Afghanistan Kabul weitgehend von Taliban umzingelt

In Afghanistan haben die Taliban die Hauptstadt Kabul weitgehend umzingelt. Im Norden eroberten sie den ehemaligen Bundeswehr-Standort Masar-i-Scharif. Die Sorge um die Ortskräfte wächst. Die USA werfen der afghanischen Armee mangelnde Kampfbereitschaft vor.

Afghanische Militärfahrzeuge stehen während der Kämpfe zwischen den Taliban und afghanischen Sicherheitskräften in der Stadt Kandahar südwestlich von Kabul.
Afghanische Militärfahrzeuge stehen während der Kämpfe zwischen den Taliban und afghanischen Sicherheitskräften in der Stadt Kandahar südwestlich von Kabul. Bildrechte: dpa

In Afghanistan haben die Taliban Kabul weitgehend umzingelt. Dem TV-Sender Tolo News zufolge drangen sie am Samstag bis in den Distrikt Char Asiab vor, nur elf Kilometer südlich der Hauptstadt. Auch knapp 40 Kilometer westlich von Kabul gab es nach Angaben von Beobachtern heftige Kämpfe zwischen Regierungstruppen und der radikalislamischen Miliz. In den vergangenen Tagen waren hunderttausende Familien aus den von den Taliban eroberten Gebieten nach Kabul geflohen. Berichten zufolge gibt es in dem Land derzeit 3,5 Millionen Binnenflüchtlinge.

Ex-Bundeswehrstandort Masar-i-Sharif erobert

Im Norden Afghanistans nahmen die Taliban die letzte Provinzhauptstadt ein. Der Vorsitzende des Provinzrats, Afsal Hadid, sagte, die Stadt Masar-i-Scharif sei offenbar kampflos an die Islamisten gefallen. Die Regierungssoldaten seien in Richtung der Grenze zu Usbekistan geflohen. Nach Angaben von Einwohnern fahren die Taliban mit Autos und Motorrädern durch die Straßen und feuern Freudenschüsse in die Luft. Masar-i-Sharif war bis vor wenigen Wochen das Hauptquartier der Bundeswehr bei ihrem Afghanistan-Einsatz.

Präsident Ghani spricht von Armee-Mobilisierung

Aschraf Ghani
Aschraf Ghani Bildrechte: dpa

Präsident Aschraf Ghani rief in einer Fernsehansprache zum Kampf auf. Die erneute Mobilisierung der afghanischen Armee habe Vorrang, sagte er. Zugleich wächst der Druck auf Ghani, zurückzutreten, um Platz für eine Übergangsregierung unter Beteiligung der Taliban zu machen. Diese kontrollieren bereits mehr als die Hälfte der 34 Provinzen Afghanistans.

USA werfen afghanischer Armee mangelnde Kampfbereitschaft vor

Die USA haben der afghanischen Armee unterdessen eine mangelnde Kampfbereitschaft vorgeworfen. Pentagon-Sprecher John Kirby sagte dem Sender CNN, es fehle der Wille, sich dem Vormarsch der Taliban zu widersetzen. Die USA haben Kirby zufolge den fehlenden Widerstand durch die afghanischen Streitkräfte nicht vorhersehen können. Diese seien den Taliban bezüglich Ausrüstung, Training und Truppenstärke überlegen. Geld könne aber keinen Willen kaufen, erklärte Kirby mit Blick auf die finanzielle Unterstützung durch die USA.

Guterres: "Afghanistan gerät außer Kontrolle"

Antonio Guterres, UN-Generalsekretär, hält im UN-Hauptquartier im Rahmen des Climate Ambition Summit 2020 eine Rede.
António Guterres Bildrechte: dpa

UN-Generalsekretär António Guterres sagte in New York, die Taliban müssten ihren Vormarsch sofort stoppen.

Die Macht durch militärische Gewalt an sich zu reißen, sei zum Scheitern verurteilt. Das könne nur zur Verlängerung des Bürgerkriegs und zur vollständigen Isolierung Afghanistans führen.

Guterres rief zu einer politischen Lösung auf. An den Verhandlungen müssten alle Parteien beteiligt werden.

Seehofer: Einreise afghanischer Hilfskräfte erleichtern

Bundesinnenminister Horst Seehofer kündigte an, für afghanische Ortskräfte solle die Einreise erleichtert werden. Notfalls solle ihre Identität erst auf deutschem Boden überprüft werden, sagte der CSU-Politiker der "Süddeutschen Zeitung". Wenn die Klärung der Identität und die Erteilung der Visa in Afghanistan nicht möglich sei, könne sie in Deutschland durchgeführt werden. Sein Ministerium sei für jedes Verfahren offen.

Der Co-Vorsitzende der Grünen, Robert Habeck, forderte eine "Luftbrücke" für die Ortskräfte. Es sei Deutschlands Pflicht, die Menschen vor den Taliban zu retten, die ihr Leben riskiert hätten, um Bundeswehrsoldaten zu helfen. Man dürfe sie nun nicht im Stich lassen.

Derzeit sind noch deutlich mehr als 100 Deutsche in Afghanistan, darunter die Diplomaten und Beschäftigte der Botschaft in Kabul sowie Experten anderer Ministerien und Organisationen. Die genaue Zahl der Ortskräfte ist noch unklar. Allein Organisationen aus dem Geschäftsbereich des Bundesentwicklungsministeriums haben noch mehr als 1.000 einheimische Mitarbeiter vor Ort. Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, werden unter anderem Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte für einen Evakuierungseinsatz vorbereitet. Ein entsprechendes Mandat werde vorbereitet.

Kanada will Flüchtlinge aufnehmen

Kanada sagte inzwischen die Aufnahme von bis zu 20.000 Flüchtlingen aus Afghanistan zu. Nach den Worten von Einwanderungsminister Marco Mendicino richtet sich das Angebot insbesondere an Frauen in Führungspositionen, Regierungsmitarbeiter, Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Angehörige verfolgter Minderheiten. Das Land werde nicht zusehen. Einige Flugzeuge mit Asylsuchenden aus Afghanistan sind Mendicino zufolge bereits gestartet.

Die Lage in Afghanistan ist herzzerreißend und Kanada wird nicht tatenlos zusehen.

Marco Medicino Einwanderungsminister von Kanada

Sorge vor Neuauflage von Saigon 1975

Westliche Staaten bereiten unterdessen die Evakuierung ihres Botschaftspersonals und einheimischer Hilfskräfte vor. Am Freitag trafen die ersten von 3.000 zusätzlichen US-Soldaten ein, die den Abzug sichern sollen.

republikanischer Mehrheitsführer im US-Senat - Mitch McConnell
Bildrechte: imago images/UPI Photo

Die jüngsten Nachrichten über eine weitere Verkleinerung unserer Botschaft und eine überstürzte Verlegung von Streitkräften wirken wie Vorbereitungen für den Fall von Kabul.

Mitch McConnell Republikaner im US-Senat

In den USA wächst derweil die Sorge vor ähnlichen Szenen wie bei der Evakuierung der US-Botschaft im vietnamesischen Saigon 1975. Damals waren gegen Ende des Vietnamkriegs innerhalb weniger Stunden US-Personal und mehr als 7.000 vietnamesische Verbündete mit Dutzenden Helikopterflügen evakuiert worden.

Der Anführer der Republikaner im US-Senat, Mitch McConnell sagte nun, die jüngsten Nachrichten über eine weitere Verkleinerung der Botschaft und eine überstürzte Verlegung von Streitkräften wirkten wie Vorbereitungen für den Fall von Kabul. Die Entscheidungen von Präsident Joe Biden "lassen uns auf eine noch schlimmere Wiederauflage des demütigenden Falls von Saigon im Jahr 1975 zusteuern". US-Generalstabschef Mark Milley äußerte sich dagegen vorsichtiger: Man könne die Zukunft nicht vorhersehen, aber er sehe kein Saigon 1975 in Afghanistan.

Quelle: dpa, AFP, Reuters, epd

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. August 2021 | 09:00 Uhr

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