Kommentar zum Besuch in Moskau Baerbock hat die Feuertaufe bestanden

Tim Herden
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Außenministerin Annalena Baerbock hat sich gegenüber Russlands Chefdiplomaten Sergej Lawrow als eine Gesprächspartnerin auf Augenhöhe erwiesen, kommentiert Hauptstadtkorrespondent Tim Herden. Meinungsverschiedenheiten seien zwar ausgesprochen worden, es gebe aber auch eine Chance auf einen offenen Dialog.

Annalena Baerbock Sergei Lavrov bei einem Treffen
Annalena Baerbock mit Srgej Lawrow bei ihrem Besuch in Moskau. Bildrechte: dpa

Am Ende der Pressekonferenz sieht man Außenministerin Annalena Baerbock die Anstrengung an. Ihr Lächeln ist verschwunden. Ihre Gesichtszüge zeigen Erschöpfung. Zweieinhalb Stunden intensiver Austausch mit Sergej Lawrow laufen nicht unter Smalltalk. Daran sind bereits gewieftere Politiker als Annalena Baerbock gescheitert. Zum Beispiel vor einem Jahr der EU-Außenbeauftragte Josep Borell. Der wurde vor laufenden Kameras von Lawrow abgekanzelt. Baerbock dagegen hat die Prüfung bestanden. Ohne Blessuren. Obwohl sie gerade anderthalb Monate im Amt ist.

Baerbock ist Lawrow mutig entgegengetreten

Baerbock stand nicht nur unter erheblichem innenpolitischen Druck. Auch die europäischen Partner beobachteten scharf, ob sie Lawrow gewachsen sei. Sie ist es. In der Pressekonferenz nimmt sie kein Blatt vor den Mund, betont die fundamentalen Meinungsverschiedenheiten zwischen Russland und Deutschland in der Ukraine-Frage.

Lawrow versuchte zuvor, nach einer Aufzählung von allen behandelten Themen die Auseinandersetzung über den russischen Truppenaufmarsch an der Grenze zum Nachbarland unter ferner liefen abzuhandeln. Aber das lässt Baerbock ihm nicht durchgehen. Sie macht klar, dass die europäische Friedensordnung nicht verhandelbar sei, es keine Grenzverschiebungen geben dürfe und die Drohung mit Gewalt nicht akzeptabel sei. Es so offen in Moskau auszusprechen, verlangt einem Neuling auf diplomatischem Parkett Mut ab und den Zuhörenden Respekt.

Demut gegenüber den sowjetischen Opfern des Weltkriegs

Gleichzeitig macht Baerbock eine deutliche Geste in Richtung Russland, als sie von der deutschen Scham und Ehrfurcht vor den Opfern auf sowjetischer Seite im Zweiten Weltkrieg spricht und der Demut gegenüber der Bereitschaft der russischen Bevölkerung zur Versöhnung. Jeder, der etwas die russische Seele kennt, einmal erlebt hat, wie bis heute das Trauma des Großen Vaterländischen Krieges immer noch in allen Generationen präsent ist, ahnt, wie wichtig diese Botschaft ist. Möglicherweise könnte das noch zum Türöffner werden, um Putin zurück an den Verhandlungstisch im Ukraine-Konflikt zu holen und das Normandie-Format gemeinsam mit Frankreich neu zu beleben.

Balanceakt zwischen den Konfliktparteien Ukraine und Russland

Überhaupt hat Baerbock gerade bei diesem Thema auf ihrer Reise einen mutigen Weg eingeschlagen. Zwischen den Fronten. Sie hat der Ukraine die deutsche Solidarität versichert, aber Waffenlieferungen abgelehnt und keinen schnellen NATO-Beitritt versprochen. Sie hat Russland für den Truppenaufmarsch kritisiert, aber einen Dialog und Schritte zu Sicherheitsgarantien angeboten.

Wohlweislich ist sie offenbar nicht den Ratschlägen des Ex-Diplomaten Wolfgang Ischinger oder des CDU-Außenpolitikers Norbert Röttgen gefolgt, die wie im kalten Krieg die Wiederbelebung des Modells der Abschreckung forderten. Ihr war es offensichtlich wichtiger, die Chance auf einen konstruktiven Dialog zu eröffnen. Einen Fortschritt im Ukraine-Konflikt wird es wohl auch nur geben, wenn sich Deutschland und Frankreich nicht nur als Parteigänger der Ukraine, sondern eher als Vermittler zwischen den verfeindeten Seiten verstehen.

Keiner konnte erwarten, dass Baerbock heute mit einem Verhandlungserfolg vor die Presse tritt. Sie hat ihre Feuertaufe als Außenministerin trotzdem bestanden und damit manche Erwartungen übertroffen.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 18. Januar 2022 | 15:00 Uhr

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