Nahost-Konflikt Gewalt in Israel eskaliert

Nach tagelangen Unruhen eskaliert der Konflikt in Nahost: Seit Montagabend feuern militante Palästinenser Raketen auf Israel. Die israelische Luftwaffe fliegt ihrerseits Angriffe auf Ziele im Gazstreifen.

Raketen werden von der islamistischen Hamas aus dem Gazastreifen in Richtung Israel abgefeuert
Die ganze Nacht über feuerte die Hamas Raketen auf Israel ab. Bildrechte: dpa

Kurz nach dem Ablauf eines Ultimatums der radikal-islamischen Hamas-Organisation haben militante Palästinenser am Montag zahlreiche Raketen auf Israel abgefeuert. Die israelische Armee zählte nach eigenen Angaben mehr als 150 Geschosse aus dem Gaza-Streifen. Dutzende davon seien von der Raketenabwehr "Iron Dom" abgefangen worden, andere seien auf unbewohnte Flächen gestürzt. Ersten Berichten zufolge wurde ein Zivilist verletzt. Nach israelischen Angaben dauerte der Beschuss am Dienstagmorgen noch an. Zu den Angriffen bekannten sich sowohl die Hamas als auch die Gruppe "Islamischer Dschihad".

Sirenen in Jerusalem

In Jerusalem ertönten die Sirenen, was eher selten vorkommt. Die Polizei räumte die Klagemauer und brachte hunderte jüdische Gläubige in Sicherheit. Zahlreiche Einwohner suchten Zuflucht in Luftschutzbunkern. Das Parlament in Jerusalem wurde nach Medienberichten geräumt. Auch in anderen Städten Israels ertönten die Warnsirenen.

Tote und Verletzte im Gaza-Streifen

Als Reaktion auf die Raketen der Palästinenser griff die israelische Luftwaffe eigenen Angaben zufolge 130 militärische Ziele im Gaza-Streifen an. Dabei seien 15 Mitglieder militanter Palästinensergruppen getötet worden. Die Palästinenser sprachen dagegen von mehr als 20 Toten, unter ihnen auch ein Kommandeur sowie neun Kinder. Israels Armeesprecher Jonathan Conricus sagte, das Land befinde sich in der Anfangsphase seiner Reaktion gegen militärische Ziele im Gazastreifen: "Wir sind bereit für eine Eskalation." Der Raketenbeschuss aus dem Palästinensergebiet habe eine "Aggression" dargestellt, auf die die Armee habe reagieren müssen.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, es sei "eine rote Linie überschritten worden". Die Israelis sollten sich darauf einstellen, dass der gegenwärtige Konflikt länger dauern könnte.

Diejenigen, die uns angreifen, werden einen hohen Preis zahlen.

Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident Israel

Palästinenser stoßen mit israelischen Sicherheitskräften auf dem Gelände der Al-Aksa-Moschee in der Altstadt von Jerusalem zusammen
Palästinenser stoßen mit israelischen Sicherheitskräften auf dem Gelände der Al-Aksa-Moschee in der Altstadt von Jerusalem zusammen. Bildrechte: dpa

Hamas stellt Ultimatum

Die Hamas hatte Israel am Montag ein Ultimatum gestellt. Ein Sprecher der Organisation im Gaza-Streifen forderte den Abzug aller Polizisten und Siedler vom Tempelberg sowie aus dem Viertel Scheich Dscharrah in Ost-Jerusalem. Außerdem müssten alle im Rahmen der jüngsten Konfrontation festgenommenen Palästinenser freigelassen werden.

Mehr als 400 Verletzte auf dem Tempelberg

Zuvor waren die tagelangen Unruhen auf dem Tempelberg in Jerusalem ekaliert: Am Montag kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Dabei sollen nach Angaben der Hilfsorganisation Roter Halbmond bis zum Montagabend mehr als 400 Menschen verletzt worden sein. Hunderte Palästinenser bewarfen Polizisten mit Steinen. Die Beamten reagierten mit Blendgranaten, Gummigeschossen und Tränengas. Nach Polizeiangaben wurden zwei Dutzend Beamte verletzt. Auch im Westjordanland soll es nach Angaben von Journalisten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen sein. Demnach gab es in Ramallah, Nablus und Hebron Verletzte sowie in der Stadt Lod südlich von Tel Aviv einen Toten.

Brand auf dem Tempelberg

Vor der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem brach am Montagabend ein großer Brand aus. Mehrere Bäume hatten Feuer gefangen. Die Brandursache ist noch unklar. Die Moschee gilt als drittwichtigste Moschee des Islam. Tausende Gläubige hatten sich dort zur Zeit des Feuers zum Abendgebet versammelt.

Israelis feiern Besetzung Ost-Jerusalems

Angeheizt wurde der Konflikt am Montag offenbar durch einen geplanten Marsch durch Ost-Jerusalem. Er wurde wegen der Angriffe jedoch zunächst umgeleitet und später abgebrochen. Mit der Aktion zum "Jerusalem Tag", einem israelischen Feiertag, sollte an den Sechstagekrieg erinnert werden und damit an die Besetzung Ost-Jerusalems 1967 durch Israel. Das Land beansprucht seither ganz Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser sehen ihre Hauptstadt in Ost-Jerusalem. Völkerrechtlich anerkannt ist beides nicht.

Zorn über Einschränkungen zum Ramadan

Beobachter sprechen von den schwersten Zusammenstößen seit 2017. Anlass ist zum einen die geplante Zwangsräumung mehrerer palästinensischer Häuser im Viertel Scheich Dscharrah in Ost-Jerusalem. Zudem sind viele Palästinenser zornig, weil die Polizei zum Fastenmonat Ramadan Bereiche der Altstadt abgesperrt hat, um Versammlungen zu verhindern.

Proteste in der Türkei, Appell aus Deutschland

In der Türkei versammelten sich am Montag mehrere Tausend Menschen vor der israelischen Botschaft, um gegen das israelische Vorgehen gegen die Palästinenser zu protestieren. Deutschland, die EU, Großbritannien und die USA verurteilten hingegen die palästinensischen Raketenangriffe und forderten eine Deeskalation der Lage – von beiden Seiten. Der UN-Sicherheitsrat kam zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Die Teilnehmer konnten sich jedoch zunächst nicht auf eine Resolution einigen.

Quelle: MDR, dpa, AFP

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 10. Mai 2021 | 19:30 Uhr

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