Evakuierung Deutscher General: "Lage am Flughafen in Kabul dramatisch und chaotisch"

Der für die deutsche Evakuierungsmission in Kabul zuständige Bundeswehr-General beschreibt in dramatischen Worten die Lage am Flughafen. Die ausreisewilligen Afghanen und Ausländer versuchten verzweifelt, ins Innere zu gelangen. Er sprach von einer Suche im Heuhaufen nach ihnen.

Hunderte von Menschen versammeln sich vor dem internationalen Flughafen Kabul
Ausreisewillige Afghanen versammeln sich vor dem internationalen Flughafen in Kabul, um aus dem Land geflogen zu werden. Bildrechte: dpa

Rund um den Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul herrscht weiter Chaos. Bundeswehr-General Jens Arlt, der den deutschen Evakuierungseinsatz vor Ort führt, sprach von einer angespannten Situation. Die Lage sei dramatisch und chaotisch.

Verzweifelte Menschen vor dem Flughafen

Artl befürchtet, dass sich die Lage weiter zuspitzen wird. Er sagte in einer Online-Pressekonferenz des Bundesverteidigungsministeriums, es gebe vor dem Airport einen Ansturm verzweifelter Menschen, die das Land verlassen wollten. Afghanen und Staatsbürger aus anderen Nationen versuchten, in den inneren Bereich des Kabuler Flughafens zu gelangen. Sie hätten das Gefühl, dass ihnen die Zeit davonlaufe.

Die Menschen müssten erstmal äußere Kontrollringe der Taliban rund um den Flughafen passieren, um die Außenbereiche des Flughafens zu erreichen. Zudem gebe Ausgangssperren in der Stadt, Straßen seien verstopft. Die Zugänge zum Flughafen sind von den USA und anderen Nationen besetzt.

Schwierige Suche nach Ausreisenden

Arlt berichtete, dass die Bundeswehrkräfte große Schwierigkeiten hätten, die Ausreisenden zu finden und sicher zum Flughafen zu bringen. Zum einen sei es für viele Ausreisewillige schwierig, überhaupt zum Flughafen zu kommen, weil sie von Taliban-Kontrollpunkten aufgehalten würden.

Satellitenfoto Flughafen Kabul
Satelliten-Aufnahme des Kabuler Flughafens. Bildrechte: dpa

Zum anderen sei das Chaos auf dem Flughafengelände dermaßen groß, dass selbst diejenigen, die es bis dorthin geschafft haben, oft nicht bis zum Abflug-Gate gelangten. Arlt sagte, Bundeswehrkräfte versuchten, in den Außenbereichen die Ausreisenden zu finden. Sie müssten sie dort wie die Nadel im Heuhaufen herauspicken.

Dann müssten sie auch eine Chance haben, die Betroffenen durch die Massen an Menschen in den inneren Bereich des Flughafens zu bringen. Auf dem Flughafen-Gelände selbst sei das Chaos dermaßen groß, dass selbst diejenigen die es bis dorthin geschafft haben, oft nicht bis zum Abflug-Gate gelangten.

US-Posten weisen Ausreiswillige zurück

US-Soldaten bewachen eine Absperrung am internationalen Flughafen.
US-Soldaten sichern den Kabuler Flughafen. Bildrechte: dpa

Der General schloss nicht aus, dass Ausreisewillige, die von der Luftwaffe ausgeflogen werden sollten, von den US-Posten am Flughafen abgewiesen wurden.

Er sprach allerdings von Einzelfällen. Er sagte, eigentlich müssten aber alle Ausreisewilligen, die über die nötigen Dokumente verfügten und deren Name auf den Ausreiselisten stehe, durchgelassen werden.

Taliban erneuern Zusicherung nach sicherer Ausreise

Arlt berichtete auch, dass die Taliban regelmäßig Schüsse abgeben. Augenzeugen berichteten, mit den Schüssen sowie mit Peitschen würden Taliban-Kämpfer versuchen, die Menschen vor dem Flughafen auseinanderzutreiben.

Die Taliban versicherten dagegen, sie würden sich an ihre Zusagen bei der Evakuierung halten. Ein Vertreter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Taliban ermöglichten eine sichere Ausreise nicht nur für Ausländer, sondern auch für Afghanen. Sie würden gewalttätige, verbale Auseinandersetzungen am Flughafen zwischen Afghanen, Ausländern und Taliban-Mitgliedern verhindern.

Afghanen befürchten Rückkehr zu Schreckensherrschaft

Viele Afghanen glauben den Beteuerungen der Taliban nicht. Sie befürchten, dass die Islamisten zu ihrer Schreckensherrschaft der 1990er-Jahre zurückkehren. Damals setzten sie ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung mit barbarischen Strafen durch. Frauen waren vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Die Taliban hatten am Sonntag nach einem kurzen Eroberungszug die Hauptstadt Kabul besetzt und die Macht in Afghanistan übernommen.

Quelle: dpa, Reuters, AFP, MDR

Die Entwicklung in Afghanistan im Überblick:

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. August 2021 | 17:00 Uhr

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