Lage in Afghanistan Gefecht am Flughafen in Kabul – Taliban stellen Ultimatum

Die Taliban haben für die Evakuierungen über den Flughafen in Kabul ein Ultimatum gestellt. Bis 31. August sollen alle westlichen Truppen Afghanistan verlassen haben. Am Flughafen selbst kam es zu einem Gefecht mit zunächst unbekannten Angreifern, an dem auch deutsche Soldaten beteiligt waren.

Bundeswehrsoldaten gehen zu einer Transportmaschine vom Typ Transall C-160.
Bundeswehrsoldaten auf dem Weg zu einer Transportmaschine Bildrechte: dpa

Am Montagmorgen ist es am Flughafen in Kabul zu einem Feuergefecht zwischen unbekannten Angreifern und afghanischen Sicherheitskräften gekommen. Wie die Bundeswehr mitteilte, waren auch deutsche und US-Soldaten daran beteiligt.

Eine afghanische Sicherheitskraft sei dabei getötet, drei weitere seien verletzt worden. Deutsche Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr seien unverletzt geblieben. Informationen, wer die Angreifer waren, gab es zunächst nicht.


Taliban verkünden Ultimatum

Später teilte ein Sprecher der Taliban mit, dass bis 31. August alle westlichen Truppen Afghanistan verlassen haben sollen. Dieses Ultimatum gelte auch für die Evakuierungen. Der Bitte um Verlängerung werde nicht nachgegangen.

Die festgesetzte Frist sei eine "rote Linie", sagte der Taliban-Sprecher. Sie zu verschieben, käme einer Verlängerung der Besatzung durch westliche Truppen gleich. Werde die Frist missachtet, drohten entsprechende Reaktionen.

Eine neue Regierung wollen die Taliban erst verkünden, wenn alle US-Soldaten abgezogen sind. "Es wurde beschlossen, dass Regierungsbildung und Kabinett nicht bekannt gegeben werden, solange sich noch ein US-Soldat in Afghanistan aufhält", zitierte Nachrichtenagentur AFP einen Taliban-Vertreter.


USA schließen Verlängerung noch nicht aus

US-Präsident Joe Biden hatte den 31. August zuvor bereits als Abschlussdatum der Evakuierungsmission genannt, eine Verlängerung aber nicht ausschließen wollen – obwohl er hoffe, dass das nicht nötig sein werde. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte bei "Bild TV", dass die USA prüften, wie gefährlich die Mission am Kabuler Flughafen über den 31. August hinaus sein könne.

Bei einem virtuellen Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der G-7 am Dienstag soll auch über diese Frage beraten werden. Unter anderem wollte der britische Premierminister Boris Johnson für eine Verlängerung werben.


Immer noch chaotische Lage am Flughafen Kabul

Deutschland hat nach Angaben von Generalinspekteur Eberhard Zorn bis zum Montag rund 3.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Unter ihnen seien 1.800 Afghanen, 143 Deutsche sowie 350 Bürger anderer EU-Länder, sagte Zorn. Auf dem Flughafengelände befänden sich aber immer noch rund 5.000 Menschen.

Ein Bundeswehr-Hubschrauber vom Typ H-145M wird in ein Transportflugzeug A400M verladen.
Hubschrauber vom Typ H-145M bei der Verladung für den Einsatz in Kabul Bildrechte: dpa

Am Flughafen Kabul herrscht auch immer noch Chaos. Die Absicherung des Geländes ist nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in zwei Ringe aufgeteilt: Noch existierende Einheiten der afghanischen Armee sicherten den äußeren, der innere werde von internationalen Truppen gesichert, darunter der Bundeswehr.

Das Verteidigungsministerium bestätigte Berichte, wonach Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) am Sonntag eine deutsche Familie aus Kabul zum Flughafen gebracht hätten. Die 19 Jahre alte Münchnerin, ihr kleiner Bruder und ihre Mutter hatten laut "Bild"-Zeitung mehrfach versucht, zum Flughafen zu kommen, seien aber von Taliban gestoppt worden. Bei dem KSK-Einsatz wurden den Angaben zufolge nicht die seit Samstag einsatzbereiten Helikopter genutzt. Die Soldaten seien zu Fuß gewesen.

Die Taliban erklärten unterdessen den großen Andrang am Kabuler Flughafen mit dem Wunsch vieler Menschen, der Armut in Afghanistan zu entfliehen. Ängste vor Unterdrückung durch die Taliban seien unbegründet.


Pakistan will keine weiteren Geflüchteten aufnehmen

Das Nachbarland Pakistan derweil lehnt es ab, weitere Geflüchtete aus Afghanistan aufzunehmen. Pakistans Botschafter in Deutschland, Mohammad Faisal, sagte MDR AKTUELL, "Pakistan hat schon jetzt große Probleme, mit den Flüchtlingen fertig zu werden. In den letzten vier Jahrzehnten haben wir drei oder vier Millionen Flüchtlinge aufgenommen, und wir sind nicht in der Lage, noch mehr Menschen aufzunehmen. Ich denke, die Welt wird das verstehen. Wir wollen natürlich, dass in Afghanistan Faktoren geschaffen werden, die diese Flucht aus Pakistan verhindern."

Stattdessen sollten in Afghanistan Faktoren geschaffen werden, die weitere Fluchtbewegungen aus Afghanistan verhindern. Afghanistan müsse stabilisiert werden. Mit Blick auf die zahlreichen Todesopfer des bewaffneten Konfliktes auch auf der pakistanischen Seite und Milliardenverluste der pakistanischen Wirtschaft sagte er, "Pakistan hat absolut keine Lust, in diese Zeit zurückzufallen, und wir wollen nicht, dass Afghanistan in diese Zeit zurückfällt." Jetzt sei es an der Zeit, Investitionen zu tätigen.


Öl fließt wieder – und möglicherweise bald auch Geld

Unterdessen exportiert der Iran wieder Erdölprodukte nach Afghanistan. Das erklärte der iranische Verband der Exporteure von Öl-, Gas- und Petrochemie-Produkten. Die Taliban haben demnach Zölle auf Treibstoff kräftig gesenkt.

Auch haben sie die Spitze der afghanischen Zentralbank neu besetzt. Das werde helfen, Ordnung in die Institutionen zu bringen und die wirtschaftlichen Probleme anzugehen, mit denen die Bevölkerung konfrontiert sei, hieß es von den Taliban. Seit ihrer Machtübernahme vor mehr als einer Woche sind Banken geschlossen. Der bisherige Zentralbankchef ist geflohen. Verschiedenen Angaben zufolge sind Vermögenswerte der Notenbank aber außerhalb der Reichweite der Taliban.

Derweil haben Taliban-Kämpfer nach eigenen Angaben drei Distrikte in in der Baghlan-Provinz im Norden des Landes von örtlichen Milizen zurückerobert. Das meldete der arabische TV-Sender Al-Dschasira. Die Taliban erklärten zudem, das Pandschir, die letzte nicht von ihnen kontrollierte Provinz, sei eingeschlossen.

In dem nur schwer zugänglichen Tal etwa 150 Kilometer nördlich der Haupstadt Kabul hat Ahmed Massud, Führer der Tadschiken und Sohn des früheren Führers der Nordallianz, Ahmed Schah Massud, mit Ex-Vizepräsident Amrullah Saleh zum Widerstand aufgerufen.

Quelle: reuters, AFP, dpa, epd, MDR

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 23. August 2021 | 11:00 Uhr

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