfrachtmaschine der Marke Antownow steht dem Landefeld des Flughafens Halle/Leipzig. Ein Hubschrauber der Bundeswehr wird von Mitarbeitenden aus dem Flieger entladen.
Der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan läuft bereits und ist eine gewaltige logistische Aufgabe. Bildrechte: MDR/Thomas Tasler

Am 30. April hat die Bundeswehr die Ausbildung und Beratung der afghanischen Streitkräfte im Rahmen der Nato-Mission "Resolut Support" eingestellt. Am 18. Mai begann der Rückzug. An diesem Tag landete die erste Transportmaschine mit Hubschraubern der Bundeswehr in Deutschland. Schon am 4. Juli soll alles abgeschlossen sein. Mit der Bundeswehr verlassen alle beteiligten Truppen der NATO-Mission das Land. Beschlossen haben das die Außen- und Verteidigungsminister der NATO am 14. April nach langem Zögern.

Offiziell beendet wird die Mission am 11. September, genau 20 Jahre nachdem das Terrornetzwerk Al-Kaida um Osama bin Laden die World-Trade-Türme in den USA zum Einsturz brachte. Osama bin Laden operierte von Afghanistan aus. Die islamistischen Anschläge vom 11. September 2001 lösten den großangelegten Militäreinsatz unter der US-Führung in Afghanistan aus. So sollten die Taliban zurückdrängt werden, die damals weite Teile des Landes beherrschten.  

Von Frieden ist in Afghanistan keine Spur

Ein verletzter Schüler wird nach der Bombenexplosion auf einer Trage in ein Krankenhaus transportiert.
In Afghanistan hat es 2021 bisher sogar mehr Anschäge gegeben als im Vorjahreszeitraum. Bei einem Bombenanschlag in Kabul kamen viele Menschen ums Leben. Bildrechte: dpa

Mit dem Rückzug 20 Jahre später erfüllen die USA einen Vertrag, den sie am 29. April 2020 mit den Taliban geschlossen haben. Eine Bedingung der Taliban war der vollständige Abzug der NATO-Truppen aus Afghanistan. Der Vertrag sollte Afghanistan Frieden bringen, so das erklärte Ziel der Trump-Administration. Doch davon kann bislang keine Rede sein. Die UN-Mission für Afghanistan UNAMA hat für das erste Quartal 2021 mehr Anschläge als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum gezählt. Mitte Mai gab es für drei Tage eine Waffenruhe. Die afghanische Regierung und Taliban hatten sie vereinbart. Einen Tag danach gab es wieder Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Taliban in 18 der insgesamt 34 Provinzen.

Taliban werden es in Zukunft leichter haben

Michael Kugelman, stellvertretender Direktor des US-amerikanischen Think Tanks Wilson Centre, beantwortet die Frage, ob die Taliban wirklich Frieden wollen, so: "Traut man ihrer Propaganda, dann ist die Antwort: Ja. Sie wollen angeblich Frieden und würden nur darauf warten, bis die ausländischen Truppen abgezogen seien. Andererseits haben sie noch nie darüber gesprochen, ob sie in Zukunft zu Kompromissen bereit seien. Sie sagen deutlich, dass sie die aktuelle Verfassung, das derzeitige politische System und Wahlen ablehnen. Die Taliban werden es nach dem Truppenabzug leichter haben, Distrikte oder auch Provinzhauptstädte einzunehmen, weil die Unterstützung der NATO, auch aus der Luft, wegfallen wird."

Die USA planen nun offenbar nach dem Truppenabzug Überwachungsflüge aus den Nachbarländern Afghanistans. Das sagte General Frank McKenzie, Kommandeur der US-Streitkräfte der Nachrichtenagentur Associated Press in dieser Woche. Man wolle terroristische Gruppen im Auge behalten.

Afghanistan sucht Hilfe bei China

Die afghanische Regierung sucht inzwischen offenbar einen neuen Sicherheitspartner und zwar in der Region. Man wolle mit China stärker kooperieren, so Rahmatullah Andar, Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats Afghanistans: "Beide Länder betrachten den Terrorismus als gemeinsame Bedrohung und betonten, wir wollen ihn gemeinsam bekämpfen."

Michael Kugelman, vom Wilson Center, vermutet, dass die afghanischen Sicherheitskräfte den Taliban nur so lange standhalten können, wie die internationale Gemeinschaft sie weiterhin unterstützt. " Die Schlüsselfrage wird eine politische sein. Wenn von allen Seiten versucht wird, den afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani aus dem Amt zu heben, könnte das zu einer Art Bürgerkrieg führen."

Afghanische Mitarbeiter der Bundeswehr wollen nach Deutschland

Bundeswehr in Afghanistan
Für die Bundeswehr arbeiteten in Afghanistan auch Menschen aus der Region - etwa als Übersetzer. Sie haben Angst, im Land zu bleiben, bekommen aber oft keine Hilfe aus Deutschland. Bildrechte: dpa

Ahmad Jaweed Sultani, der ehemalige Übersetzer der Bundeswehr, will deshalb so schnell wie möglich nach Deutschland. Er wird von den Taliban gesucht. "Es gab, Droh-Anrufe und  -Briefe. Sie haben mir Nachrichten über meine Familie und über Freunde geschickt."  Der 31-jährige hat bereits sieben Anträge an die deutschen Behörden gestellt, um ausreisen zu können. Alle wurden abgelehnt. Die Bundesregierung will offenbar nur diejenigen mitnehmen, die in den letzten beiden Jahren für die deutsche Armee gearbeitet haben. Ahmad Jaweed Sultanis Vertrag wurde 2018 nach neun Jahren nicht mehr verlängert. Der junge Mann hat seitdem keinen Job und lebt vom Ersparten. Niemand will ihn beschäftigen. Die afghanische Gesellschaft behandelt den ehemaligen Übersetzer der Bundeswehr wie einen Verräter.

Quelle: ARD

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 22. Mai 2021 | 10:00 Uhr

12 Kommentare

Leachim-21 vor 22 Wochen

die Truppen ziehen ab und wir sehen ein Land wo der sogenannte Westen fast alles falsch gemacht hat was nur ging leider. und durch die Korruption wurden die Steuergelder der Steuerzahler vernichtet. und wieder einmal sehen wir auch wie man mit Verbündeten umgeht.

skydiver-sr vor 22 Wochen

Tja…wie heißt es so schön-man liebt den Verrat aber nicht den Verräter.
Ja-diese Leute haben für uns gearbeitet-und sind dafür bezahlt wurden, damit sind unsere Verpflichtungen erfüllt.

H.E. vor 22 Wochen

@kleinerfrontkaempfer

Das erste Mal kam dieser Spruch "unsere Freiheit wird verteidigt am Hindukusch" übrigens von Verteidigungsminister Struck, der inzwischen verstorben ist.

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