Russisches Nachbarland Finnland wohl vor Nato-Beitritt - Expertin warnt: Land braucht jetzt schon Schutz

In Finnland wirbt Regierungschefin Sanna Marin offensiv für einen Nato-Beitritt ihres Landes. Die Expertin Claudia Major hält einen Beitritt Finnlands für sehr wahrscheinlich. Gleichzeitig warnt sie vor Vergeltungsaktionen Russlands in der Phase vor der Aufnahme Finnlands. Das Land benötige bereits in dieser Phase Schutz. Auch in Schweden mehren sich die Anzeichen für einen Nato-Beitritt.

Sanna Marin mit Ukraine-Anstecknadel
Die finnische Regierungschefin Sanna Marin mit Anstecknadel in den ukrainischen Nationalfarben: Marin wirbt für einen Nato-Beitritt ihres Landes. Bildrechte: IMAGO/Christian Spicker

Finnland strebt laut Medienberichten eine Nato-Mitgliedschaft an. Die finnische Regierungschefin Sanna Marin warb in einem Gespräch mit dem finnischen Radiosender Radio Suomi für den Nato-Beitritt: "Der Nato-Artikel 5 bietet eine umfassende Sicherheit. Die Nato hat auch gemeinsame Übungen und eine gemeinsame Verteidigungspolitik." Marin kündigte eine Entscheidung über einen Nato-Beitrittsantrag vor Ende Juni an.

Die Verteidigungsexpertin Claudia Major von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) hält einen baldigen Beitritt Finnlands zur Nato für sehr wahrscheinlich. Im Gespräch mit MDR AKTUELL sagte Major, Finnland habe lange gezögert, das habe sich nun aber geändert: "Wir können jetzt schon sehen, dass angesichts des russischen Angriffskrieges wirklich einen Wechsel in der Öffentlichkeit und bei den politischen Parteien gibt." Auch die Nato begrüße die Beitrittspläne, so Major.

Aggressive Reaktion Russlands befürchtet

Russlands Reaktion auf die Ankündigung Finnlands ließ nicht lange auf sich warten. Der Sprecher des russischen Präsidialamtes, Dmitri Peskow, sagte laut der Nachrichtenagentur Reuters, dass das Bündnis ein auf Konfrontation ausgerichtetes Instrument bleibe und eine weitere Nato-Expansion Europa keine Stabilität bringe.

Porträtfoto von Sicherheitsexpertin Claudia Major
Sicherheitsexpertin Claudia Major Bildrechte: Pressefoto SWP Berlin

Finnland droht laut Claudia Major nun die Gefahr, dass Russland die Übergangsphase bis zur Nato-Aufnahme des Landes ausnutzt: "Angriffe können ja auf verschiedene Weise stattfinden. Das muss nicht immer militärisch mit Truppeneinmarsch sein. Man kann ein Land ja auch mit Cyberattacken oder anderen Sachen destabilisieren." Die Nato-Außenminister hätten bei ihrem letzten Treffen aber zugesagt, eine Lösung für die Zeit zwischen Antrag und Beitritt zu finden, sagte Major: "Das ist schon auf dem Schirm."

Finnische Bevölkerung wünscht Nato-Beitritt

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hatte sich in Finnland die Zustimmung für eine Nato-Mitgliedschaft auf 60 Prozent verdoppelt. Der Artikel 5 des Nato-Vertrags bildet den Kern des Verteidigungsbündnisses. Er verpflichtet die Nato-Mitgliedsstaaten, jedem anderen Mitglied beizustehen, sollte es angegriffen werden - wenn nötig auch mit Waffengewalt.

Finnland grenzt an Russland und hatte sich während des Kalten Krieges bereit erklärt, neutral zu bleiben. Die Neutralität zählt laut Claudia Major derzeit aber wenig: Zum einen sei Finnland ohnehin schon EU-Mitglied, zum anderen verletze Russland derzeit etwa bereits den Luftraum von Nicht-Nato-Staaten: "Die Vermittlerposition mit Blick auf Russland läuft gerade sowieso nicht, wird in Zukunft sicher noch mehr leiden, aber Russland hatte bislang auch wirklich kein Interesse."

Auch in Finnlands Nachbarland Schweden mehren sich Hinweise auf einen Nato-Beitrittsantrag. Wie die britische "Times" berichtet, hatten die Nato-Außenminister bereits vergangene Woche über die Bereitschaft von Finnland und Schweden zum Nato-Beitritt gesprochen. Schon Ende März hatte die schwedische Ministerpräsidentin Magdalena Andersson verkündet, dass sie einen Nato-Beitritt ihres Landes nicht mehr ausschließe.

tys, jan (mit AFP/dpa)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. April 2022 | 12:30 Uhr

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