Humanitäre Krise Vor 20 Jahren begann der Afghanistankrieg - eine Bilanz

Sibylle Licht
Bildrechte: ARD/Tagesschau

Was wird aus den Richterinnen, die Tausende Männer wegen Mord, Folter und Entführung von Frauen angeklagt haben? Was aus Ortskräften wie den Dolmetschern? Aus den Menschen, die Afghanistan nach dem Sturz der Taliban grundlegend ändern wollen? Sibylle Licht analysiert die Lage in Afghanistan, blickt auf die vergangenen 20 Jahre, auf das was war, was ist und eine ungewisse Zukunft.

Bundeswehrsoldaten gehen zu einer Transportmaschine vom Typ Transall C-160.
Nach fast 20 Jahren wurden Ende Juni fast alle Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ausgeflogen. Bildrechte: dpa

Sie war eine der Wegbereiterinnen der Frauenrechte in Afghanistan, eine der standhaften Verteidigerinnen der am stärksten ausgegrenzten Gruppe des Landes: der Frauen. Jetzt ist das Leben der Richterin selbst bedroht. Sie ist eine von gut 300 Richterinnen, die aus Angst vor Vergeltung und Rache untergetaucht sind. Ihr Name muss wie ihr Aufenthaltsort geheim bleiben.

Afghanistans Richterinnen haben Tausende Männer wegen Vergewaltigung, Mord, Folter und Entführung von Frauen angeklagt. Unter den Verurteilten waren auch Terroristen des sogenannten Islamischen Staates. Mit der Machtübernahme öffneten die Taliban die afghanischen Gefängnisse und entließen die Verurteilten. Die Richterin erhält Morddrohungen. "Sie kamen zu mir nach Hause und brachten ein Schreiben der Polizei mit. In dem wurde die Herausgabe von Gerichtsakten verlangt. Es waren Kriminelle, die ich zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt hatte."

Bedrohung vieler Afghanen

Auch sein Name muss geheim bleiben. Der Mann hat fast zehn Jahre für die Bundeswehr in Mazar-i-Sharif gearbeitet. Auch er muss sich verstecken, denn auch er wird bedroht. Er war Dolmetscher für die deutsche Armee, hat für sie den Aufbau von Infrastrukturprojekten in neun Provinzen betreut und als Ausbilder der afghanischen Armee gearbeitet. "Mich kennt man im Norden. Sie wissen über mich Bescheid", erzählt er.

Nur zwei Schicksale von Tausenden, die ihre Hoffnungen auf ein neues fortschrittliches Afghanistan gesetzt hatten und jetzt in einer fast ausweglosen Lage sind. "Wir wollten unsere Gesellschaft von Korruption und Ungerechtigkeit befreien", sagt die Richterin.

NATO-Bündnisfall nach 9/11

1996 eroberten die Taliban ein weitgehend vom Bürgerkrieg zerstörtes Land. Das Taliban-Regime wurde von nur drei Staaten anerkannt: Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate und Pakistan. Iran, Russland und Indien unterstützen den bewaffneten Widerstand der Nord-Allianz gegen die Taliban, bis 2001 die NATO den Bündnisfall nach den Anschlägen auf die USA mit 2977 Opfern ausrief. Washington machte den damaligen Al-Qaida-Führer Osama bin Laden für die Anschläge am 11. September 2001 verantwortlich. Bin Laden und sein Al-Qaida-Netzwerk waren Gäste und Verbündete des fundamentalistischen Taliban-Regimes.

Zwei Tage vor Weihnachten 2001 stimmte auch der Bundestag dem deutschen Einsatz in Afghanistan mit großer Mehrheit zu. Nur die linke PDS war dagegen. Kanzler Gerhard Schröder (SPD) versprach ein zeitlich begrenztes Mandat. Der Frieden sei nahe in Afghanistan. Eine schwere Fehleinschätzung. Die NATO-Mission sollte 20 Jahre dauern.

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Marie-Agnes Strack-Zimmermann (fdp) während der Sitzung des Deutschen Bundestags am 26.03.2021. 6 min
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Deutscher Einsatz in Afghanistan

Nach dem Sturz der Taliban sollte die Mission zunächst den Übergangspräsidenten Karzai stützen und das Land stabilisieren. Die Bundeswehr operierte im Norden des Landes. Je länger der Einsatz dauerte, desto mehr Verluste gab es. 2009 ordnete Oberst Klein einen Luftangriff auf die von Taliban entführten Tanklaster an. Etwa 100 Menschen wurden Opfer, darunter viele Zivilisten. In Deutschland wurde heftig über den Einsatz gestritten.

Die Bundeswehr beteiligte sich an den NATO-Einsätzen "International Security Assistance Force", "Operation Enduring Freedom" und "Resolute Support Mission". Sie bildete afghanische Streitkräfte aus und half bei Infrastrukturprojekten. Die Bilanz nach 20 Jahren: 160.000 deutsche Soldaten waren in Afghanistan im Einsatz, 59 starben. Die Kosten der deutschen Mission für Militär und Entwicklungshilfe: 17.3 Milliarden Euro. Der überwiegende Teil davon ging ans Militär: 12.3 Milliarden Euro.

Humanitäre und finanzielle Krise

Nach der Machtübernahme der Taliban ist Afghanistan in einer schweren finanziellen und humanitären Krise. Weltbank, Internationaler Währungsfonds und die Europäische Union haben ihre Zahlungen für Entwicklungshilfeprojekte eingestellt. Die USA haben die Devisenreserven der afghanischen Notenbank gesperrt. Afghanistan gehörte zuvor bereits zu den ärmsten Ländern der Welt.

Jetzt steigen die Lebensmittelpreise sprunghaft. Viele Afghanen haben ihre Jobs verloren. Eine aktuelle Umfrage des Welternährungsprogramms zeigt, wie groß die Versorgungskrise ist. "Jeder Zehnte hat nicht genug zu essen", sagt Arif Husain, Chefökonom des Welternährungsprogramms. Zusätzlich hat Afghanistan Anfang des Jahres eine Dürre erlebt, die Ernte war schlecht. Hunderttausende sind als Binnenflüchtlinge auf der Suche nach Lebensmitteln.

Bundeswehrsoldaten zwischen afghanischen Menschen 44 min
Der Krieg, der offiziell keiner war, dauerte länger und war verlustreicher als jede andere Bundeswehr-Mission. 59 Soldaten verloren ihr Leben, die Kosten werden auf über 20 Milliarden Euro geschätzt. Die Bilanz fällt zwiespältig aus. Zwar ist das ursprüngliche Ziel erreicht und die Terrorgruppe Al-Qaida in Afghanistan ausgeschaltet. Frauen können an vielen Orten studieren und sogar mitregieren. Die Infrastruktur wurde ausgebaut. Aber ein Großteil der Hilfsgelder ist in den Händen korrupter Politiker gelandet, und wurde statt in Schulen etwa in Dubai-Luxusvillen investiert. Die Taliban rücken scheinbar unaufhaltsam vor. Droht dem Land das gleiche Schicksal wie vor 40 Jahren nach dem Abzug der Russen, als wenige Jahre später eine finstere Religionsdiktatur errichtet wurde? (Archivbild) Bildrechte: MDR

Probleme bei der Arbeit von Hilfsorganisationen

Die internationale Gemeinschaft hat zwar 1.2 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern zugesagt, das Geld sei beim Welternährungsprogramm aber bisher nicht angekommen: "Wir gehen dennoch das Risiko ein und geben Geld aus, das wir noch nicht erhalten haben. Wir brauchen aktuell 200 Millionen Dollar", erzählt Andrew Patterson, stellvertretender Landesdirektor des Welternährungsprogramms in Afghanistan.

Die Taliban-Führung ist dringend auf Unterstützung für die Bevölkerung angewiesen. Sie erklärt, sie wolle auch Frauen erlauben, weiter für Hilfsorganisationen zu arbeiten. Das Welternährungsprogramm aber beklagt, dass Frauen in vielen Provinzen nicht mehr für die UN-Organisation arbeiten dürften. Das Internationale Rote Kreuz warnt inzwischen vor dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems. 2.500 medizinische Einrichtungen wurden geschlossen, über 20.000 Mitarbeiter werden nicht mehr bezahlt.

Umgang Europas mit den Taliban

Die USA, andere westliche Staaten, aber auch Afghanistans Nachbarländer haben die Taliban aufgefordert, gegen Terrorgruppen wie der sogenannte Islamische Staat oder Al-Qaida, vorzugehen. "Die USA und Europa werden ihre künftigen Beziehungen zu dem neuen Regime von Zugeständnissen in Sicherheitsfragen, bei Menschenrechten und der Beteiligung von Frauen abhängig machen", stellen Andrea Schmitz und Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin fest.

"Dagegen werden Nachbarn wie China, Russland, die zentralasiatischen Staaten, Iran und Pakistan zwar ebenfalls ihre sicherheitspolitischen Interessen gegenüber den Taliban betonen, jedoch weniger Wert auf Menschenrechtsfragen legen. Diese Konstellation dürfte die Möglichkeit des Westens, auf die künftige politische und gesellschaftliche Entwicklung Afghanistans Einfluss zu nehmen, erheblich einschränken", so die Analyse der Wissenschaftlerin und des Wissenschaftlers.

Richterinnen müssen aus Afghanistan flüchten

Die afghanische Richterin würde in jedes Land gehen, dass sie und ihre Familie aufnimmt: "Wenn wir weiter in Afghanistan bleiben, werden wir definitiv sterben. Wir wollen Hilfe von der internationalen Gemeinschaft. Es wurde den Fußballspielerinnen geholfen, das Land zu verlassen. Wir wollen ihnen sagen, dass zuallererst politische Fälle Hilfe brauchen. Das sind Menschen, die wirklich in Gefahr sind. Richterinnen und Anwältinnen brauchen ein Gastvisum oder ein temporäres Visum."

Von 300 untergetauchten Richterinnen konnten bisher nur 30 Afghanistan verlassen. Keine davon hat Deutschland erreicht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. Oktober 2021 | 05:00 Uhr

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