Lage in Afghanistan Taliban verkünden das Kriegsende und stimmen versöhnliche Töne an

Während westliche Länder am Flughafen in Kabul Luftbrücken für ihre Bürger und ehemalige Helfer im Land aufbauen, bleiben sie zunächst eher unbehelligt von den Taliban. Diese verkündeten stattdessen jetzt das Ende des Krieges in Afghanistan und den Aufbau einer "inklusiven" Regierung. Insgesamt schlugen sie dabei demonstrativ moderate Töne an. Doch Unsicherheit bleibt.

Sabiullah Mudschahid, Sprecher der Taliban, spricht auf seiner ersten Pressekonferenz im Medieninformationszentrum der Regierung in Kabul
Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid in der Mitte: "Inklusive" Regierung angestrebt Bildrechte: dpa

Am Dienstag, zwei Tage nach ihrem Einmarsch in Kabul, haben die Taliban das Ende des Krieges in Afghanistan verkündet und eine allgemeine Amnestie. Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid sagte bei seiner ersten Pressekonferenz seit der Machtübernahme der Taliban in der Hauptstadt: "Wir wollen keine Feinde."

Aufbau von Luftbrücken nach Kabul

Derweil haben Deutschland und viele andere Länder mit dem Ausfliegen von eigenen Bürgern, afghanischen Helfern und weiteren Menschen begonnen. Mit Bundeswehr-Maschinen geht es für sie zunächst in die usbekische Hauptstadt Taschkent und von dort mit Lufthansa-Maschinen nach Deutschland. 

Mit den ersten drei Flügen konnte die Luftwaffe etwa 260 Menschen aus Kabul holen. In der Nacht zum Mittwoch stellte sie nach eigenen Angaben zwar die Flüge vorübergehend ein, weil keine "Flughafenfeuerwehr in Kabul verfügbar" sei. Dafür sollte es am Mittwoch vier weitere Flüge geben. In Frankfurt/Main kam am frühen Mittwochmorgen eine erste Lufthansa-Maschine mit rund 130 Evakuierten aus Taschkent an. Ziel ist es, noch Tausende von Menschen auszufliegen.

Am Flughafen von Kabul waren am Montag bei einem Ansturm verzweifelter Menschen und dramatischen Versuchen, sich an die startenden Flieger zu hängen, mindestens zehn Personen ums Leben gekommen. Ein Flugbetrieb war deswegen zunächst kaum möglich gewesen, bis US-Soldaten das Rollfeld räumten. 

Am Dienstagabend sagte Außenminister Heiko Maas (SPD), nun seien die Evakuierungen "voll angelaufen". Und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) bekräftigte, es sei Auftrag der Bundeswehr, so lange wie möglich und so viele Menschen wie möglich auszufliegen. Sie habe dabei die Hoffnung, die Luftbrücke bis in die nächste Woche halten zu können.

Für einen Bundeswehr-Einsatz zur Evakuierung will die Bundesregierung ein Bundestagsmandat zur Entsendung von bis zu 600 Soldaten. Im Entwurf für das Kabinett am Mittwoch hieß es, dazu könne "die Personalobergrenze zeitlich befristet überschritten werden. Gleiches gilt in Notsituationen." Das Mandat soll bis 30. September gelten und voraussichtlich rund 40 Millionen Euro kosten.

USA reden mit den Taliban über Flughafen

Der Nationale US-Sicherheitsberater Jake Sullivan sagte, das Ausfliegen könne bis 31. August weitergehen. Man führe Gespräche mit den Taliban über einen Zeitplan. Diese hätten für Zivilisten freien Zugang zum Flughafen in Kabul zugesichert.

Die USA wollen pro Tag 5.000 bis 9.000 Menschen aus dem Land holen. Das sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums dem Sender CNN. Demnach wollen die USA bis zu 22.000 afghanische Helfer aufnehmen. Weiter hieß es, dass rund 3.500 US-Soldaten den Flughafen sichern. Sullivan warnte die Taliban vor Angriffen.

Taliban versprechen Sicherheit für alle

Bei der ersten Taliban-Pressekonferenz nach ihrem Einmarsch in Kabul sagte ihr Sprecher Sabihullah Mudschahid, das "Islamische Emirat" hege keinen Groll und: "Wir wollen keine Feinde im In- oder Ausland." Auch dürften die Taliban-Kämpfer private Häuser nicht betreten. Alle Mitarbeiter anderer Staaten seien begnadigt, wie auch Soldaten der afghanischen Armee. Auf eine Frage nach dem Tod zahlreicher Zivilisten sagte Mudschahid, das sei ohne Absicht passiert. Er betonte auch, dass die Sicherheit von Botschaften und der Stadt Kabul gewährleistet sei.

Mudschahid versprach zudem die Einbeziehung anderer Kräfte in einer neuen "inklusiven" Regierung. Auch bekenne sich das Emirat zu den Rechten von Frauen innerhalb der Scharia, dem islamischen Recht. Sie hätten das Recht, an Bildung und der Gesundheitsversorgung teilzuhaben. Sie dürften weiter studieren, arbeiten und am öffentlichen Leben teilnehmen, etwa im Bildungs- und Gesundheitswesen.

Auch soll Afghanistan nach Darstellung des Sprechers drogenfrei werden. Ab jetzt werde sich niemand mehr am Drogenschmuggel beteiligen, sagte Mudschahid. Die Staatengemeinschaft solle helfen, alternative Nutzpflanzen anzubauen.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit wurde am Dienstag allerdings ausgesetzt. Der EU-Kommissar für Krisenmanagement, Janez Lenarcic, hat jedoch angekündigt, dass die EU das Land auch weiter unterstützen werde.

Angst und Besorgnis bleiben

Auch Medien sollten sich keine Sorgen machen, sagte Mudschahid. Sie müssten lediglich unparteiisch berichten und islamische Werte respektieren. Laut Reporter ohne Grenzen hatte er schon am Sonntag zugesichert, dass Reporter nicht verfolgt würden und auch Frauen weiter für Medien arbeiten dürften – solange sie ihre Haare bedeckten. Allerdings habe Mudschahid den Frauen auch geraten, zu Hause zu bleiben, bis ein "rechtlicher Rahmen" für ihre künftige Arbeit geschaffen sei.

Viele Beobachter warnen davor, die Zusagen der Taliban für bare Münze zu nehmen, da sie immer wieder Vereinbarungen gebrochen hätten. Während ihrer Herrschaft 1996 bis 2001 hatten die Taliban alle Medien mit Ausnahme ihres Radiosenders "Stimme der Scharia" verboten. Ohnehin fürchten viele Afghanen eine Rückkehr dieser Terrorherrschaft, während der Frauen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen waren wie Mädchen von jeglichem Schulbesuch, und die Vorstellungen der Islamisten mit barbarischen Strafen durchgesetzt wurden.

Ein Vertreter der Vereinigten Arabischen Emirate bewertete die Erklärungen der Taliban dennoch als ermutigend: "Nationen werden nicht durch Rache aufgebaut, sondern durch Amnestie, durch Dialog und Toleranz", schrieb Anwar Gargasch, der diplomatische Berater des Präsidenten, auf Twitter.

Taliban wollen keine internationale Isolation mehr

Die "Taliban wollen keine internationale Isolation wie 2001" mehr, erklärte der Südasien-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, Christian Wagner, in einem Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA.

Eine mögliche Zusammenarbeit mit der EU wird laut ihrem Außenbeauftragen Josep Borrell von einer friedlichen und inklusiven Einigung sowie von Respekt für Grundrechte abhängen. Die Taliban hätten den Krieg gewonnen, also werde man mit ihnen reden müssen. Ausdrücklich verwies Borrell in seiner Erklärung aber auch auf die Rechte von Frauen, Minderheiten und Jugendlichen.

Islamismus-Experte Ahmad Mansour hält die Verkündung von Frauenrechten allerdings für ein taktisches Manöver. Er sagte MDR AKTUELL, die Taliban stellten sich, neu und moderner dar. Ihre Ideologie sei jedoch immer noch faschistisch, menschenfeindlich, islamistisch. Das werde nicht dazu führen, dass die Frauen in Afghanistan jetzt irgendwelche Rechte bekommen, neben denen im Rahmen der Scharia – zu leben, Kinder zu kriegen und in der Ehe glücklich zu sein.

USA: Wenig Kenntnis über das Land

Die US-Regierungen hatten einem Bericht zufolge zu wenige Kenntnisse über das Land und haben deshalb viele Fehlentscheidungen in Afghanistan getroffen. Das habe "erheblich zu den Fehlern beigetragen", erklärte der US-Generalinspekteur für den Wiederaufbau in Afghanistan in einem Dienstag veröffentlichtem Bericht.

Die Entwicklung in Afghanistan im Überblick:

Quelle: MDR, dpa, Reuters, KNA

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. August 2021 | 00:05 Uhr

12 Kommentare

Matthi vor 8 Wochen

Egal wie man die jetzige Situation sehen mag eins ist doch klar die Taliban sind zum mehrheitlichen Teil Afghanische Staatsbürger die ihr Land ohne Gegenwehr der Afghanischen Armee und Sicherheitskräfte übernommen haben. Es war vom Westen arrogant zu glauben
diesem Land unsere Werte überstülpen zu können, es hat viel gekostet und nichts gebracht diese Lektion mussten schon andere Nationen Lernen. Es sollte von seitens der EU kein Euro mehr in das Land fließen.

MDR-Team vor 8 Wochen

Liebe Community, bitte vergessen Sie nicht Ihre Mutmaßungen und Theorien stets mit Quellenangaben zu versehen. Nur so ist ein faktenbasierter Austausch unter unseren Beiträgen möglich. Viele Grüße die MDR.de-Redaktion

Ernst678 vor 8 Wochen

Da haben sie völlig recht. Die EU hat gleich jetzt verkündet das sie das Land, Afghanistan, weiterhin unterstützen wird. Bislang waren es etwa 180 Millionen € pro Jahr, und nun haltet euch fest, an die Taliban. Merkt ihr was? Der dreckige Deal der jetzt läuft wurde schon lange vorbereitet, die Übergabe Afghanistans an die Taliban. Oder glaubt ihr angesichts dem wie das gelaufen ist das es etwas anderes war als eine Übergabe, da mag Biden, Merkel und CO noch so überrascht tun.

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