Missionsende am Hindukusch Bundeswehr-Abzug gestartet – Afghanische Armee besorgt

Der Abzug der Bundeswehr und der anderen Nato-Truppen aus Afghanistan hat offiziell begonnen. Das Kommando Spezialkräfte KSK soll den deutschen Abzug decken. Derweil herrschen in der afghanischen Armee Angst und Sorge, wie es danach weitergeht. Terrorexperten fürchten den Wiederaufstieg islamischer Extremisten wie Taliban oder Al-Kaida.

Soldaten im Camp Marmal in Masar-e Scharif
Appell von Bundeswehr-Soldaten im Camp Marmal in Masar-i-Scharif. Bildrechte: imago images/photothek

Nach fast 20 Jahren Einsatz hat der Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan offiziell begonnen. Rund 10.000 Nato-Soldaten der Ausbildungsmission "Resolute Support" sollen bis spätestens September das Land verlassen. Die Bundeswehr leitete ihren Abzug bereits am Freitag mit den Worten von Bundesverteidigungsministerin Annegret-Kramp-Karrenbauer (CDU) ein: "Unser Auftrag in Afghanistan ist beendet."

Afghanische Soldaten beunruhigt

Der Truppenabzug ist in der afghanischen Armee mit Unruhe und Sorge zur Kenntnis genommen worden. Die Deutsche Presse-Agentur zitiert einen nicht namentlich genannten Soldaten aus Kabul mit den Worten, man habe "kein sonderlich gutes Gefühl". Lediglich die Spezialkräfte seien in der Lage, das Land zu verteidigen. Er habe Sorge, dass Munitions- und Waffenbestände der Armee "verschwinden". Manche Kameraden würden sich offenbar schon auf einen Bürgerkrieg vorbereiten.

Ein Bataillonskommandeur der afghanischen Armee erklärte, es fehle vor allem in den ländlichen Gebieten an adäquater Ausrüstung und gut trainierten Soldaten. Wenn eine Truppe, die einen jahrelang mit Logistik, Waffen und Schulungen unterstützt habe, das Land verlasse, habe dies negative Auswirkungen. Zudem könne niemand garantieren, dass die Taliban keine Unterstützung aus dem Ausland mehr bekämen.

Zunächst mehr deutsche Soldaten

Annegret Kramp-Karrenbauer
Kramp-Karrenbauer: "Auftrag beendet." Bildrechte: dpa

Am Freitag standen noch 1.067 deutsche Soldaten am Hindukusch, die meisten von ihnen am Standort Masar-i-Scharif im Norden des Landes. Die Zahl wird nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums zunächst noch leicht zunehmen, um die Rückführung des Materials zu organisieren. Die Bundeswehr wird in den kommenden Wochen mehr als 100 Fahrzeuge und Hubschrauber sowie tonnenweise weiteres Material nach Deutschland zurücktransportieren. Insgesamt sind dafür rund 800 Containerladungen veranschlagt. Im August will die Bundeswehr aus Afghanistan raus sein. Mehr als zwölf Milliarden Euro wird der Einsatz dann gekostet haben.

KSK soll Abzug decken

KSK-Soldaten der Bundeswehr 2010 in Kundus
KSK-Soldaten 2010 in Kundus: Die Eliteeinheit soll den deutschen Abzug aus Afghanistan decken. Bildrechte: imago/StockTrek Images

In einer Unterrichtung des Bundestags zeichnete das Verteidigungsministerium ein – wenn auch regional unterschiedliches – düsteres Bild der Sicherheitslage in Afghanistan. Da für die Abzugsphase mit Angriffen der radikal-islamischen Taliban-Miliz gerechnet wird, sollen Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) für die "Wahrnehmung von Sicherungsaufgaben" nach Afghanistan verlegt werden. Weitere geschützte Fahrzeuge wurden bereits im April nach Afghanistan gebracht. Auch ein deutscher Mörserzug wurde in Einsatzbereitschaft versetzt. Zudem sind niederländische Verstärkungskräfte in Masar-i-Scharif eingetroffen.

Terrorexperte warnt vor Aufstieg der Dschihadisten

Der Terrorexperte Guido Steinberg warnt unterdessen vor einem möglichen Wiederaufstieg des Terrornetzwerks Al-Kaida und anderer Dschihadisten in Afghanistan. Nach dem US-Abzug aus Afghanistan werde es schwer, die Extremisten dort zu bekämpfen, sagte der Mitarbeiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Zudem hätten die militant-islamistischen Taliban keinen Grund, ihr Bündnis mit Al-Kaida aufzugeben. Vielmehr sei davon auszugehen, dass sich die Taliban in Afghanistan durchsetzten. "Das könnte zu einem Weckruf für Dschihadisten weltweit werden."

Zuvor hatte unter anderem bereits der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, prognostiziert, dass nach einem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan, die Taliban in dem Land wieder die Macht übernehmen würden.

Quelle: MDR/dpa/AFP

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 01. Mai 2021 | 06:00 Uhr

9 Kommentare

dimehl vor 13 Wochen

Den Afghanistan - Einsatz befürwortete meines Wissens nach nie die Mehrheit der deutschen Bevölkerung.
Diese deutsche Bevölkerung konnte in den vielen Jahren des Afghanistan - Einsatzes oft in Wahlen Ihre Meinung zum Ausdruck bringen.
Es gab in diesen vielen Jahren des Afghanistan - Einsatzes verschiedene Verteidigungsminister von verschiedenen Parteien.
Allein, die Bundeswehr blieb in Afghanistan. Nun wird sie innerhalb sehr kurzer Zeit abgezogen.
Dies wurde in den USA und bei der NATO entschieden. Ja, wo denn auch sonst...
Dabei ist die Bundeswehr doch eine „Parlamentsarmee“ ?

H.E. vor 13 Wochen

@hansfriederleistner - Sie haben völlig recht, wir hatten dort nichts verloren. Und wieder das Geschwafel von Kramp-Karrenbauer "unser Auftrag in Afghanistan ist beendet" macht mich absolut wütend bei dem Gedanken an die 59 toten deutschen Soldaten. Was für ein Auftrag war das in Afghanistan, der uns mehr als 12 Milliarden Euro gekostet hat ?

Außerdem haben doch die Taliban vor nichts und niemanden Respekt. Wenn ich nur an die Zerstörung der weltberühmten riesigen in den Fels gehauene Buddha-Statuen denke, die Weltkulturerbe waren und die sie einfach auch so zerstört haben.

hansfriederleistner vor 13 Wochen

Wir hatten dort nichts verloren. Weder die Amis noch die Russen konnten dort für geordnete Verhältnisse sorgen. Uns hat es nur viel Geld und unschuldige Menschenleben gekostet.

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