Kabul vor dem Fall Afghanischer Präsident Ghani gesteht Sieg der Taliban ein

Der afghanische Präsident Ghani hat die Niederlage gegen die Taliban eingestanden. Mit seiner Flucht ins Ausland wollte er ein Blutvergießen verhindern. Die Islamisten verkündeten im Präsidentenpalast ihren Sieg. Sie sicherten zu, keine Rache nehmen zu wollen. In den vergangenen Tagen waren zahlreiche afghanische Soldaten in Nachbarländer geflohen.

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani spricht in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache in Kabul.
Der afghanische Präsident Aschraf Ghani hat das Land verlassen. Am Vortag hatte er sich noch in einer Fernsehansprache an die Afghanen gewandt. Bildrechte: dpa

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani hat die militärische Niederlage seiner Regierung gegen die Taliban anerkannt. Er schrieb auf Facebook, die Islamisten seien nun verantwortlich, das Leben, das Vermögen und die Ehre der Afghanen zu schützen.

Ghani: Bin geflohen, um Blutvergießen zu verhindern

Ghani war am Sonntag vor den Taliban außer Landes geflohen. Der 72-Jährige erklärte, er sei geflohen, um ein Blutvergießen und die Zerstörung von Kabul zu verhindern. In welchem Land er sich aufhält, teilte er nicht mit. Medienberichten zufolge ist er nach Tadschikistan geflohen. Die Taliban hatten den Rückzug Ghanis zur Bedingung für eine friedliche Machtübernahme gemacht.

Taliban verkünden Sieg im Präsidentenpalast

Die aktuelle Lage in Kabul ist unklar. Taliban-Kämpfer besetzten den Präsidentenpalast. Einer erklärte im TV-Sender Al-Dschasira den Sieg der Taliban und die Befreiung Afghanistans. Andere Taliban-Vertreter hatten erklärt, Kämpfer seien in einige Stadtteile vorgerückt, um die Ordnung sicherzustellen.

Die US-Botschaft in Kabul warnte vor einer sich rasch verändernden Sicherheitslage auch am Flughafen von Kabul. Es gebe Berichte über Schüsse am Airport, über den die Evakuierungseinsätze laufen. Er wird von 3.000 US-Soldaten gesichert.

In der Stadt spielten sich tagsüber zudem chaotische Szenen ab. Augenzeugen berichteten, viele Menschen versuchten, ihr Erspartes abzuheben und Lebensmittel zu kaufen.

Afghanische Regierung kündigt Machtübergabe an

Die Taliban waren am Morgen bis an den Stadtrand von Kabul vorgerückt. Das afghanische Innenministerium hatte daraufhin eine "friedliche Machtübergabe" angekündigt. Innenminister Abdul Sattar Mirsakwal sagte in einem Video, die Sicherheit von Kabul sei garantiert. Es sei die Vereinbarung getroffen worden, dass eine "Übergangsregierung" gebildet werde. Jeder, der Unordnung in der Stadt verursache, werde in Übereinstimmung mit dem Gesetz behandelt.

Taliban: Werden keine Rache üben

Von den Taliban hieß es, die Verhandlungen über "einen friedlichen Machtwechsel" seien im Gange. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid sagte der BBC, er könne bestätigen, dass es Gespräche mit dem Präsidialpalast dazu gebe. Zuvor hatten die Taliban schriftlich erklärt, sie würden die Vier-Millionen-Metropole nicht mit Gewalt einnehmen wollen. Die Kämpfer seien aufgefordert, sich am Stadtrand zu halten. Man werde auch keine Rache üben.

Kabul letzte von von Regierung gehaltene Großstadt

Kabul ist die letzte große Großstadt, die noch nicht von den Taliban erobert ist. Am Morgen war die Provinzhauptstadt Dschalalabad im Osten des Landes an die radikalislamische Miliz gefallen. Behördenvertreter erklärten, der Gouverneur habe sich ergeben. Das sei die einzige Möglichkeit gewesen, das Leben von Zivilisten zu retten.

Soldaten flüchten in Nachbarländer

In den vergangenen Tagen waren etliche afghanische Soldaten in Nachbarländer geflüchtet. Das usbekische Außenministerium erklärte am Sonntag, es seien 84 afghanische Soldaten eingetroffen. Sie hätten am Samstag um Hilfe gebeten. Weitere Soldaten hätten sich zeitweise auf einer Brücke zwischen beiden Ländern aufgehalten, sie seien aber mittlerweile wieder umgekehrt. Die mehr als 130 Kilometer lange Grenze zu Afghanistan sei verstärkt worden. Auf afghanischer Seite kontrollieren die Taliban mittlerweile alle großen Grenzposten.

In den vergangenen Wochen waren bereits Hunderte Angehörige afghanischer Sicherheitsorgane aus Angst vor den Taliban nach Tadschikistan und Usbekistan geflohen. Auch innerhalb Afghanistan flüchteten zahlreiche Menschen vor den Taliban. In Kabul warteten Familien vor den Toren der Botschaften. Ein Anwohner berichtete von Hunderten Menschen, die in Zelten oder im Freien an Straßenrändern übernachteten und aus anderen Teilen des Landes eingetroffen seien.

Die Taliban werteten in einer Erklärung ihr rasches Vordringen als Beleg für ihre Akzeptanz in der Bevölkerung. Niemand müsse um sein Leben fürchten, auch Ausländer hätten nichts zu befürchten.

Biden verteidigt Abzug der US-Truppen

Die USA begannen unterdessen mit der Evakuierung ihrer Botschaft. US-Präsident Joe Biden drohte den Taliban mit einer "raschen und starken militärischen Reaktion", falls diese das US-Personal in Afghanistan gefährdeten. Zugleich verteidigte er den Abzug der US-Truppen aus dem Land. Ein weiteres Jahr oder auch fünf Jahre US-Militärpräsenz hätten keinen Unterschied gemacht, wenn das afghanische Militär sein eigenes Land nicht halten könne oder wolle.

Auf ihrem Eroberungszug in Afghanistan hatten die Taliban am Sonnabend Berichten zufolge auch die Großstadt Masar-i-Scharif eingenommen. Dort hatte die Bundeswehr noch bis Juni ihr Hauptquartier.

Deutschland bereitet Evakuierung vor

Angesichts des baldigen Einrückens der Taliban in die afghanische Hauptstadt Kabul bereitet die Bundesregierung die Evakuierung von deutschen Staatsangehörigen vor. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung soll noch am Sonntag, spätestens aber am Montag ein Transportflugzeug der Bundeswehr Richtung Kabul starten. Voraussichtlich werde in Usbekistan eine Drehscheibe für Zwischenlandungen eingerichtet. Chartermaschinen sollten die Passagiere dann von dort aus nach Deutschland bringen.

Bundesaußenminister Heiko Maas sagte dem Blatt, Deutschland werde nicht riskieren, dass seine Leute den Taliban in die Hände fielen. Man sei auf alle Szenarien vorbereitet.

Quelle: dpa, AFP, Reuters, KNA, epd

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. August 2021 | 07:30 Uhr

Mehr aus Politik

Migranten mit Schlauchboot am Ärmelkanal 1 min
Migranten mit Schlauchboot am Ärmelkanal Bildrechte: EBU

Mehr aus der Welt

EIn ausgebranntes Hochhaus bei Tag. Feuerwehr mit Drehleitern in der Luft. 1 min
Mehr als 40 Tote bei Hochhausbrand in Taiwan Bildrechte: EBU