Fragen und Antworten So funktioniert die russische Hyperschallrakete "Kinschal"

Die russischen Streitkräfte greifen nach eigenen Angaben die Ukraine nun auch mit Raketen vom Typ "Kinschal" (Deutsch: "Dolch") an. Bei ihrem erstmaligen Einsatz zerstörten zwei dieser extrem schnellen Raketen demnach ein Treibstoff- und ein Waffenlager der ukrainischen Armee. Kann der Einsatz der neuen Waffen den Kriegsverlauf entscheidend verändern?

Ein Mikoyan MiG-31 Abfangjäger der russischen Luftwaffe fliegt bei der russischen Militärparade zum Tag des Sieges beladen mit einer ballistischen Luft-Boden-Rakete «Kinschal» (Kh-47M2 Kinzhal) durch die Luft.
Die Hyperschall-Rakete "Kinschal" an einem MiG-31-Jagdflugzeug. Bildrechte: dpa

Was zeichnet die "Kinschal" aus?

Nach russischen Angaben fliegen die etwa acht Meter langen Raketen extrem schnell und extrem hoch, bleiben dabei aber manövrierfähig. Ihr Ziel zerstören sie mit einem bis zu 480 Kilogramm schweren konventionellen Sprengkopf oder einem nuklearen Sprengkopf.

Wie schnell sind die "Kinschal"?

Moskau behauptet, dass die "Kinschal" bis zu zehnfache Schallgeschwindigkeit (Mach 10), also etwa 12.350 Kilometer pro Stunde erreichen kann. Im Westen gibt es daran jedoch Zweifel. In einem Nato-Dokument aus dem November 2020 heißt es, es sei möglich, dass die Rakete maximal nur halb so schnell wie von russischer Seite angegeben fliegen könne. Ein herkömmlicher Marschflugkörper vom Typ Tomahawk fliegt beispielsweise nur mit einer Geschwindigkeit von rund 900 Kilometern pro Stunde.

Wie wird die Rakete gestartet?

Die "Kinschal" wird von Kampfjets des Typs MiG-31 in großer Höhe abgefeuert. Erst in sicherer Entfernung vom Flugzeug zündet das eigene Raketentriebwerk. Es trägt die "Kinschal" erst bis zu 20 Kilometer in die Höhe und dann hinab zum Ziel. Beim Start von einer MiG-31 hat das Waffensystem nach russischen Angaben eine Reichweite von bis zu 2.000 Kilometern.

Was für Ziele soll die Waffe zerstören?

Nach Einschätzung westlicher Geheimdienste wurde die "Kinschal" vor allem für Angriffe gegen kritische Militärinfrastruktur in Europa entwickelt. Sie könnte demnach etwa gegen Flugplätze oder Stellungen der US-Raketenabwehr eingesetzt werden. Auch Flugzeugträger kommen als Ziel in Frage.

Wie lange gibt es die "Kinschal" und vergleichbare Systeme schon?

Präsident Wladimir Putin stellte die Raketen im März 2018 als eine von mehreren neuen Superwaffen öffentlich vor. Kurz darauf wurde von erfolgreichen Tests berichtet. Laut Putin sollen die Raketen "unverwundbar" durch westliche Abwehrsysteme sein.

Die Technik hinter den "Kinschal"-Raketen hingegen ist laut dem Sicherheitsexperten Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr in München nicht grundlegend neu. In einem Interview mit der Tagesschau sagte Sauer, "Kinschal" sei keine High-Tech-Wunderwaffe, "sondern geht auf Technologie aus den 1980er-Jahren zurück, die die russische Armee adaptiert hat". Über zusätzliche Fähigkeiten der Rakete wie das Ausstoßen von Täuschkörpern könne man nur spekulieren, so Sauer weiter.

Wie sieht der Westen die neuen Waffen?

Sie werden mit großer Sorge gesehen, vor allem, weil sie strategische Unsicherheit schaffen. "Hyperschallraketen mit ihrer neuartigen Kombination von Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit können alle gegenwärtigen Raketenabwehrsysteme überwinden und verkürzen radikal die Reaktionszeit des angegriffenen Akteurs", schrieb die Münchener Sicherheitskonferenz 2019 in einem Bericht.

Mehrere westliche Politiker hatten sich zuletzt besorgt gezeigt über den Einsatz der Raketen. "Sie haben gerade die Hyperschall-Rakete gestartet, weil es das Einzige ist, was sie mit absoluter Sicherheit durchbringen können", sagte US-Präsident Joe Biden. Je mehr Putin mit dem Rücken zur Wand stehe, desto härter werde die Taktik, die er anwende.

Arbeiten andere Länder auch an Hyperschallraketen?

Ja, vor allem die USA und China. Die Nato listet in einem Papier von 2020 auch Forschungen in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Australien und Indien auf. Teils geht es dabei um die Abwehr solcher Raketen.

Sind westliche Staaten auf russische Hyperschallraketen vorbereitet?

Der Sicherheitsexperte Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr in München bezweifelt das. Grundsätzlich verfüge die Bundeswehr zwar über Abwehrtechnik des US-amerikanischen Patriot-Systems. Wie gut dieses aber gegen "Kinschal"-Raketen schütze, wage er nicht abschließend zu beurteilen, so Sauer im Gespräch mit der Tagesschau: "Ich gehe deshalb davon aus, dass wir in Europa mit Blick auf solche Bedrohungen weitgehend ungeschützt sind."

Mittel- und langfristig sollte laut Sauer daher einerseits mehr Geld in Raketenabwehrsysteme investiert werden; andererseits brauche es auch eine Rückkehr zu Abrüstungsverträgen wie dem 2019 außer Kraft gesetzten INF-Vertrag.

Wird der Einsatz der "Kinschal" den Verlauf des Kriegs in der Ukraine maßgeblich verändern?

Das halten Militärexperten für unwahrscheinlich. Selbst ohne die "Kinschal" sind die russischen Luftstreitkräfte denen der Ukraine deutlich überlegen. Der Einsatz der Rakete gilt allerdings als weiterer besorgniserregender Hinweis darauf, dass Russland entschlossen ist, alle dem Land zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, um die Ukraine zur Aufgabe zu bewegen.

dpa(mkr)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. März 2022 | 06:15 Uhr

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