Interview, geführt am 24.06.2021 Franz Josef Jung: Die Dinge haben sich auch positiv entwickelt

Von 2005 bis 2009 war der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan verantwortlich. Im Interview erzählt er, wie freundlich viele Menschen in Afghanistan den deutschen Truppen begegnet sind, wie er einmal nur knapp einem Sprengstoffanschlag entgangen ist und was den deutschen Soldaten und Soldatinnen nach der Rückkehr am wichtigsten ist.

Franz Josef Jung , CDU , Bundesverteidigungsminister (M), und der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang SCchneiderhahn (r), sitzen im Cockpit einer Transall auf dem Flug nach Kunduz
Franz Josef Jung und der Generalinspekteur der Bundeswehr General Wolfgang Schneiderhahn (r) auf einem Flug nach Kunduz. Bildrechte: imago/photothek

Was würden Sie sagen, war der Einsatz insgesamt ein Erfolg?

Franz Josef Jung: Ich würde ihn gerade am Anfang für erfolgreich ansehen, auch in meiner Zeit noch. Ich bin jetzt etwas skeptisch, im Hinblick auf den derzeitigen Abzug. Weil ich immer gesagt habe, entscheidend ist, dass Afghanistan selbst in der Lage ist, für seine Sicherheit zu sorgen. Und wenn ich jetzt Berichte höre, wo die Taliban entsprechend vorrücken, dann habe ich Zweifel, ob letztlich das Ziel erreicht wird. Deshalb muss ich sagen, habe ich mit Sorge die jetzige Entscheidung gesehen. Aber man muss natürlich hinzufügen, wenn die Amerikaner eine solche Entscheidung treffen, dann gemeinsam rein, gemeinsam raus. Das war ja damals eine amerikanische Entscheidung, sich letztlich in Afghanistan zu engagieren. Aber ich war selbst nun neunmal in Afghanistan. Ich habe seit 2005 die Entwicklung erlebt. Sie wissen, unter der Herrschaft der Taliban durften Mädchen nicht in die Schule, sind die Steinigungen erfolgt auf den Sportplätzen, kein Gesundheitssystem für die Frauen. Ich war in den Schulen. Ich habe die Mädchen erlebt, die sich mit Euphorie engagiert haben, die Hoffnung hatten, die Hochschulen wurden gegründet, wir haben ja in der Hinsicht uns auch als Bundeswehr sehr engagiert.

Die Bundeswehr kriegte ab 2006 die Aufgabe, den Norden Afghanistans zu beschützen. Ein Einsatzgebiet, das halb so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland. Das war ja auch eine extreme Herausforderung, schätze ich?

Franz Josef Jung: Ich war der felsenfesten Überzeugung, dass wir allein militärisch nicht erfolgreich sind, sondern wir müssen das Vertrauen der Menschen dort gewinnen. Deshalb haben wir uns engagiert in Schulen, im Gesundheitswesen, in der Infrastruktur, was auch sehr positiv aufgenommen wurde.

Ich kann mich erinnern, als ich mit dem Hubschrauber von Kundus nach Faizabad geflogen bin, damals durfte man nicht höher als acht Meter über dem Erdboden fliegen. Wenn die Leute die Deutschlandflagge sahen, haben sie ihre Arbeit eingestellt und uns zugewunken.

Was haben sie bei Ihren Besuchen in Afghanistan erlebt? Soldaten, die dort waren sagen, dass es ein undurchsichtiges Land ist mit undurchsichtigen Machtstrukturen, den Warlords, den Taliban etc., Wie haben Sie das empfunden, die Schwierigkeit, da etwas Neues aufzubauen?

Franz Josef Jung: Es war natürlich eine völlig andere Welt. Und deshalb war mir auch klar, dass der Anspruch, der teilweise vorformuliert worden ist, dass wir sozusagen unser demokratisches System, auch unsere Werte in Afghanistan umsetzen, überzogen war. Uns ging es um das Thema der Sicherheit. Das war der entscheidende Punkt. Und ich habe selbst mit Stammesführern gesprochen. Von daher kann ich nur sagen, das ist eine völlig andere Welt. Wir dürfen nicht mit unseren Ansprüchen in Afghanistan agieren, sondern wir müssen sensibel sein, auch im Hinblick auf die Situation der Menschen dort vor Ort.

Viele sagen, der Konflikt konnte eigentlich gar nicht gelöst werden, weil die Nachbarstaaten, allen voran Pakistan, keine positive Kräfte waren, dass aus Pakistan die Taliban unterstützt wurden. Haben Sie das in Ihrer Arbeit mitbekommen und was hat das mit Ihnen gemacht?

Franz Josef Jung: Also, das habe ich schon unmittelbar mitbekommen. Deshalb war ich auch in Pakistan. Ich habe damals auch mit den Verantwortlichen wie dem Militär, aber auch mit dem Präsidenten darüber sehr intensiv gesprochen.

Und ich habe es selbst erlebt, es gab damals die Warnung, nicht mehr von Pakistan direkt nach Afghanistan zu fahren, was aber wegen meines Terminplans dann doch sein musste. Und dann erfuhr ich aus dem Präsidentenpalast, dass ein Anschlag auch auf mich geplant war.

Ich war sehr dankbar, dass unsere Sicherheitsleute die Informationen hatten und wir das verhindern konnten. Wir sind dann über Nebenstraßen zum Flughafen und nicht auf der Hauptstraße. Da stand ein Pkw voll mit Munition und Sprengstoff und hat auf uns gewartet. Das konnten wir gerade umgehen. So etwas musste unterbunden werden. Das war mir ein ganz wichtiger Punkt.

Hier in Deutschland war laut Umfragen ein Großteil der Bevölkerung skeptisch. Wie war das für Sie, die Information hier im Land zu verbreiten, dass es wichtig ist, dass wir in Afghanistan sind?

Franz Josef Jung: Also das eine waren immer die Umfragen, aber das andere waren die Veranstaltungen, die ich gemacht habe. Und ich kann mich erinnern, selbst in Bierzelten in Bayern mit 2000 Leuten, als ich erklärt habe, wie in Afghanistan die Situation aussieht, dass viele Leute dann zu mir kamen und gesagt haben, warum wird das nicht berichtet?

Was haben denn die Leute von Afghanistan wahrgenommen? Doch nur die Berichte, wenn ein Soldat gefallen ist oder wenn es irgendeinen Terroranschlag gab. Doch nicht die Entwicklung, über die wir gerade gesprochen haben, also an den Schulen und Hochschulen, im Gesundheitswesen, auch in der gesamten Zivilgesellschaft, wo sich die Dinge doch positiver entwickelt haben. Das hat doch niemand hier registriert. Und deshalb muss ich sagen, war ich immer ganz froh nach solchen Veranstaltungen. Aber ich weiß auch, wie viele Menschen ich durch Veranstaltungen erreicht habe und welche Menschen durch Medien erreicht worden sind.

Zum Schluss nochmal zur Bundeswehr – was sollte man berücksichtigen, wenn man darüber spricht, was sie in Afghanistan geleistet hat?

Franz Josef Jung: Ich glaube, dass es für unsere Soldatinnen und Soldaten ganz wichtig ist zu spüren, dass sie, wenn sie bereit sind, unter Einsatz von Leib und Leben einen Beitrag für unsere Sicherheit zu leisten, dass sie dann auch die Unterstützung unserer Bevölkerung haben. Das ist glaube ich ein ganz wichtiger Punkt.

Wir haben ja natürlich unsere Einsätze immer nur parlamentarisch abgesichert, das heißt, es geht nur mit Zustimmung des Parlaments, aber wir brauchen dann auch, wie ich finde, die Zustimmung unserer Bevölkerung und das muss vielleicht auch vorher noch deutlicher kommuniziert werden.

Franz Josef Jung (CDU) war von 2005 bis 2009 Bundesminister der Verteidigung, ab Oktober 2009 übernahm er das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Von diesem Amt trat er jedoch nach wenigen Wochen zurück, als bekannt wurde, dass noch in seiner Amtszeit als Verteidigungsminister bei einem von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff in Afghanistan zahlreiche Zivilisten getötet wurden.

Das Interview mit Franz Josef Jung wurde im Rahmen MDR-Fernsehdokumentation "Der Abzug - Die Afghanistan-Mission und was davon bleibt" geführt. Der Film wurde am 2.08.2021 um 23.30Uhr in der ARD ausgestrahlt.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: Story im Ersten | 02. August 2021 | 23:20 Uhr

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