Nach Abzug der Bundeswehr Afghanistan: Zurück zur Burka? Frauen in Gefahr

Nach fast 20 Jahren endet der Einsatz in Afghanistan. Der Krieg, der offiziell keiner war, dauerte länger und war verlustreicher als jede andere Bundeswehr-Mission. Wie erfolgreich war der Einsatz? Die Lage der Frauen und Mädchen im Land hat sich nach dem Sturz der Taliban verbessert, zumindest da sind sich Experten und Politiker einig. Doch was bleibt, sollten die Taliban die Macht wieder übernehmen? Die Verunsicherung nicht nur unter der weiblichen Bevölkerung ist groß.

Universitätsgründerin Simin Shams
Universitätsgründerin Simin Shams genießt ihre Freiheiten: Sie trifft gerne Freundinnen und entscheidet selbst, was sie tut. Bildrechte: MDR/Story im Ersten

Simin Shams tat sich mit 16 Jahren mit ihrer Schwester zusammen und baute die private "Taj-Universität" in der nördlichen Stadt Masar-e Scharif auf. Hier steht Bildung allen Frauen offen, es ist ein Ort des Friedens in einem Land, in dem man seit Generationen keinen echten Frieden kennt.

Shams erinnert sich nicht mehr, wie es unter den Taliban vor ihrem Sturz 2001 war. "Meine Eltern, Verwandten und Freunde haben mir die Geschichten über die dunkle Zeit der Taliban erzählt. Frauen wurden unschuldig getötet und sie wurden der Bildung beraubt."

Die junge Frau ist noch optimistisch, dass sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch die Taliban verändert haben und dass Bildung auch weiterhin Frauen offenstehen wird, selbst wenn die Taliban die Macht wieder übernehmen sollten: "Die Töchter der Taliban haben hier studiert und wurden zu Ärztinnen, Anwälten und Absolventinnen dieser Universität. Vielleicht haben sich die Ansichten und die Politik der Taliban in den letzten 20 Jahren geändert."

Amnesty International: Politische Mitwirkung bleibt beschränkt

Laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International von 2020 habe es wichtige Verbesserungen für Afghaninnen im Land gegeben. Trotzdem seien die Möglichkeiten für Frauen in politischer Mitwirkung auf Regierungsebene nach wie vor sehr begrenzt. "Ihre Beteiligung beschränkte sich im Wesentlichen auf wenige Funktionen in Provinz- und Kommunalverwaltungen, und dort vor allem auf die Bereiche Soziales und Bildung. Die wenigen Frauen, die höhere Funktionen innehatten, waren Einschüchterungen, Belästigungen und Diskriminierungen ausgesetzt."

Afghanistan-Experte
Afghanistan-Experte Thomas Ruttig Bildrechte: MDR/Story im Ersten

Führt Lernprozess der Taliban zu Veränderungen?

Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig sagt, man dürfe nicht erwarten, dass die Taliban nicht mehr islamistisch seien. Er räumt jedoch ein, dass die Miliz einen Lernprozess durchgemacht hat, der von Machtpolitik bestimmt sei. "Sie haben gesehen, dass ihre Übergriffe, ihre systematischen Zwangsmaßnahmen ohne irgendeine konstruktiven Politik dazu geführt haben, dass ein Großteil der afghanischen Bevölkerung dann nichts mehr mit ihnen anfangen konnte". Die Taliban haben angefangen hier und da auf die Bevölkerung zu hören. Man könne nur hoffen, dass sich das so fortsetzt, meint Ruttig.

Sind die Hoffnungen der Universitätsgründerin Shams, dass die Frauen in ihrem Land selbst unter einer erneuten Taliban-Herrschaft ein selbst bestimmteres Leben führen können, realistisch?

Der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer sieht, dass mit dem Abzug der Bundeswehr die Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung auf der Kippe stehen: "Vieles war nicht vergeblich. Könnte sich jetzt allerdings als vergeblich erweisen. Es gelang dort, Inseln der Aufklärung und des Fortschritts durchzusetzen. Aus der Sicht afghanischer Frauen und Mädchen ist viel erreicht worden - was jetzt aber wieder in Gefahr ist."

Ehemaliger Politiker Joschka Fischer
Joschka Fischer war von 1998 bis 2005 Außenminister. Der Bundestag hatte am 22. Dezember 2001 das erste Afghanistan-Mandat verabschiedet. Im Januar 2002 trafen die ersten Kräfte in der Hauptstadt Kabul ein. Bildrechte: MDR/Story im Ersten

Taliban auf dem Vormarsch

Die Taliban sind seit dem raschen  Abzug der US- und verbündeten NATO-Truppen wieder auf dem Vormarsch: Sie haben in den vergangenen Monaten große Teile des Landes erobert. Inzwischen kontrolliert die Miliz mehrere Grenzübergänge sowie dutzende Bezirke und hat mehrere Provinzhauptstädte eingekreist.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verdeutlicht in ihrem Bericht zudem, dass "Frauen und Mädchen auch 2020 in ganz Afghanistan geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt waren, insbesondere in Gebieten unter Kontrolle der Taliban." Nach Angaben der Unabhängigen Afghanischen Menschenrechtskommission wurden im Jahr 2020 mehr als 100 Frauen ermordet. Selten käme es zur Anzeige. Dies führe dazu, dass Täter, die eine Frau oder ein Mädchen schlugen, misshandelten, folterten, prügelten oder töteten, keine Strafe befürchten mussten.

Augenzeuge: Taliban zwingen Mädchen zur Heirat

Ein junger Afghane, der anonym bleiben möchte, schildert dem MDR am 25. Juli 2021 verzweifelt seine Eindrücke:

Es ist zwei Wochen her, seit unser Bezirk in der Kontrolle der Taliban ist. Sie zwingen die Menschen, ihre Schafe und Rinder zu töten, um für sie zu kochen. Sie verlangen Listen mit den Namen junger Mädchen über 15 und von Witwen unter 45. Die Frauen werden dann gezwungen, Taliban zu heiraten. Die Taliban zwingen die Menschen, Gewehre zu nehmen und gegen die afghanische Armee zu kämpfen. Viele Familien sind vor den Taliban in die Berge geflohen.

Dies lässt unweigerlich an die Bilder unter der Taliban-Herrschaft bis 2001 denken: Frauen, die im öffentlichen Leben keine Rolle spielen, weder zur Schule gehen dürfen noch einen Beruf ausüben können. Frauen, deren Rolle einzig auf die der unterwürfigen Ehefrau und Mutter beschränkt ist. Frauen, die in Vollverschleierung auf den Straßen Afghanistans geschlagen oder gar mit Kopfschüssen hingerichtet werden.

Junge Frauen 2005 auf einer Straße in Masar-e Scharif
In welche Richtung wird Afghanistan gehen? Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Viele Studentinnen in der Universität von Simin Shams wollen nicht an ein solches Schreckensszenario glauben. Sie hoffen auf veränderte Taliban. Doch ob dieser Optimismus realistisch ist? Ein Vorgeschmack ist die veränderte Sicherheitslage in Masar-i-Sharif seit dem Abzug der Bundeswehr: "Masar-i-Sharif war eine der sichersten Städte in den letzten 20 Jahren, aber leider gab es in den letzten Monaten viele Angriffe." Shams lässt sich nur noch von ihren Brüdern zur Universität fahren. Und auch für deren Sicherheit bete sie vor jeder Fahrt.

Quelle: MDR/adg/dpa

Dieses Thema im Programm: Die Story im Ersten | 02. August 2021 | 23:20 Uhr

Mehr aus Politik

Mehr aus der Welt

Rote Lava schießt aus einem Vulkanschlot in den schwarzen Nachthimmel. 1 min
5.000 Menschen nach Vulkanausbruch auf der Kanareninsel La Palma in Sicherheit gebracht Bildrechte: Reuters

Nach dem Ausbruch eines Vulkans auf der Kanareninsel La Palma sind inzwischen mehr als 5.000 Menschen ins Sicherheit gebracht worden. Der Vulkan war am Sonntag erstmals seit 50 Jahren wieder aktiv geworden.

20.09.2021 | 11:10 Uhr

Mo 20.09.2021 11:02Uhr 01:10 min

https://www.mdr.de/nachrichten/welt/panorama/video-vulkan-ausbruch-la-palma-kanaren-100.html

Rechte: Reuters, EBU

Video