Nach der Wahl 3.000 Festnahmen bei Protesten in Belarus

Mit rund 80 Prozent ist Präsident Lukaschenko erneut zum Wahlsieger erklärt worden. Schon die Prognose löste in der Wahlnacht heftige Proteste aus. 3.000 Menschen wurden festgenommen, fast 100 Menschen verletzt.

Ein Demonstrant spricht mit der Polizei, die mit Schutzschildern eine Straße blockiert.
Noch in der Wahlnacht kam es zu landesweiten Protesten. Beobachtern zufolge sollen allein in Minsk bis zu 100.000 Menschen demonstriert haben. Die Menschenrechtsorganisation Wesna sprach von landesweit 120 Festnahmen. Bildrechte: dpa

Bei den Protesten gegen den Ausgang der Präsidentschaftswahl in Belarus sind mehr als 3.000 Menschen festgenommen worden. Das teilte das Inneministerium in der Hauptstadt Minsk mit. Zudem seien fast 100 Menschen verletzt worden, sowohl auf Seiten der Demonstranten als auch bei den Sicherheitskräften.

Das Ministerium widersprach zugleich Angaben einer Menschenrechtsorganisation, wonach ein Mensch durch Sicherheitskräfte ums Leben gekommen sei.

Die Opposition kündigte am Montag bereits weitere Proteste an. Kurz zuvor hatte die Wahlkommission Alexander Lukaschenko offiziell zum Wahlsieger erklärt. Der 65-jährige Amtsinhaber sei auf 80,23 Prozent der Stimmen gekommen. Seine größte Herausforderin Swetlana Tichanowskaja habe nur 9,9 Prozent erhalten. Der Wahlleitung zufolge gaben 84 Prozent der rund 6,8 Millionen Stimmberechtigten ihre Stimme ab.

Vorwurf der Wahlfälschung

Am Sonntagabend waren in mehreren Städten von Belarus Zehntausende Menschen auf die Straße gegangen, nachdem staatliche Prognosen Lukaschenko mit mehr als 80 Prozent vorn sahen. Die Demonstrierenden warfen dem Langzeitpräsidenten Wahlfälschung vor. In der Hauptstadt Minsk setzte die Polizei Wasserwerfer, Gummigeschosse und Blendgranaten ein.

Lukaschenko bezeichnete die Protest-Teilnehmer Medienberichten zufolge als "vom Ausland ferngesteuerte Schafe". Die Behörden hätten Demonstranten abgehört und "Anrufe aus dem Ausland aufgezeichnet", sagte Lukaschenko demnach am Montag bei einem Treffen mit dem Leiter einer Wahlbeobachter-Mission aus ehemaligen Sowjetrepubliken. Er werde aber nicht zulassen, dass das Land auseinander gerissen werde.

Tichanowskaja beansprucht Wahlsieg für sich

Lukaschenkos Herausforderin Swetlana Tichanowskaja hatte bereits vor dem offiziellen Ergebnis der Wahlkommission angekündigt, keine Niederlage anzuerkennen.

Swetlana Tichanowskaja, Kandidatin bei der Präsidentenwahl in Belarus und Ehefrau des prominenten inhaftierten Bloggers Tichanowski,  gibt ihren Stimmzettel in einem Wahllokal während der Präsidentschaftswahlen ab.
Swetlana Tichanowskaja bei der Stimmabgabe Bildrechte: dpa

Eine Sprecherin von ihr erklärte nach Bekanntgabe der Prognose, die 80 Prozent für Lukaschenko seien "fern jeder Realität".

Einzelne örtliche Wahlkommissionen verkündeten am Sonntagabend Ergebnisse, wonach Lukaschenko eine schwere Niederlage erlitten habe. Tichanowskaja kam demnach teilweise auf 80 bis 90 Prozent der Stimmen.

Alexander Lukaschenko ist seit einem guten Vierteljahrhundert an der Macht und gilt Kritikern als "letzter Diktator Europas".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. August 2020 | 07:00 Uhr

14 Kommentare

Der Matthias vor 50 Wochen

@ vtw

"Wir sind doch die Guten, also haben wir auch das Recht
jeden zu kritisieren, wenn es nicht nach unserem Gustus geht."

Das mit den "Guten" (was wohl irgendwie als abwertender Begriff gedacht sein soll) haben Sie einfach mal so behauptet und als vermeintliche Tatsache voraus geschickt! Was den Rest Ihrer Aussage anbelangt, liegen Sie allerdings richtig: Wir haben tatsächlich das gute Recht, die Vorgänge in Belarus zu kommentieren und, wenn nötig, auch deutlich zu kritisieren (z.B. bei offenkundiger Wahlfälschung). So etwas nennt sich in einer Demokratie Meinungsfreiheit. Und genau in diesem Punkt unterscheiden wir uns z.B. von Belarus oder auch Russland!

Leachim-21 vor 50 Wochen

man kann hier von offenen Wahlbetrug ausgehen und jetzt muss die Weltgemeinschaft zeigten was Sie von wahlbetrug hält und reagieren. nur hätte man dies ja vorhersehen können und vorbereitet sein. um sofort reagieren zu können und nicht erst sehen zu wollen was man jetzt tun könnte

MDR-Team vor 50 Wochen

Hallo Ralf Meier,
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