Rücktransport unter Zeitdruck Bundeswehr-Abzug aus Afghanistan erfordert gewaltige Logistik

In Leipzig wird am Dienstag eine große Antonov-Maschine mit Material der Bundeswehr aus Afghanistan landen. Das markiert den Beginn des endgültigen Abzugs vom Hindukusch. Doch da die Zeit drängt, ist ein reibungsloser Ablauf alles andere als sicher.

Containerstapler vom Typ Hyster auf dem Gelände der Materialschleuse Resolute Support im Camp Marmal in Afghanistan.
Bis zum 4. Juli müssen 800 Container nach Deutschland verfrachtet werden. Bildrechte: dpa

Verpacken, verkaufen oder vernichten? Vor dieser Frage stehen tagtäglich die Bundeswehr-Logistiker im nordafghanischen Masar-i-Sharif, die derzeit sämtliches Material – von der Patronenhülse über den Duschvorhang bis zum gepanzerten Fahrzeug – durchforsten. Um dann zu entscheiden, was am Hindukusch bleibt und was mit nach Hause kommt.

Eine im Wortsinn besonders schwerwiegende Aufgabe steht den Experten dabei noch bevor. Denn klar ist, dass ein gigantischer Findling aus dem deutschen Feldlager ausgeflogen werden muss. Jener Stein, der Teil des Ehrenhains ist, an dem die Soldatinnen und Soldaten der Gefallenen in Afghanistan gedenken. "Der hat so um die 25 Tonnen. Das heißt, der wird dann mit dem Tieflader in ein Flugzeug verladen, nach Leipzig geflogen und dann hierher nach Potsdam geholt", erklärte kürzlich ein Logistik-Experte des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Der Ehrenhain soll dann im Wald der Erinnerung in Potsdam aufgestellt werden. "Da kommen Angehörige, Kameraden. Und denen ist es auch sehr wichtig, dass es der Originalstein ist", fügte der Logistik-Experte an.

800 Containerladungen auf dem Rückweg

150 Logistikexperten sind einem Sprecher der Bundeswehr zufolge mittlerweile vor Ort in Afghanistan, um den Abzug Realität werden zu lassen. Der Begriff Kofferpacken trifft es nicht wirklich, eher schon ließe sich von Containerpacken sprechen.

Dabei ist Eile geboten, ohne dass die Sorgfalt leiden darf. Klar ist, dass kein Kriegsgerät, keine Munition, keine gepanzerten Fahrzeuge Terroristen in die Hände fallen dürfen. Denn die könnten das unter die Lupe nehmen und ihre Anschlagstaktik künftig entsprechend anpassen. "Das muss sichergestellt werden, dass dies nicht in einem gebrauchsfähigen Zustand übergeben wird", erklärt der Bundeswehr-Logistiker.

Auf dem Rückzug sei eine Armee besonders verwundbar, mahnen Militärs immer wieder, weshalb sich die Bundeswehr nicht nur aufs Container- und Marschgepäck-Packen konzentrieren kann, sondern auch auf die eigene Sicherheit bedacht sein muss.

Geordnet soll der Abzug ablaufen, so lautet die Vorgabe. Das unter Zeitdruck hinzubekommen, ohne es nach Flucht aussehen zu lassen, ist die große Herausforderung. Schließlich ist nunmehr bereits der 4. Juli als Enddatum angepeilt und das Lager in Masar-i-Sharif über die Jahre zu einer Kleinstadt angewachsen. Je kürzer die Zeit für den Abzug, desto mehr muss vor Ort bleiben, so lautete stets die Faustregel. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Bundeswehr damit begonnen, umgerechnet 500 Containerladungen an Material nach Deutschland zu verfrachten. Nun müssen noch einmal 800 Container dazu kommen.

Kein Rücktransport per Eisenbahn möglich

Was nach Hause geht, wird größtenteils ausgeflogen. Auch mit dem Transport per Eisenbahn hat die Bundeswehr zwischendurch experimentiert. Doch das ging bei Testtransporten gründlich schief: "Weil der Zug wohl unterwegs mal auf einem Abstellgleis übernachtet hat, fehlte anschließend alles, was man ausbauen konnte", berichtet der Bundeswehr-Logistiker: "Alles, was abschraubbar war, war weg. Die leere Hülle ist in Deutschland angekommen. Das macht keinen Sinn."

Und so ist die Bundeswehr nun auf die bulligen Antonov-Transportmaschinen dringend angewiesen. Die flogen bislang etwa zweimal pro Woche. Diese Zahl wird sich nun deutlich erhöhen. Und damit die letzte Etappe des fast 20-jährigen Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan einläuten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. Mai 2021 | 06:12 Uhr

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